O Gürtel und Schleier, o bräutlich Gewand!
Der Heini von Steier ist wieder im Land!
Der Spätherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise knisternden Teppich aus gelben Blättern über die großen Rasenplätze im Wolfsdorfer Park und verschüttete den breiten Wallgraben rings um das Schloß mit dem Laub der uralten Weinstämme, die an den grauen Mauern emporkletterten, und im Sommer als lichtgrüne Fahnen von den Thürmen wehten.
Der alte Baron Rüdiger, auf dessen Grabhügel jetzt die Octobersonne schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schloß sein mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen und düster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch immer mußte der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrücke harren und wurde vom Thurmwächter mit Hörnerschall begrüßt. Und daß alle diese Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverändert blieben, dafür hatte der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.
Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten Empfindungen und Gefühlsäußerungen im weitesten Kreise hervorgerufen. Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten Lieutenant Gerald von Rüdiger, zum Universalerben seiner beiden Güter, Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermögens.
Ein Aufruf in allen Blättern meldete dem Betreffenden, dessen zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. „Falls er sich nicht einstelle,“ so lautete die letztwillige Verfügung, „sollte ein Curatorium durch zehn Jahre lang die Güter für ihn verwalten, und ihm bei seiner etwaigen Rückkehr unverzüglich übergeben.“ Erst nach Ablauf dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig über den Besitz verfügt.
Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es geschehen, daß wenig Wochen nach der Testamentseröffnung der „verschollene“ Rüdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zügel der Regierung ergriff.
Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen. Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten außerdem den tollköpfigen Junker von klein auf gekannt und gönnten ihm sein unerwartetes Glück und vor Allem, Rüdiger verstand es, mit ihnen umzugehen.
Wo er sich zeigte, mochte er zu Fuß über die Stoppeln schreiten, und den Gruß der Vorübergehenden freundlich erwidern, mochte er in der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein übermüthiges Lachen, sein schönes, tiefgebräuntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit und Sicherheit eine gewisse unbezähmte Kraft fremdartig anmuthete, hin und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme, offene Herzensgüte, die für jeden Bedrängten ein williges Ohr, eine offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.
So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden, und fand sich in seine gänzlich veränderte sociale Stellung, vom heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz genügendes Anrecht auf seinen alten Namen „der tolle Junker!“