„Wir wollen die Büchse nicht gleich ins Korn werfen,“ sagte er auf Ertings verzweifelt fragenden Blick, „aber das Ungestüm des Fiebers macht mich besorgt. So viel ich weiß, hat Rüdiger keinen nahen Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.“

„Thun Sie das nicht,“ bat Erting flehentlich, „sagen Sie mir Alles, was geschehen soll, Stein, ich will gewiß nichts an ihm versäumen! Gönnen Sie mir den kleinen Trost für das Schreckliche, was ich in meinem unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!“

Er sah so tief unglücklich aus, daß Stein ihm theilnehmend die Hand auf die Schulter legte.

„Ruhig Blut, alter Freund,“ sagte er tröstend, „Rüdiger ist jung und hat schon mehr Stürme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen übrigens Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzuführen, aber eins sage ich Ihnen, Sie müssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang tüchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!“

Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schloß verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurück. Tage und Nächte saß er nun an Rüdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelöst. Keine Mutter hätte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen können, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekränkt.

Und während dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting fühlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den — freilich seltenen — Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und Freuden einflößte. Oft ertappte er sich dabei, daß er fast mit einem Gefühl von Zärtlichkeit in das schöne, bleiche Gesicht des Kranken blickte, und seine fieberglühende Hand sanft streichelte. Und Rüdiger, der nie die Augen bewußt aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht Ertings zu blicken — der jeden Labetrunk aus den Händen des einst so Gehaßten und Verspotteten entgegennahm — er hatte, unklar, wie die Krankheit ihn denken ließ, doch schon ganz die Empfindung, daß dieser kleine Mann zu ihm gehöre — daß ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an seiner Seite sei.

Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rüdigers Befinden — aus Brandeck und aus der Residenz, und die tägliche Antwort — „noch beim Alten,“ wollte und wollte keiner Besserung weichen.

Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrüten an Rüdigers Lager saß, blickte dieser plötzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.

„Erting,“ sagte er, „mir ist heut auf einmal merkwürdig vernünftig im Kopf, das muß ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, für alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben — Sie sind ein braver, treuer Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!“

„Schweigen Sie doch,“ sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu werden.