„Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!“
Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir Unrecht gethan — nach ihrer Ansicht — und ärgerte sich vielleicht ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.
„So, wie es hier beschrieben ist,“ fügte sie hinzu und reichte mir den kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. „Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus Niemand darum fragen,“ setzte sie treuherzig hinzu, „weil — nun, weil ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe, daß ich eben dieses Besitzthum verloren habe!“
Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige, daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 abzugeben sei.
„Sie können sich einige Worte sparen,“ bemerkte ich; „mit Ihrer Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.“
Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.
„Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,“ begann sie nun ihrerseits etwas schüchtern, „ist es auch ein Andenken?“
„Ja, aber anderer Art,“ erwiderte ich, „mein Andenken hat vier Beine, einen krausen, schwarzen Pelz und bellt — mein Hund ist mir verloren gegangen!“
„Ach, wie schade,“ sagte sie bedauernd, „aber wie kann man einen Hund verlieren!“ setzte sie vorwurfsvoll hinzu.
„Nun,“ gab ich ruhig zurück, „ebensogut, wie man einen Ring verlieren kann, den man am Finger trägt.“