Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin, daß er einen ganz unglaublichen Brausekopf besaß. Er wurde röther, als es selbst der Dame seines Herzens gegenüber nöthig war, machte ein steifes Kompliment und zog sich zurück. Eins kam zum andern, — die Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, — und schließlich geschah es, daß Fränzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern zu Tisch führen ließ und Karl mit einem schnippischen: „ich bin schon versagt,“ abfertigte.
Aber Karl rächte sich! — Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen, nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtückische durch einen schnellen Ueberblick versichert hatte, daß auch ohne ihn eine ausreichende Zahl von Tänzern da sei, ging er über die Stube, stieß plötzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die ganze Gesellschaft umdrängte ihn besorgt, — Fränzchen allein stand an ihrem Geburtstagstisch und zählte die Blättchen an ihrem Rosenstock, — das erbitterte ihn nun vollends! Er erklärte, er habe sich den Fuß verstaucht, könne unmöglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball zu suchen habe.
Davon wollten sie nun alle nichts hören und Karl blieb, — aber er tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geöffnet, um die nächtliche Sommerluft einzulassen, — er setzte sich hinter die Gardine und dachte zornig darüber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte! Und eigentlich war er ja schuld gewesen, — was mußte er gleich so empfindlich sein! Sie hatte Recht, er war zu spät gekommen, — und es war doch Fränzchens Geburtstag! — Er erhob sich, — es wurde ihm zu heiß hinter der Gardine, — und humpelte, seiner Rolle getreu, über das Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Daß er besser tanzte wie jeder der anwesenden Herren, war klar, — das wußte Fränzchen auch, — und deshalb ärgerte es sie so sehr, daß er heute nicht tanzen wollte, denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.
„Kinderchen, jetzt wird aber aufgehört,“ rief da die Mutter, „es ist schon sehr spät!“
Man war an diese peremptorische Art von Fränzchens Mutter schon gewöhnt, — da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fuß hätten nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Fränzchen mit blitzenden Augen dazwischen trat.
„Es thut mir leid, Karl, wenn du auch wieder hergestellt bist, — ich habe mir soeben den Fuß versprungen — und zwar so gründlich, daß ich glaube, wir würden nie wieder in den richtigen Takt kommen.“
Karl biß sich auf die Lippen und schwieg. — Die tanzenden Paare trennten sich, — man ging umher, um sich abzukühlen, und endlich brach man auf. Daß Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.
Als die Gäste fort waren, trat Fränzchen ans offene Fenster, um ihnen nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, stürzte sich Hals über Kopf in das ungeheure Wagniß, bei den Eltern um ihre Hand zu werben. So — nun war’s heraus, — Gott sei Dank! — er sah seitwärts nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen würde, — aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, faßte das Mädchen an beiden Schultern und drehte sie herum.
„Nun, Fränzchen,“ fragte er in einer Mischung von Rührung und Humor, „was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, — na, du hast dir’s wohl schon gedacht? Nun, Mädchen, so sprich doch, — sag’ Ja oder Nein!“
Da sah sie trotzig in die Höhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein kurzes „Nein!“ drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.