Rüdiger schüttelte den Kopf.
„Lassen Sie mich heute reden!“ fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort, „wer weiß, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund, es wird am längsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich reden,“ wiederholte er hastig und erregt, „oder ich springe aus dem Bett, so viel Kräfte habe ich schon noch!“
„Nun, so reden Sie,“ sagte Erting rathlos, als er sah, daß Rüdiger sich mühsam emporrichtete, „aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen Sie!“
„Ich will Ihnen nur sagen,“ begann Rüdiger in kurzen Sätzen und schnell athmend, „daß ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, für den Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem Maskenabend, ins Schloß kam, wollte ich Sie nicht entführen, bei Gott nicht! Ich wollte — ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith“ — er seufzte schwer auf — „also — Edith ein letztes Ultimatum stellen — sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig — und wir geriethen aneinander!“
Er schwieg einen Augenblick erschöpft, fuhr aber gleich wieder fort:
„Da kam mir plötzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn du ihn wegbrächtest? Dann könnte keine Hochzeit sein und du hättest der ganzen Bande noch einmal tüchtig die Hölle heiß gemacht. An Das, was später kommen könnte — dachte ich nicht — habe ich nie gedacht — nie!“
„Ja, ja!“ sagte Erting beruhigend, als Rüdiger wieder schwach zurücksank, „das weiß ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!“
„Nur Eins noch, Erting,“ sagte Gerald, und faßte des Andern Hand, „ich spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie Beide taugen nicht für einander, ich kenne das Mädchen besser — sie würde unglücklich werden und machen! Die hätte zu so einem Durchgänger gepaßt wie ich bin, — nun, es sollte nicht sein!“
„Rüdiger,“ sagte Erting mit vor Rührung zitternder Stimme, „nun hören Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, daß wenn Sie sterben sollten — wenn ich Sie umgebracht hätte, und das hätte ich doch! daß ich dann noch Edith Brandau heirathen könnte? Nein, Rüdiger, das nicht! das nicht! Und sie würde es auch nicht thun, denn sie weiß ganz gut, daß Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie wieder gesund sind — und Sie werden wieder gesund werden — dann sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt — ich stehe Ihnen nicht mehr im Wege!“
„Und Sie glauben, ich würde eine solche Großmuth annehmen?“ rief Rüdiger fieberhaft erregt, „ich hätte gehofft, daß Sie mich nun besser kennten!“