Sie lachte auf, sprang auf und ging im Zimmer herum:

„Ja, ja. Hattest du Angst? Ich wollte dich nur fragen, wie lange du noch bleiben wirst. Bleibst du noch lange?“ Und plötzlich in sich hinein mit abgefallener Stimme und ganz verändert: „Himmel! So weit! so weit!“ Sie zitterte und legte die Finger an die Lippen wie in Entsetzen vor ihren eignen Lauten.

Sie schien wahnsinnig zu sein. Er war ihr unendlich fern und gab sich Mühe, sich einzustellen. Darum näherte er sich ihr, sie zu umfassen.

„Nicht an mich!“ rief sie und entsprang ihm. Er drang ihr nach: „Liebe, sind wir nicht eins? und haben dies eine gemeinsam?“ fragte er mit großem Unbehagen, aber in der Hoffnung, sie zu beruhigen.

Sie versank: „Daß ich dich geliebt habe! Daß ich dich geliebt habe! Aber ich sah dich so verlassen, so los, so — hin, fort, nichts von dir übrig — und da! — Geh doch! geh doch!“ schrie sie auf, „daß ich dich wieder lieben kann.“

Daran war ihm nicht gelegen; auch schien es ihm unmöglich, ihr noch ferner zu sein, als er schon war. Er stand ihr gegenüber und blickte gleichmütig auf sie hinab. Was bewegte sie? Je mehr sich in seinen Augen der Grund ihrer Erregung verringerte, desto unmäßiger erschien ihm das Meer von Bewegungen, das darüber hinging; und ihm wurde um so übler, je tiefer er einsah, daß sie ihn mit dieser wilden Flut von Gebärden aus ihrem Innern verwarf. Er gewöhnte sich an den Gedanken, in ihrem Herzen keinen Raum zu haben, und alsbald dünkte ihn dies Herz winzig und er sich dafür zu groß. Sie war fortan Rest für ihn. Wieviel hatte er ihr geben wollen! Er fand es erbärmlich, so beherrscht vom eignen Wesen zu sein, und unverzeihlich, nicht am andern teilnehmen zu können. Aber was hatte man schließlich miteinander zu tun? Nichts. Er wünschte nur noch, daß sie das einsähe.

Im Gegenteil kam sie auf ihn zu und legte sich an seine Brust. Sie weinte.

„Das Kind —“ sagte sie. „Siehst du: was soll aus mir und dir werden? Er muß kommen. Und wenn er kommt, darfst du nicht mehr hier sein. Mit ihm allein will ich schon alles ins Reine bringen. Aber bleiben kannst du nicht“ — sie streifte ihn mit gespreizten Fingern von sich — „Du bist ja tot.“

Er war ratlos. Das Kind — er sah ein, das war ein Ding, mit dem zu rechnen war. Er war in eine sonderbare Lage geraten; es war nicht abzusehen, wie er gegen das Kind aufkommen sollte. Da flog ihm die Erinnrung zu, daß man von Müttern gehört hatte, die unter Einsatz des Kindes bei der Geburt geschont wurden, und während dieser Gedanke keulenhaft wuchs: konnte hier nicht unter Einsatz von Mutter und Kind —? und er ihn aufhob, bereit, ihn in die Tat fallen zu lassen, kam es ihm vor und hemmte ihn, daß sie seltsam von dem Kind gesprochen hatte. Er fragte besinnungslos, vorerst sich zu vergewissern: „Du sagst er. Weißt du, daß es ein Junge ist?“

Da lachte sie und — widerwärtig, wie sie gleich Weibern, die haltlos lachen, den Schoß vorstreckte! — dies Lachen umschallte ihn, daß er aus ihm heraus nur begriff, sie müsse von jemand anders als dem Kinde gesprochen haben. Aber ehe er das ganz faßte, kam sie zu Atem: „Heinrich? Der ist Manns genug, dich für ein Weib zu halten.“