„Ich bin gar nicht neugierig!“ erwiderte sie anscheinend ruhig, aber mit leicht bebender Stimme, „überdies kann ich es mir denken!“
„Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!“
„Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewöhnlicher Zustand!“
„Und wenn es wäre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, daß Sie Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fällt die Verantwortung für jede, auch die größte Thorheit und Schlechtigkeit, die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!“
Sie schüttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern der kleinen Hände, die zusammengefaltet, unthätig im Schoße lagen, verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie versetzten.
„Entscheiden Sie sich, Edith,“ fuhr er athemlos vor Aufregung fort, „ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, daß ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith,“ er blickte sich hastig um, sie waren allein im Zimmer, „ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er führe mich zum Teufel in die Hölle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener Erde, durchs Fenster können wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind, dürfen Sie auch kein Wort sprechen!“
Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.
„Genug, Baron Rüdiger,“ sagte sie mit gepreßter Stimme, „Sie beleidigen mich tief, tödtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie haben es für möglich gehalten, daß ich, die Braut eines Andern, mit Ihnen davonlaufen würde, um die dürre Wahrheit zu sagen? Und nicht nur für möglich, für wahrscheinlich haben Sie es gehalten,“ fuhr sie fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hieß, „auf wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie kennten mich besser, Baron Rüdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten, mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafür gestraft, daß ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend einräumte.“
Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thür stand er still und zwang sie dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.
„Edith, verzeihen Sie mir,“ sagte er rauh und ohne sie anzusehen, „es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht überlegt, daß Sie der Gedanke kränken mußte; was blieb mir schließlich übrig? Verzeihen Sie mir,“ wiederholte er zornig, als sie schwieg und vor sich niederblickte. „Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen oder es wird nicht gut!“