„Heinrich!“ bat sie, als beide sie gelagert und beengender Kleider entledigt hatten.

Heinrich schrie, und erst jetzt bemerkte Christianus, wie mager und verfallen sich Hals und Hände des Schreienden in die Luft streckten; er schrie und entriß sich den weißen Armen, die an ihm aufgingen, und floh. Noch ganz in das peinliche Gefühl dieses Schreies verstrickt, hörte Christianus Marie ermattet sagen: „Niemand!“ und so voll Weinens war ihre Stimme, daß ihm die Tränen unhaltbar entbrachen. Er beugte sich nieder und küßte sie: „Marie!“

„Hilf!“ flog sie auf, „hilf mir! Hole sie! Links aus der Tür, Gasse links, Gasse rechts, erstes, drittes, viertes, ja viertes Haus!“

Er rannte schon eine ganze Weile durch die Räume, ohne Heinrich gefunden zu haben.

Da, an der Tür zum großen Versammlungszimmer, hielt er inne. Auf einer Bank, die in einem Erker halb im Dunkel stand, saß Heinrich — ruhig, selbst auf die eindringenden Worte und hastigen Bestimmungen Christianus’ ohne Bewegung.

Schließlich, als Christianus ratlos schwieg, ließ er den vorgeschobenen Kiefer fallen und sagte: „Wann war es doch, daß wir uns zum letzten Mal sahen, Doktor?“

Christianus blieb nichts übrig, als sich der heimtückischen Vertraulichkeit zu nähern.

„Mein lieber Heinrich,“ sagte er, „du bist zu uns gekommen und zur rechten Zeit. Willst du uns helfen?“

Heinrich beharrte: „Das war auf der Landstraße. Du nahmst dich gut aus als Soldat. Ich hätte wer weiß was für dich getan.“ Und plötzlich, als habe er mit diesen Sätzen nur einen Anlauf gemacht: „Aber jetzt? — was willst du eigentlich von mir? Was wollt ihr alle von mir? Wozu soll ich dienen?“

Christianus schwieg. Er sah den Fragenden mit einem langen, leeren Blick an und wandte sich ab.