Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang der Zeitströmung, auf den schönen Namen „Nap“ hörte. Nicht wahr, eine ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?

Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine lieben alten Tanten nicht ausgenommen.

Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause, nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.

An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen können: „wer hat von meinem Tellerchen gegessen“ u. s. w. Aber ich ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut nehmen wollten.

Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft, ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen, beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut’ nicht anzuschlagen, endlich nahmen sie a tempo die Brillen ab und sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes, deutliches „Ja!“

Ich wußte, welch’ ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte, von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg fortsetzen.

„Und, liebe, beste Tanten,“ fügte ich noch dringend hinzu, „laßt Nap die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!“

Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in’s Haus gelockt, ahnungslos diesen Labetrank schlürfte.

Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet, zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß, der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, recht gründlich „einzuregnen.“ Unter diesen Umständen eine Fußtour beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also warten!

Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas Unterhaltendes in die Quere — es ging nicht!