Der Förster schwieg und bemühte sich, Rüdigers Rock auszuziehen, was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner Unbehülflichkeit ihn daran hinderte.
„Helfen Sie ’mal,“ herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den Händen verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, „heben Sie den Arm in die Höhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.“
Erting, dessen Zähne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte zu gehorchen, aber seine zitternden Hände erwiesen sich als so ungeschickt, daß der Förster ihn ärgerlich bei Seite schob.
„Rufen Sie den Job,“ sagte er, „wir müssen uns eilen, daß wir das Blut stillen, sonst wird das nicht gut!“
„Ich weiß nicht, wo ich ihn finden soll,“ sagte Erting kläglich, dessen durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu einem Nichts zusammengeschrumpft war.
„Dann werde ich ihn holen,“ sagte der Förster, „bleiben Sie hier bei dem Baron!“
Und damit verließ er das Zimmer. Erting blieb mit Rüdiger allein.
Sein erstes Gefühl war, sich ins Fenster möglichst weit von seinem Opfer zu flüchten, aber eine bessere und muthigere Regung überwog. Er nahte sich dem noch immer Bewußtlosen und kniete, obwohl zitternd, neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berühren. In der kalten Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht draußen war Rüdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber bezwungen, starr in die stillen Züge seines Feindes blickte, ging ihm das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schöne, starke Leben hatte er zerstört; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust und Jagdeifer Leben hieß, wahrscheinlich für immer die Freude an solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich bewegungslos herabhing, er würde sich vielleicht nie mehr heben; mit den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entströmten, ging vielleicht die letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!
Wo blieb nur der Förster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thür zu gehen, er hielt förmlich den Athem an.
Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhältniß zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Hätte er nicht ruhiger, nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst, der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie er nun wohl wußte, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief aufstöhnend, den Kopf erhob, und Rüdiger anblickte, öffnete dieser langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.