Diesmal saß er, dieser böse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer am heutigen Ausfluge vor einem großen, verstimmten Dorfpianino und gab im Schweiße seines Angesichtes einen etwas unregelmäßigen Walzer zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann.

Als Fritz in der offenen Thüre erschien und suchend nach seinem Hut umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flüchtiger Blick Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: „Tanzen Sie nicht?“

Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut, das wußte er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und gern — fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glücklichen, halb traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mädchen dem Rhythmus eines weichmüthigen Walzers zu folgen, während durch die geöffneten Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten — ade Vernunft, ade Gewissen — eben schreitet der blonde Rival im zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt ihm zum zweiten Male zuvor, und der schönste Tanz beginnt, den er je gehört oder getanzt hat!

Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmäßig, so, das fühlte er deutlich, würde er mit ihr durch das Leben fliegen können! Es mochte ja unrecht und unvernünftig sein, daß er geblieben war, aber der Mensch ist so traurig geartet, daß ihm das Unvernünftige manchmal, oft — um nicht zu sagen meist, am besten gefällt! Und mit dem schönen Gefühl, „nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch ganz gleich, wie weit du dich verrennst,“ gestattete sich Fritz die allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehör!

Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betäuben, steigerte sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen jungen Damen, nein, er bewog sogar die Mütter und schließlich die gute Tante, einen ehrsamen Schleifer unter seiner Führung zu wagen, was nach dem nöthigen Sträuben, Lachen und Fingerdrohen die größte und allgemeinste Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienväter eine Française zu Stande, die an künstlicher Verwickelung jedes Erschaffene und Erfundene übertraf, er entzückte alles, außer dem Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrängt, düster vor der Punschbowle saß, und sich durch Massenvertilgung von Speise und Trank an der Gesellschaft rächte.

Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tücher und Paletots wurden, zu einem wüsten Knäuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und sie sorglich darin einzuhüllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr wieder einnahm.

Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht; sanft und groß stieg der Mond über den schwarzen Baumwipfeln herauf und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels. Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo ihrer Stimme zu den Fahrenden hinüber. Wem sollte da nicht weich ums Herz werden!

Je näher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont herauffunkelten, desto lebhafter fühlte Fritz den Wunsch, fast die Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklärendes, rechtfertigendes Wort zu sagen, und fand keines!

Ihm schlug das Herz mächtig, als er sich in der Stille der Sommernacht, nach all dem Getöse und fröhlichen Lärm, wieder sagen mußte, was er gethan! Das schweigende Mädchen hier neben ihm, dessen liebliches Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ein bleibender Eindruck, vielleicht ein Geschick sich an diesen Tag knüpfen werde.

That er jetzt, was er thun mußte, verließ er sie, ohne sie wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glücklichen Schmetterling, der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten Blüthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder würde das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mädchen in die Welt getreten war, um sofort eine solche Enttäuschung zu erleben. Und doch konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafür, daß er nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.