Von diesem Gedanken an empfand er sich tief im Urteil und beruhigt wie ein ergebener Gefangener.

Aber er vermochte sich nicht in dieser Ruhe zu halten. In den Füßen fing es an: irgendeine Sehne beherrschte ihn; er entzog sich ihr, indem er den Fuß krümmte; eine andre trat an; er wand sich unter unerlassener Strenge. Dann verzog sich die Steifung in den Brustkorb; er legte sich mit der Brust auf einen Bettpfosten und drehte sich darauf, oder er ging hinaus in das Treppenhaus und zwängte sie in die Ecke des sich aufwendenden Geländers.

Diese letzte, eigenartige Berührung war es besonders, die ihm wohltat, und er pflegte sie noch, als er das krankhafte Bedürfnis danach längst nicht mehr empfand. Durch den niederstürzenden Gitterschacht, der hinab bis auf die Diele langte, vertrieb man sich die Zeit; da sah man die blanken Fliesen glänzen; hörte das alte Weib Gemüse und Neuigkeiten hereinbringen; fand selber mit vieler Aufmerksamkeit als Neuigkeit heraus, daß es die Frau des Starblinden und Hebamme sei; bemerkte zum ersten Mal, daß Mittwoch und Sonnabend wässrig riechen, und vergaß dabei sich selbst.

Plötzlich versuchte er vergeblich, die Brust von dem schmalen Geländerholz abzuheben; seine Augen rissen ihn immerfort hin, hefteten seinen ganzen Körper fest.

Er hatte nach dem Klingen der Türglocke Marie unbeschwert von ihrer Bürde über die Diele hüpfen sehen.

Er wollte ihr nach; ihm wogte der Atem, als höbe er ihn durch Unermeßlichkeiten, und doch lag die Brust quer und fest auf dem Geländerstreifen.

Eine hohe Stimme, entfesselt durch das ältliche Gebälk heraufspringend, rief: „Heinrich!“

Darauf nichts. Nur daß er sich von dem Geländer los und bewegt fühlte.

Lange Schritte warfen ihren Schatten die Treppe hinab. Heinrich sah sich um und stieß Maria, die an seinem Halse hing, von sich.

Christianus stand erbost über diese Bewegung, deren Roheit ihm erst daran aufging, daß der andre sie ihm vorweggenommen hatte. Maria lag an eine Bank hingeschleudert, und während Christianus betrachtete, wie das schräg einfallende Licht des gelben Dielenfensters sie mit einer eklen Haut überzog und die Schatten der Gitterstäbe, kreuzweis übereinandergelegt, sich ihr aufdrückten, begann ein Krampf sie zu biegen; Kopf, Hals und Brust streckten sich zum Schoß nieder, und ehe sie, von der Welle losgelassen, die Antwort auf einen Blick hilflosen Erschreckens fassen konnte, rollte der Krampf sie zum andern, zum dritten Mal zusammen. Die Männer sahen sich an. Dann traten sie zu ihr, griffen ihr unter die Arme und trugen sie die Treppe hinauf in ihre Kammer.