Die Mutter schlief noch, und Käthe konnte es nicht lassen, die freie Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei Fräulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft ihres Glückes zu verkünden.

Wir dürfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurück, der sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich zur Ruhe gesetzt.

Der Doktor gehörte zu der weit verbreiteten Klasse von Männern, die verlangen, daß die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen werden. Dieser Eigenthümlichkeit wurde insofern genügt, als sein Haus nur meuchlings gescheuert wurde — d. h. man überfiel ihn mit der vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.

So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung an sämmtlichen Stubenböden, auf welchen die zwölf Stiefelsohlen der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters zurückzulassen pflegten. Nur das sanctum des Doktors blieb verschont und wurde für diesen Tag der Zufluchtsort der übrigen Familie.

Die Hausfrau war sehr verwundert, daß Käthe zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu Fräulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher etwas verdrießlich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube, und sah auf die Straße hinab.

Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubniß bat, in einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu dürfen.

Hätte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt, so wäre ihm am Ende der Gedanke gekommen, daß es sich hier um Käthe handeln könne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu folgen, öffnete die Thür zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein — da saß seine Frau.

Aergerlich über diese Invasion schlug er die Thür wieder zu und öffnete das Eßzimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die übrige Wohnung erschloß. O weh — über die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphäre, und aus jedem Raum stieg „ein feuchtes Weib empor.“

Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!

Der Doktor fügte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals in sein Zimmer zurückzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen, und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst „austoben“ lassen — sie verschwand daher in der Küche und schnitt mächtige Frühstücksschnitten für das heut vermehrte Hauspersonal.