„Aber, mein Junge“, sagte die Majorin etwas verwundert, „das weißt du doch!“
„Nun denn, Mamachen — ich bin ja kein Unmensch — siehst du mir gar nichts an?“
Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestürzt zu ihm aufblickte, streckte er ihr beide Hände entgegen: „Gratulire mir, liebe Mama — lieber Vater, ich bin mit Käthchen Lang verlobt.“
Die Exclamationen der überraschten Eltern, besonders der Majorin, bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern, vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, weiß ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt — und wer es nicht weiß, dem wünsche ich von Herzen, daß er es bald erleben und an sich ausprobiren möge.
Als man sich für die späte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man auseinander und zu Bett — d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett, sondern wanderte die Nacht über unruhig und glücklich in seiner Stube auf und ab, was seinem ahnungslosen künftigen Schwiegervater einige Donnerwetter über die Lohndiener von Majors entlockte, die über seinem Kopf immerfort noch ab und zu liefen.
Einen Versuch Käthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen, schnitt der Doktor kurz ab: „Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum Unterhalten“, brummte er, „jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute — wenn sie von früh bis Abends nebeneinander auf der Landstraße hergegangen sind, und des Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzählen.“ Und er entführte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.
So suchte denn Käthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz entlastet zu haben, nur ihre Träume bauten gefällig auf dem sicheren Grunde der jüngsten Vergangenheit glänzende Luftschlösser der Zukunft, in deren lichten Räumen sie die Nacht verbrachte.
Der „nächste Morgen“ ist an und für sich schon etwas Ernüchterndes — nach einem Ball, — nach einem Streit — nach einem abgeschlossenen Geschäft. — Der „nächste Morgen“ in seiner kühlen Beleuchtung zeigt alle Schwächen und Mängel so viel besser, als der dämmernde Abend.
Nur für eine glückliche Braut hat der „nächste Morgen“ nichts Prosaisches — der Zauber ihrer Erlebnisse hält dem grellen Tageslicht Stand — und wie schlimm auch, wenn’s anders wäre! Die Liebe muß ja im Leben durch alle Zeiten wandern, sie muß die schwüle Mittagshitze und die Schauer des Abends tragen helfen, — und zu glauben, daß dies Kinderspiel sei, fällt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und Waffen zum Lebenskampf noch glänzend und neu in der Sonne des Glücks auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrübter Pracht wie glänzende Schleier sich über die Wirklichkeit breiten, so daß sie uns nur wie ein schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.
Käthe empfand dieses frische Glücksgefühl auch so recht, als sie am nächsten Tage aufstand und an ihre täglichen Pflichten ging, deren erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die Zöpfchen der Schwestern mit wahrem Vergnügen, strich den Brüdern die Butterbröte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles heut viel hübscher sei, als gestern.