Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewiß vermißte man sie schon, wer hatte sie auch geheißen, gerade heute den alten Platz aufzusuchen? Sie schritt hastig vorwärts, um auf einem Umwege über die waldige Fahrstraße ins Schloß zurückzukehren, und den Abendwind ihre heißen Augen kühlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenüber trat.

Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des Reitkleides emporhaltend, einen Büschel frischen Haidekrauts im Gürtel, mit dem ihre Hand spielte, ließ ein Knistern und Knacken in den Zweigen sie überrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?

Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestümen Sätzen auf sie zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebräunten, wildschönen Zügen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jüngling von damals, aber wann und wo hätte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenüber — ihr war, als müßte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf Jahre, auf immer!

Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln ließ. So standen sich Beide still gegenüber, Keins fand einen Laut zur Begrüßung, an ihrem Fuß klirrten die goldenen Ketten eines reichen Freiers, und er wußte es!

Endlich überwand sich Edith zum ersten Wort, „wir haben uns lange nicht gesehen, Gerald,“ und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.

Wie beängstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte, ohne auf ihren Gruß zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem fort:

„Ich war mehr wie überrascht, Sie so plötzlich vor mir zu sehen, seit einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise fehlte noch jede Nachricht über Sie, man hielt Sie allgemein für verschollen.“

„Das Gerücht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen,“ erwiderte er langsam und mit erzwungener Ruhe, „auch war die Annahme nicht „allgemein,“ wie Sie sagen. Eine hat immer von mir gewußt, haben Sie sich in den ganzen, langen fünf Jahren nicht um meine Mutter bekümmert?“

Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurückweisen, ehe sie sprach.

„Ich hatte keine Berechtigung dazu,“ sagte sie kalt, „warum haben Sie in den „ganzen langen fünf Jahren“ nicht einmal direct von sich hören lassen?“