Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus — sie wußte nicht, was sie von dem veränderten Wesen ihrer Tochter denken sollte — und ehe nicht feststand, daß der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.

Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklärt, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihm der Erfolg seiner Werbung zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten auf das entscheidende Wort warten läßt. Und er wartete nun schon eine ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen müssen, und jetzt saß alles so gemüthlich in den Stühlen zurückgelehnt, als sei dies con amore Nachtafeln das Beste vom ganzen Abend.

Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: „alles nimmt ein Ende.“ Die Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel des Amüsements befinden mochte, rückte hörbar mit dem Stuhl — die andern folgten. In dem Moment mußte Käthe aller menschlichen Berechnung nach emporsehen — sie that es! Der Hauptmann erhob sein Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen Augenblick. Da — o Freude! — nahm sie ihr noch unberührtes, volles Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an — erröthete dunkel — und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!

Nun war alles gut! Der Hauptmann wußte, ohne ein gesprochenes Wort, wie die Sache stand — hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklärung, so war er doch ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!

Als der Hauptmann daher im Trouble des „Gesegnete Mahlzeit“wünschens Käthe zuflüsterte: „darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen?“ genügte er damit eigentlich nur einer Form — er wäre auch ohne diese Frage gekommen, und ihrer Zustimmung gewiß gewesen.

Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment unter vier Augen sprechen zu können, trog — kaum waren die zehn Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin abschiednehmend auf ihre Wirthe zu — Leontine folgte, vom Baron auf das liebenswürdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht — das war klar! Am Ende hätte sie heut schon sagen können: „Sprechen Sie mit meiner Großmutter,“ ohne, wie jenes voreilige Mädchen meiner Bekanntschaft, die betrübende Antwort zu riskiren: „wovon?“

Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lächelte sie befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die „Lebensfrage“ schon verblümt herauszuhören geglaubt — „am Ende muß es gerade kein Offizier sein“, dachte sie im Einschlafen, „ein Gut in der Grafschaft ist auch nicht zu verachten! — was steht dort? die 26er oder die 62er?“

Über dem Zweifel schlief sie ein.

Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte Käthe, daß ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie zurückzulegen hatten, noch ein Viertelstündchen zugeben werde. — Die Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit deren Ausführung man in aller Frühe beginnen wollte — da war es hohe Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.

Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male für die Gefälligkeiten — „Morgen in der Frühe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir geborgt haben, liebe Lang“, versicherte sie in der Thür.