Nur Heinrich, der neben Christianus Schritt hält, spricht hie und da ein Wort, heiter fast; denn er hat Christianus den Tag über fröhlich gesehen. Sie schauen beide zur Erde: wie beruhigend liegt doch die Erde unter unsern Füßen: nicht allzuhart verschließt sie sich den todgeneigten Gliedern; nicht allzutief läßt sie den sich im Tod Erholenden versinken.
Jetzt: ein Wind. Wind hat einen Ast von einem Baum gebrochen. Christianus blickt auf. Die ersten Häuser leuchten weiß durch die Nacht. Nein, es ist still; durchaus still. Nicht einmal in den Vorgärten irgendein Laut.
Hagel? Es kann doch — wir sind mitten im Sommer — es kann doch nicht Hagel geben? Aber es hagelt. Christianus lauscht auf. Es klopft an den Stämmen wie Spechthämmern. Er fährt herum. An seinem Nebenmann hat es einen Klang gegeben, als schlüge einer mit einem Klöppel einmal auf die Trommel. Es bricht aus den Häusern. Der Tod trommelt. Er lockt zum Avancieren in die Gärten. Sie verhäkeln sich im Gedörn und sinken lautlos zusammen.
Christianus steigt einem Staket entgegen, langt über einfallenden Grund nach Spitzen, kommt hinüber, hebt den Kolben auf: „Hund!“ und fällt zurück.
Vor seinen Augen ist es hell geworden; ein Busch ist vor ihm aufgeflammt — er sieht deutlich, wie er brennt und doch nicht verbrennt — eine weiße Gestalt ist auf ihn zugetreten, hat die Arme gebreitet und sagt:
„Gib mir deine Hand; ich will deine Gabe annehmen und dich erretten um meinetwillen. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine Hand; ich will.“
— Dies ist alles sehr deutlich gewesen. Er hätte sich unterstehen können, es wie einen transparenten Pergamentstreifen zwischen Hirn und Stirnschale hervorzuziehen. Er hätte es tun können. Er sah nicht ein, warum er nicht liegen bleiben sollte, wie er lag. Er würde herausgeführt werden; irgendwie würde er herausgeführt werden. Zweifel? — es war über allem Zweifel; es war deutlich genug gewesen.
In der Stille erwachend, im Gefühl, als höbe der leichte Wind, der vor Sonnenaufgang aus weißem Himmel heraufweht, ihn auf, hängt er die Arme zwischen Baum und kleine Felsen und blickt um sich. Unter Bewaffneten, die in groben Arbeitskitteln müde daliegen — er weiß, es sind Tote — ist er der einzig Lebendige. Er steht auf, geht lächelnd auf einen zu, an ihm vorüber, an andern vorüber, wieder lächelnd auf einen zu. Muß es sein? Er hebt ihn mit einem Arm hoch, streicht dem zurückhangenden Kopf das Haar aus der Stirn, drängt einen Ärmel über die Schulter und — oh! es ist schwer, unendlich schwer — nimmt Stück um Stück, bis an dem Toten sich etwas regt: er strafft erschreckt das auflebende Hemd der Leiche in seinen Waffenrock und überwirft sich mit dem grauen Kittel. Als es getan ist, verfallen seine Glieder in Wanken; aber die Brust, atemvoll tragend, fängt ihn auf. Er tritt auf die Landstraße und geht mit den Blicken in sie hinein, sucht wundernd. Daß ich suchen muß! denkt er. Da beginnen die Blätter der Bäume sich zu kräuseln, sie werfen sich begeistert um und ins Ende der Heerstraße hinein; weißüberglänzte Vögel streichen endlos wegabwärts; hinreißend zieht alles durch seinen Kopf — eben noch lehnte der Kopf an einem Baumstamm — jetzt bewegt er sich mit dem bewegten Gelände wegabwärts.
Ans Ohr, das sich der lautlosen Luft, der Fülle schweigsamen Lichts hingab, klangen vom Blutstrom her — seltsam untertöntes Stillegefühl! — die letzten leichten Herzschläge der nächtlichen Erweckung; so weitausgreifend wurde sein Schritt, so nachlässig ließ er alles Auf- und Entgegenkommende gewähren, daß er nicht einmal widerstrebte, als ihm plötzlich als das Ziel seines Weges Maria voranging.
Er erstaunte über nichts; Begegnungen erschreckten ihn nicht; es war ihm, als habe er alles überholt, ehe es ihn ankam.