„Aber Papa!“ rief Käthe vorwurfsvoll und verlegen.
„Ich bitte Sie,“ rief der Baron ängstlich, „das ist ja sehr unangenehm! Alles verborgen? Muß man das?“
„Das frage ich mich schon seit zwei Jahren!“ grollte der Doktor, „denn so lange wohnen sie hier, und was sie sich alles borgen, spottet jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie ließen einmal auf einen halben Tag um mich bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewöhnen! Aber weiter: „die Wäsche muß in dem dazu bestimmten Waschhaus“ —
„Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen Armleuchter bekommen kann?“ sagte das Dienstmädchen und griff bereits nach dem fraglichen Gegenstand.
„Sie sind wohl verrückt!“ schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm, „sollen wir hier im Dunkeln sitzen?“
„Mein Gott, ist es denn schon so spät!“ sagte der Baron, und sah nach der Uhr, „wahrhaftig — halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich muß an meine Toilette gehen — wir sehen uns ja wohl heute Abend beim Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frühe, und wir beenden das Miethsgeschäft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?“
Der gänzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer — das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast zur Thür geleitete.
„Nun borgen sie sich auch schon die Miether!“ sagte er vor sich hin, als er hinausging.
Käthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin — die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten in der Dämmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor der Zukunft gewesen als heut — warum noch nie der Gedanke an die von den Ihrigen so sehnlichst gewünschte Heirath mit dem Hauptmann Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Träume von den kommenden Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen — zum ersten Mal! Käthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt — noch nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefühl zu erregen vermocht — aber es war ihr auch noch nie jemand mit so liebenswürdiger Ironie, mit so gutmüthig überlegenem Ernst entgegen getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lächeln, seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefühl einer Sicherheit und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half das alles! sie kannte seinen Namen nicht — er nicht den ihren — sie würden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.