Die Quadrille nahm indeß ihren Fortgang. Ediths anfängliches Befremden über das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich doch wohl, mußte sich finden, um der Braut Aufklärung zu geben, was ihn verhindere!
„Irgend eine Börsennachricht,“ dachte sie bitter, „das ist wichtiger, als Höflichkeit und Rücksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das läßt sich eben später nicht anlernen!“
Als der Tanz vorüber war und sie Raven mit seinen vielen „Unbegreiflich, unerklärlich, unverzeihlich“ entlassen hatte, trat Rüdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes, aber doch tiefes Roth färbte ihre Wangen.
Rüdiger sah mit unverhohlenem Entzücken in ihr Gesicht. Wenn sie, als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und übermüthiger aus, wie je!
„Darf ich Sie zum Souper hinüber führen?“ frug er, indem er ihr Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.
„Das dürfen Sie,“ sagte Edith, gegen ihr besseres Gefühl, „ich bin ja ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott weiß warum, den Ball verlassen, ohne ein Wort der Aufklärung an mich!“
„Hat er das?“
„Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhört rücksichtslos?“
„Sie wissen, ich fälle nie scharfe Urtheile,“ sagte Rüdiger, der sie zu ihrem Platze geleitet hatte, „er konnte zwingende Gründe haben! Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen — er ist fort, ich bin da, es lebe die Gegenwart!“
Er hielt sein überschäumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte sich zu fast fieberhafter Fröhlichkeit, sein Lachen klang durch den Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des „tollen Junkers“ so geblitzt, wie an diesem Abend.