„Nein, ich will nicht und ich will nicht!“ rief das Mädchen jetzt, von Schluchzen unterbrochen, „erst kommt er zu spät, dann ist er so unhöflich gegen mich wie möglich, dann tanzt er nicht und verdirbt mir meinen ganzen Geburtstag, — nennt mich zweimal in einem Athem kindisch, — und wenn er dann zum Schluß für den reizenden Abend gnädig kommt und mich heirathen will, — da soll ich Ja sagen! Ich thu’s nicht, — ich mag nicht aufs Land, ich will überhaupt nicht heirathen und ich wollte, ihr hättet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!“
„Es ist gut, Fränzchen,“ sagte Karl trocken, während sie sich abermals abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, „wir wollen nicht mehr davon sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, — und jetzt kann ich dich nur um Verzeihung bitten, daß ich dir deinen Geburtstag verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht, Tante!“
Fränzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglückt, — dann stürmte Karl davon und der Moment, wo er die Hausthür öffnete und auf die Straße trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fühlte mit Behagen, daß ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heiße Stirn sandte, die er schon längst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, daß er nicht mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.
Der muntere Trab seines Rößleins sagte seiner Stimmung weit besser zu, als die langsame Fortbewegung der Füße, und doch kam er viel zu früh für seine Wünsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit längerer Zeit mit so anmuthigen Zukunftsträumen ausgeschmückt hatte, dünkte ihm unwirthlich und öde, — er erschien sich wie Einer, der zu einer schönen Reise gerüstet auf den Bahnhof ging, den Zug versäumte — und mit entsetzlich ernüchterten Gefühlen den Heimweg antritt. Dieses letzte Gleichniß leuchtete ihm immer mehr ein, — „aber es giebt ja mehr Züge als den einen,“ sagte er halblaut vor sich hin, „führen sie auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, — man kann auch sonst noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher Gedanke! Aber wohin? — ich kann für die nächsten zwei, drei Tage abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!“
Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner der Provinz häufig zu Sonntagsausflügen benutzten. Für gewöhnlich war er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er für einen jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der nächste zu erreichende Ort — und für Schrobeck entschied sich Karl. Ein flüchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, daß eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rühmen durfte, meist um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, — aber er tröstete sich mit den beliebten „Vielleichts“: „vielleicht ist sie jetzt noch nicht da!“ oder „vielleicht sieht sie mich gar nicht,“ kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten Bücherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.
II.
Als Resultat dieser Abendlektüre sehen wir Karl am nächsten Morgen in grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frühe Stunde — sechs Uhr — hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet, denn „fort, — nur fort!“ war seine Losung und der erste Zug ging um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewählt, daß er der Eingangsthür den Rücken wandte und doch im Stande war, mit Hülfe eines ihm gegenüber hängenden großen Spiegels Alle zu beobachten, die den Wartesaal betraten.
Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln vermocht, — zwei verschlafene, verdrießlich aussehende Damen, deren eine ein Kind in unaufhörlich schaukelnder Bewegung erhielt, ließen in ihm nur den Gedanken aufsteigen: „Gott bewahre mich vor solcher Gesellschaft!“ Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nähe, der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Büffet sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, — vor diesem graute ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hübsche Brünette, die mit einem schwarzen Hütchen geschmückt war, auf dem sehr naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling hätten durstig machen können. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergnügt aus, und aß, trotz der frühen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.
„Das wäre schon eher Etwas!“ dachte Karl bei sich.
In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung, bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren möchten. Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in ihm den unmännlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwünschtes Aufsehen zu erregen.