— Immerhin: es war so: er konnte fallen. Wie jeder andre. Wie viel mehr aber fiel mit ihm als mit jedem andern! Feigheit? Dieser Vorwurf läßt sich zurückgeben. Niemand würde einem Heerführer, einem berühmten General zumuten, mit seiner Stirn ein Schrapnell aufzufangen; was gibt dem General das Recht, einen Volksführer, einen berühmten Prediger vor die Gewehrläufe zu stellen?

Plötzlich erschrak er über einer Spur, die ihn in seinen Gedankengängen aufhielt, einem Zeichen, das ihm sagte, daß Menschen vor ihm diese Gänge durchrannt haben mußten; sie waren mit einem Namen bezeichnet; dieser Name kehrte wieder an allen Wänden; jede Ecke, um die er bog, trug dasselbe Wort — Flucht; alle Winkel, alle Straßen, die er durchjagte — Fahnenflucht; er stürzte in eine entlegene Gasse — Fahnenflucht; zitterte zurück auf einen Gemeinplatz: an allen Ecken: Fahnenflucht.

Er entsetzte sich; fühlte sich erst nach einigen Atemzügen erholt; stand im Raum.

Er zog sich gewaltsam in die Dunkelheit zurück, zog das Dunkel über sich, um unerhellt in die Helligkeit des Saals zu starren.

Sein Blick fiel auf Heinrich, der mit Maria plauderte. Er schien im Anblick des Freundes zu versinken; nach und nach faßte er sich an den harten, steilen, lichtumstrahlten Gebärden wieder; sein Auge weitete sich; das Bild löste sich zum Gedanken, und er entsann sich immer mehr:

— Wie feig, wie feig, zu fragen und zu denken! Kann es nicht sein, daß du so sicher wie der deinen Weg gehst? Vielleicht ist der da draußen schon ein abgemoderter Schädel, nur du siehst es nicht; vielleicht bist du selbst ein Gerippe mit ein paar faulen Lappen, nur du weißt es nicht. Das bißchen Zeit, bis du’s weißt: was tut das? Aber wenn es der Ewigkeit gefällt, dich noch eine Weile über der Erde zu halten, wird sie dann nicht aus der Tiefe heraufgreifen können, dich tragen, dich heraustragen? Oh wie unendlich würde mein Tag sein, wie voll dankbarer Festigkeit mein Schritt, wenn ich nur einmal die Nähe Gottes erlebte! Wie anders als jetzt! Wie ich jetzt bin, zweifelnd, bedenklich, von Unruhe voll — es ist gleich, ob ich stehe oder falle.

Er schien ihnen größer, als er, von vielen Kerzen erleuchtet, in den Saal trat. Er übermannte Heinrich mit diesem kurzen: „Morgen früh, Lieber,“ und der Jüngling wagte nicht, seinen Blick, in dem ein großer Triumph zertreten war, hinüberzusenden zu Maria.

Daß es Nacht ist, daß Reihen rechts, Reihen im Rücken, Reihen vorn verlaufen, daß man einen Weg geht, über den feindliche Witterung streicht: woraus ist das alles geworden? In welch winzigem Gelenk dreht sich der Arm des Schicksals, der uns über die Erde hebt!

Ein Gewitter ist im Aufkommen. Windstöße spalten sich an ihnen vorüber. Die Schollen, die am Tage wie gebrannter Ton dagelegen haben, sind bleigrau geworden; es ist um ihre Füße herum alles wie gegossenes Blei, das sich am Horizont zu Spitzen aufzackt: der Stadt.

Man hat sich durch die Dämmrung in den Abend geflüstert. Jetzt in der Nacht — o Erinnrung an jene schlummervolle Untätigkeit des nächtlichen Menschen! — wird man stille und schläft über marschierenden Füßen.