Sie reichte ihm die Hand.

„Wenn Sie ins Schloß gehen, so sagen Sie Mama, ich hätte meinen Ritt für heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien,“ rief sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und während er stand und ihr nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdämmerung der Parkgänge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck angelangt war, wurde es ihr klar, daß sie, einem unbewußten Zuge folgend, den Lieblingsplatz früherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fuß betrat, und der schon seit Jahren unbeachtet grünte und wucherte. Hier war es so schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender Rosenblätter flog über die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.

Als die schöne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener Wassersäule auf den Rasen niederließ und mit gedankenschweren Augen in den blassen Abendhimmel sah, hätte die Elfe dieser einsamen Stelle, die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht lieblicher verkörpert werden können.

Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorüber, eine längst in der Ferne verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie früher hier gesessen, das verschüchterte, kleine Mädchen, unbewillkommnet und unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschöpf des Waldes. Bald gesellte sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem Bilde des einsamen Kindes — an diesem Plätzchen hatte er sie stets zu finden gewußt. Die Lücke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf trennt, war wohl längst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer durchzuschlüpfen verstanden.

Dann saßen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden größer und ernsthafter, aus den Märchen, die sie sich erzählten, wuchs langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des übermüthigen Spielkameraden, und ein kühler, stiller Sommermorgen, an dem Gerald Rüdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum letzten Lebewohl; damit war’s aus gewesen!

Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen daran geglaubt, so war sie eben thöricht gewesen; fünfmal hatten seitdem die Rosen geblüht, und kein einziges Briefblatt, kein Gruß aus der wilden Ferne, in die der Jüngling damals so kühn und abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, daß er noch ihrer gedacht!

Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein Majorat gekostet — und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die um so härter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren mußte. Es kamen unsäglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich der ganzen Heftigkeit ihres ungezügelten Temperaments überlassend, es Edith täglich und stündlich zum Vorwurf machte, daß sie geboren, daß sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natürlich auf das verlorene Majorat zurückgeführt, kein Augenblick, der nicht tausend Kränkungen für das Mädchen gebracht hätte! Und als nun wieder ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast fürstliches Vermögen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr gekränkter Mädchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie frug, warum sie doch nachgegeben!

Am Tage ging es gewöhnlich gut, ganz gut!

Man ließ sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Fürstin von T.... hatte es sich förmlich erbeten, für die Aussteuer sorgen zu dürfen. Edith mußte tagtäglich mit ihrer unermüdlichen Beschützerin umher fahren, in den glänzenden Läden der Residenz Bestellungen machen, Möbelstoffe und Tapetenfarben wählen. Die Abende führten sie dann meist in Gesellschaft oder ins Theater, und dem klösterlich erzogenen Mädchen war dies Treiben so neu, so fremd und berauschend, daß sie zeitweise dachte, es sei wohl wirklich ein glückliches Loos, das sie gezogen!

Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue sich ihr auf die Lippen drängen, und aller trügerische Glanz war fort — verwischt — zwei übermüthige blaue Augen blitzten sie an — und es war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.