Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.

„Seltsam,“ begann er jetzt, als sie mit einander durch die menschenleeren, mondhellen Straßen schritten, „wie diese Botschaft für den Doktor an unser Gespräch anknüpfte!“

„Inwiefern?“ frug sein Begleiter überrascht.

„Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie müssen wissen, Brandeck und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem alten Baron Rüdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas vernachlässigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen Rüdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art Jugendliebe oder Kinderliebe der schönen Edith war.“

„Und warum wurde nichts daraus?“

„Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau’s — cela va sans dire — dadurch, daß Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen, verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam der junge Rüdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen den Abschied und ging als Fähnrich oder blutjunger Lieutenant nach Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Und seine schöne Jugendliebe ist ja getröstet, wie ich mich heute überzeugen konnte!“

Sie waren bei ihrem Gespräch vor Ravens Haus angelangt.

„Wie ist mir denn,“ sagte Schrader, „das Majorat ist einer andern Linie zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch öfters von einem Bruder!“

„Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe einen Sohn, Carl Düringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus, es ist sündhaft spät geworden!“

Die Hausthür schloß sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.