Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers, einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wußte.
Dann aber fühlte sie doch das Bedürfniß, ihren Sohn zu beschwichtigen. Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.
„Mein liebes Kind,“ sagte sie ängstlich, „so sei doch nicht so heftig! Daß ich nur dein Glück im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit Edith drängte, weißt du ja! Und warum solltest du nicht glücklich mit ihr werden? Ist sie nicht das schönste und liebenswürdigste Mädchen, das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so viel chic!“
„Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefällt es nicht, und außerdem gehört das chic und was du sonst sagst, nicht zur Sache. Antworte mir einmal einfach: glaubst du, daß Edith mich liebt?“
Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes sich so fest auf sie richteten.
„Was verstehst du unter lieben?“ frug sie ausweichend.
„Nun, ungefähr, was du darunter verstandest, als du meinen Vater heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glänzende Existenz bieten konnte! Oder ungefähr, was ich darunter verstand, ehe Martha unter fremde Leute gehen mußte, damit ich eine vornehme Heirath machen konnte!“
„Ludwig,“ sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der Sohn, „reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau rückgängig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting erhältst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natürlich nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurück holen lassen; also du hast es in deiner Hand, wie lange Martha „unter fremden Leuten“ sein soll! Ich dachte, du hättest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem Kopf geschlagen!“
„Reden wir nicht mehr davon,“ sagte Erting finster, „ich habe mich vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser übermüthige Junker, der Rüdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein unverschämtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm zeigen, daß man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter — du weißt, ich habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich todtschießt, so hast du wenigstens das tröstliche Bewußtsein, daß ich vornehm umgekommen bin!“
Der Wagen hatte während dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau Erting aussteigen.