Ein etwa vierzehnjähriger Bursche, blond, blauäugig, stumpfnäsig, mit einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr ähnlichen blauen Augen, blonden Haaren und einem großen Hut, der vergebens die Röthe der Augenlider zu verdecken bestrebt war, — Fränzchen und ihr ältester Bruder!
In Karl’s Gehirn führten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus, — er fühlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, — und zugleich die beschämende Zuversicht, daß es etwas Dummes sein würde, — endlich that er, was meist das Klügste ist, was man thun kann, — wenn es die Menschen nur einsehen wollten! — er wartete ab!
Fränzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie stützte den Kopf in die Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen ließ seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie glücklich im Spiegel Karl’s wohlbekannte Züge entdeckt hatten. Doch im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, — und nickte! Ja, noch mehr, — als Karl mit der Hand nach dem soeben geöffneten Perron zeigte, dann auf sich selbst und schließlich auf Fritz, Fränzchen aber durch ein abwehrendes Kopfschütteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon draußen haltenden Zuge einen Platz für sie belegen, sie solle ruhig hier bleiben.
Fränzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand über die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mädchen durch einen dicken Wandpfeiler unmöglich wurde.
Fritz, der während dessen an den Coupés umherirrte, wurde, wie die Taube vom Stoßvogel, von Karl gepackt und festgehalten.
„Wo wollt ihr hin, Unglückskinder?“ stieß Karl hervor, den Sekundaner mit Blicken durchbohrend.
„Nach Schrobeck,“ erwiderte dieser, sich mit einer mehr kräftigen als anmuthigen Bewegung von den Händen befreiend, die seine Schultern hielten.
„Nach Schrobeck?“ wiederholte Karl dumpf, „dachte ich mirs doch! Aber warum gerade dorthin?“
„Weil Tante Amalie dort ist, — ich bringe die Fränzchen nur vor der Schule auf den Bahnhof, — sie fährt allein!“
„Und ich fahre auch nach Schrobeck,“ sprach Karl in düsterem Tone, sein Billet emporhaltend.