Denn der heutige Tag hatte liebe Gäste gebracht — Ludwig Erting, der den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichts dieser treuen Liebe gerührt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in ihrer hauptsächlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven Sohn für den Inbegriff alles Guten, Schönen und Tüchtigen zu halten.
Und Rüdiger? — Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten geträumt, ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar über dem Wolfsdorffer Schloß emporsteigt, stehen er und — noch Eine am Fenster und hören die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzählt ihm immer wieder die Geschichte, die zu hören er nicht müde wird — die Geschichte von der Liebe seiner Jugend — von dem Kampfpreis seines Lebens.
[Finderlohn.]
Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen, bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé, welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts — aber ich bin noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln zu ärgern, die eben auf den Stationen nicht zu haben waren.
So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen, freundlich begrüßte.
Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn zu beschreiben mit all’ dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand; erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in welches er zuweilen ausbrach, ruft: „Das soll ich wohl am Ende sein?“
Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches, glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte, recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten — jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.
Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn! Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen, über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine klangvolle italienische Leier uns die „schöne blaue Donau“ zu hören gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über seine eigene Rührung lachte!
Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen vor kurzem stattgefunden.
Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so schnell gewonnene Herzen und ich meinte: