Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt — aber darauf kam es Leontine nicht an. Käthe, ohne sich klar zu werden, daß diese Äußerung schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, daß der Hauptmann sie nie gesehen hatte, richtete sich hoch auf — das stolze, jugendliche Blut schoß ihr bis in die Stirn — „nun, dann stimmen ja unsere Ansichten über einander auf ein Haar“ — sagte sie — warf den kleinen Mund verächtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Käthe sah heute Abend sehr hübsch aus. Ein einfaches, weißes Kleid ließ ihre jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strauß von Fräulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Gürtel.

Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrüßte sie aufs lebhafteste.

„Guten Abend, Herr Doktor — nein, das ist reizend, daß Sie gekommen sind, Frau Doktorin — und hier ist auch meine kleine Ueberraschung — sie ist freilich ein wenig groß ausgefallen — mein Sohn!“

Käthe blickte auf — und plötzlich drehte es sich vor ihren Augen wie ein feuriges Rad. Der große, blonde Mann, der sich eben mit einem ernsten, wiedererkennenden Lächeln vor ihr verbeugte, war ja ihr Reisegefährte — so mußte es enden! Er hatte sie also erkannt — er hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Käthe sei, von der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzählt hatte, wie dieser selben Käthe von ihm — und was war das Resultat seiner Beobachtungen? — „Verschone mich mit deiner Käthe — ich mag sie nicht!“

Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. „Guten Abend, Herr Baron,“ sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, „also Sie sind doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut mich.“

Der Baron eröffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen über die rothen Nelken, und daran anknüpfend über Fräulein Sabine — Käthe war gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mußte verstanden haben, trat ruhig zurück und sprach weiter mit Leontinen, die noch das curriculum vitae eines Pferdes von ihm verlangte, das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.

Die älteren Herrschaften gruppirten sich indeß um den runden Sofatisch, es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a. D. — in unserem Städtchen waren die meisten Leute a. D. — vielleicht den Bäcker und den Fleischer ausgenommen — und der letzte Gast war ein Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von der Gesellschaft zurückzog, so daß er durchschnittlich nur den dritten Winter in der Welt glänzte.

Die Generalin, deren Enkeltochter in beständigem tête-à-tête mit dem hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Höhe herab und war ganz liebenswürdig — gewöhnlich sprach sie kein Wort. „Wie das junge Völkchen heiter ist!“ bemerkte sie zum fünftenmal, als sie ihre Lorgnette von den Augen ließ.

Die Majorin nickte etwas bittersüß — Käthe saß mit dem Justizrath und dem Baron zusammen, sie war blaß und ziemlich schweigsam, und der Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.

Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt und sich geärgert — aber erstens konnte ihre Käthe ja nicht die Initiative ergreifen, und sodann mußte sie bei der Lage der Dinge doch thun, als ob ihr gar nichts an einer Annäherung der beiden läge. So that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am Kleide zupfte und betrübte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen Leute warf, dann lächelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der Generalin, daß „das junge Völkchen so heiter sei.“ Ihr Mann umschlich die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger — immer den Baron im Auge, der ja sein präsumtiver Miether war. Durch die unerhörtesten Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des Betreffenden zu erregen — der Baron wandte sich um.