„Ich habe da zwei merkwürdige Briefe erhalten,“ sprach Heinrich hinter ihm her. „Der eine von diesen Leuten — wie fremd man ihnen doch geworden ist! —: nun, ich wußte ja, wozu ich kommen sollte. Aber sag einmal selber: meinst du, das sei eine Sache für mich? Du hast den Waffenrock hinter dir gelassen; ich bin darin stecken geblieben, und ich soll urteilen? Du habest einen hohen Auftrag, schreibt man. Davon verstehe ich nichts; was soll ich dazu sagen? Vielleicht dies: bleibe, wie du bist, bleibe, wo du bist, solange es dir gefällt und gut geht. Einmal muß ja das Ende kommen. Und der Ausgang sagt am besten, was der Anfang wert war.“
Christianus warf sich über einem Fuß herum: „Du weißt sehr gut, daß ich nicht bleiben kann, wenn du —“
Er schwieg mit einer Stimme, die er in der Schwebe hielt. Aber während Heinrich wartete, bedachte Christianus, daß es gut sei, Heinrich den Rest erraten zu lassen. Es gibt leisere Mittel, etwas zu sagen, als Worte.
Unter diesem Gedanken her flatterte tiefgeduckt der Schrecken, etwas so frech Überlegenes in sich zu haben: so etwas zu denken.
Heinrich lachte: „Das, — das weiß ich. Und ich weiß auch, daß du mir deshalb den andern Brief hast schreiben lassen. Klug! geschickt! überlegen! Und ich der liebe Heinrich! Aber wenn du durchaus für das Weib einen Mann brauchst — da du es nicht selber sein kannst — warum gehst du nicht zu einem der Alten, am besten zu dem Blinden? Es wird dir nicht schwer fallen. Klug! geschickt! überlegen!“
Christianus hob sich in Empörung auf; da verfing sich sein Hirn in dem Sonderbaren, daß er gerade selbst dies Überlegene in sich bedacht hatte. Er begann, sich vor sich selbst zu fürchten. Was war das, daß er hier stand, unbeweglich in einer Menge von Bewegungen? Da war ein Strudel von Menschen, die ihn alle angingen; da war ein Weib, mit dem er in Berührung gekommen war und das ertrinkend aufquoll; da war ein Mensch, nach dessen Hand er griff und der sich fortwährend von ihm abstieß.
Er sah weithin, und unfähig, sich im Gegenwärtigen zu sammeln, faßte er sich in der Entfernung.
„War ich nicht Soldat wie du und ihr alle? Hielt der Waffenrock meine Rippen nicht genau so steif wie eure? Brach ich nicht wie wir alle auf und in den Garten und faßte an? Und da kam es. Plötzlich war es da. Es war da, und ich durfte den Schlag nicht tun. Es warf mich hin und besprach mich — lähmend, angreifend, beschwichtigend.“
Heinrich war aufgestanden. Er schien in den Irrsalen irgendeiner Rührung bewegt zu werden; aber während seine Arme aufgingen, sich nach Christianus’ Schultern hinüberzubrücken, schreckten seine Hände vor der Berührung zurück. Er schrie auf:
„Ja! — Es besprach dich — lähmend, angreifend, beschwichtigend: geh hin zu Maria! vertreib dir die Zeit mit ihr! mach Narren! Sag mir doch einmal, wie es aussah, und — mein lieber Christianus — vielleicht hat manch einer damit zu tun gehabt, ohne es ganz so ernst zu nehmen.“