Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wäre, und erzählte kleine, geistreiche Aussprüche seiner Eltern und ihres Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht übel nahm, als man Fräulein Leontine leben ließ und ihn ein klein wenig neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die sich für Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen, daß der Baron ganz ernste Heirathspläne hat — die beiden werden sehr gut für einander passen! Aber es soll noch nicht darüber gesprochen werden! — Ja — nicht zu vergessen, auf Käthes Bitten wurde ein Eilbote zu Fräulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.
Da sitzen sie nun alle vergnügt beisammen — jeder hat, was sein Herz wünscht, freilich mehr oder weniger — in den Gläsern funkelt der Wein und alles ruft: „hoch das Brautpaar!“
Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!
[Und doch!]
[I.]
Er hielt die Hausthür einen Augenblick in der Hand, als überlege er, ob er sie, seinen Gefühlen gemäß, donnernd zuwerfen und der Undankbaren da oben eine Art von zornigem Abschiedsgruß senden solle — aber die Vernunft siegte doch — die Thür wurde mit keiner ungewöhnlichen Kraftanstrengung geschlossen — und nun stand er auf der Straße! —
Unwillkürlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von oben bis unten, — nicht als hätte es einen besonders schönen Anblick gewährt, — aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick dort zugebracht, — die blühenden Gewächse hinter den weißen Gardinen hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rößlein vor das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche zierlich zum Gruß gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.
Die Hausthür ließ ihn gastfreundlich ein, — wie viel Stufen hatte die Treppe? — jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein ganz richtiger Mutterbruder, — aber der schmucke, junge Landmann war als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.
Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, — in einem bequemen Stuhl, dessen etwas abgeschabte grüne Saffianlehne durch gelbe Knöpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt, saß der Vater, ein Käppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung eines Monarchen durch wohlgefälliges Brummen zu billigen oder über die unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu schütteln. Seine Frau saß in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet, — diese vorzügliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte sich die Gute fortwährend durch Blicke, Winke und Bewegungen, während ihre Hände Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper in Musik setzten. — Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saßen die vier Kinder dieses gemüthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie her, — die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, — alle vier zeigten entschiedene Stumpfnäschen, stets zum Lachen bereite Lippen und waren blond und blauäugig. Mit der ältesten konnten sich aber die andern nicht messen, — was in Fränzchens Gesicht zierlich und allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches für junge Männer einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.
So war unser Held denn natürlich mit der Zeit dahin gekommen, seine Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, daß er ihr das Streichhölzchen anzündete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel in Brand zu stecken, freute sich über die Blumensträuße, die er aus seinem Garten mitbrachte, und lachte über seine Späße und Erzählungen beinahe so herzlich wie er selbst, — und das wollte etwas sagen!