Und mit einem hochmüthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische, und nahm Geralds Begrüßung mit um so seltsameren Gefühlen entgegen, als der leidenschaftlich entzückte Ausdruck, mit dem er sie erkannte, schneidend von dem Wesen Ertings abstach.
Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man demaskirte sich, und als Rüdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog, da folgten Aller Blicke bewundernd und — bedauernd dem herrlichen Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und jetzt stillstehend, unwillkürlich an zwei schlanke Edeltannen denken ließ, die neben einander und für einander gewachsen schienen.
Noch nie hatten Beide, Rüdiger und Edith, es so klar empfunden, was sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefühl „des letzten Males“ ihrem Beisammensein einen erhöhten Reiz verlieh. Noch nie hatte Rüdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu sprechen — und Edith, im Gefühl einer an ihn begangenen Härte, wies ihn nicht zurück!
„Und übermorgen ist Ihr Polterabend!“ sagte Gerald jetzt ohne Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal nach einem kühleren Zimmer schritt. Sie ließ sich ermüdet in einen Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem großen Fächer Kühlung zu, ohne zu antworten. „Erlauben Sie!“ sagte er jetzt, und nahm den Fächer aus ihrer Hand, „das paßt nicht für Gretchen — überlassen Sie es Faust!“
„Sie sind nicht Faust!“ erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf, um ihn anzusehen.
„Vielleicht doch! Die Fürstin wollte mich wenigstens sofort dafür erkennen, freilich hat sie mir dies Kostüm auch warm genug empfohlen!“
„Abscheulich!“ rief Edith erröthend, „weil sie wußte, daß es Ludwig kränken würde!“
„Und warum soll Ludwig sich nicht kränken lassen?“ sagte Rüdiger höhnisch, „soll ich das ganz allein thun?“
„Sie brauchen sich ja auch nicht zu kränken!“
„Das ist auch nicht das Wort für meine Empfindungen: ich gräme mich, ich habe die rasendsten Pläne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf und Herzen aussieht!“