Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.
„Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und hätte auch in den ersten Jahren verzweifelt wenig Rühmenswerthes von mir zu erzählen gewußt! Ich habe mich in allen Sphären des Lebens umhergetrieben, nur in keiner, die ich Ihnen hätte anschaulich machen können oder mögen! Sie wissen, ich habe es mündlich nie verstanden, mich besser zu machen als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer hörte, daß es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, daß Sie auf dieselbe Art auch von mir hören und an mich denken würden.“
Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.
„Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschätzt, Baron Rüdiger; man mag in meiner „Lebenssphäre“ nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur Vollkommenheit — zu vergessen, wo ich vergessen war!“
Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand über die Stirn. Er stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen Schritt auf sie zu.
„Edith,“ sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, „einen solchen Ton mag ich nicht von Ihnen hören, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er ist des Mädchens nicht würdig, die an einem kühlen Frühjahrsmorgen mit Thränen in den Augen zu mir sagte, „wenn Sie auch wiederkommen, Gerald, Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben!“ Diese Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich hörte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag, in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thörichten Träume von der Heimath träumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie „vergaß,“ wie Sie sagen, da träumte, Edith? Von einem alten Schloß, wild und einsam, unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster standen, wenn die Nachtigallen schlugen —“
„Hören Sie auf,“ unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, „selbst wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das Recht, solche Worte anzuhören — ich bin Braut!“
„Man hat es mir erzählt,“ sagte Rüdiger finster, „und ich habe erst gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie mit meinem stolzen Mädchen angefangen, durch welche Teufelskünste ist sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre! Wissen Sie, was Sie thun?“
Sie schwieg und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie antwortete — die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorüber!
„Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage,“ erwiderte sie hochmüthig, „aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen! Ja, ich weiß, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er groß und zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?“