Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum Andern, von dem so sehr gefaßten, jungen Mann zu dem fassungslosen Mädchen, — und schüttelte unmerklich den Kopf.
Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wäre. Er legte seine Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und begann dann, über Fränzchen weg, die kleine Brünette mit freundlichem Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Fränzchen durch Entfaltung seiner glänzenden Unterhaltungsgabe tief fühlen zu lassen, wen sie verschmähte.
Um Karl’s veränderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz auf weiß zu wissen, daß Fränzchen gleich nach seinem Weggehen den ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwärzesten Betragens angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hören wollen, wahrscheinlich weil das gegen ihre Würde gestritten hätte. So habe denn der Vater beschlossen, um ihr über die nächsten, unbehaglichen Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben zu dürfen, daß, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage, er ein um so freudigeres „Ja“ für das trotzige „Nein“ von gestern erwarten dürfe.
So wußte denn unser Held, woran er war, — und wer das nicht weiß, kann erst den unschätzbaren Werth dieser Kenntniß ganz würdigen.
Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame stand auf und rüttelte mit beiden Händen an dem geschlossenen Coupéfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und Karl sprang mit einem verbindlichen „erlauben Sie mir!“ auf die gegenüberliegende Seite und öffnete das Fenster, sich bequem an diesem niederlassend.
Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige Schweigsamkeit aufgeben zu müssen. Karl eröffnete die Unterhaltung mit der geistreichen Bemerkung:
„Jetzt ist es nicht mehr so heiß, durch das offene Fenster kommt ein angenehmer Luftzug.“
Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der Zustimmung, und fügte bei:
„Darum kam ich eben auf den Gedanken!“
„Es war ein sehr kluger Gedanke,“ sagte Karl verbindlich.