„Gute Nacht, Mutter,“ sagte er dann, „da kommt schon einer von unseren Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir heute ganz dienlich sein!“
Und damit wandte er sich ab und ging die Straße hinunter, während die Mutter, halb entsetzt, halb stolz über den heldenmüthigen kleinen Eisenfresser, im Hause verschwand.
Entflieh’ mit mir!
Die Fürstin ließ es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen, die gefährlichen Zusammenkünfte zwischen dem Brautpaar und Rüdiger zu veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes kleine faible für Rüdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der er in Berührung kam, hervorrief, theils auch ergötzte es sie, die Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rüdiger zu beobachten. So jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste nach einander, und immer war der „tolle Junker“ der Held aller dieser Festivitäten.
Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte, und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte, das wußte Niemand. Die kühle, vornehme Zurückhaltung ihres Wesens hätte jede Frage von vorn herein zurückgewiesen, und ob sie selbst sich fragte? Sie ließ sich von dem glänzenden Strome der Gegenwart dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewußt ist, daß wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so größerem Entzücken weiter träumen. Das dunkle Gefühl, daß die Wellen dieses Stromes sie vielleicht plötzlich erfassen und in den Abgrund ziehen könnten, kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrückt, wie es entstand.
Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glänzender Maskenball die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte Edith, die mehrere Tage bei der Fürstin gewohnt hatte, nach Brandau zurück.
Der Maskenball war glänzend und es herrschte nur eine Stimme vollster Befriedigung. Die Fürstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie selbst war natürlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdruß, und so blieb ihr nichts übrig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend, solche in möglichst großer Zahl unter ihren Gästen anzustiften.
Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Fürstin einen altdeutschen Anzug gewählt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen Gewande, mit den herabhängenden, schweren Goldflechten sinnend am Fenster lehnte, hätte allerdings das „Gretchen“ nicht reizender gedacht werden können. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch den wehmüthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von der Mädchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen neuen und geradezu hinreißenden Zauber verlieh.
Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewählt, aber seine schüchterne Unbehülflichkeit ließ ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine Prätension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fühlend, am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher Zuneigung und Mitleid gemischten Gefühl, welches sie stets für ihn empfand, auf ihn zu.