Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er stürzte sich vorläufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thätigkeit, und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten.
Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines zurückgezogenen Lebens bis dahin ermöglicht, der Tochter des Hauses, Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre Aussteuer besorgt hatte.
Der Hochzeitstag rückte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen voraus, daß die Fürstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren Einfluß geltend machen würde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch mußte dieser Schritt anstandshalber verzögert werden, bis die Trauung stattgefunden hatte.
Der Bräutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.
Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen. Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten über sich, Ediths Rappen anders zu berühren, als daß er ihm mit weit von sich gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schüchternheit und Zaghaftigkeit seines ganzen Wesens trat überhaupt auffällig zu Tage, nie aber mehr, als im Zusammensein mit seiner Braut.
Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen, in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze Hütchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, über die Schultern herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden, schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben ihr einherschritt. Das Gefühl des verlegenen Unbehagens, welches ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem gutmüthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich beständig ab, etwas zu finden, womit er Edith unterhalten könne, und es gelang ihm nie.
Edith gab sich keine Mühe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schöner Herbstabend ist ein mächtiger Zauberer; mit den weißen Fäden, die vom Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hängen bleiben, spinnt sich gar zu gern ein Stück Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es tändelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen — und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trüb vor die Augen — Herbstspiel!
Endlich brach Erting das Schweigen.
„Haben Sie noch einen Auftrag für mich, Edith? Ich kann ja Alles bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?“
Es lag eine Art schüchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu überhören schien.