Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken etwas. Mitunter mußte ich Ebeth ansehen, verwirrt, staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres Wesens deutlich einzuprägen. Als wir das Kaffee verließen, brannten draußen die Laternen schon.
»Jetzt gehe ich«, sagte sie, sah an mir vorüber und reichte mir die Hand.
»Leb wohl, Ebeth«, sagte ich.
Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich wandte mich und ging.
Der Lärm der Menschen quoll um mich her. Der Himmel war ganz dunkel geworden. Ich schlenderte langsam durch die Straßen, dösig und beklommen. Als ich nachher in mein Zimmer trat, setzte ich mich einsam in die Dunkelheit, in der noch der feine Duft ihrer Kleider war.
Hin und wieder kamen Kartengrüße. Grüße in der feinen, langgezogenen Kinderhandschrift mit den kapriziösen Schnörkeln. Dann blieben auch die aus, und ich hörte nichts mehr von ihr. Mein Leben lief weiter, auch ohne sie, aber ich gedachte ihrer oft, ihrer schwebenden Füße, ihres Leichtsinns, ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, als weiße Flocken vom Himmel trieben, sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah schlecht aus, sehr blaß, müde und ein wenig verwahrlost, was mich am meisten wunder nahm. Als ich den Burschen sah, an dessen Arm sie hing, erschrak ich. Es war, wie ich befürchtet hatte, eins jener stumpfen, dabei stark sinnlichen und rohen Gesichter, an denen sie zu meinem Unwillen schon früher Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also liebte sie?
Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, als ob sie mir eines Tages schreiben müßte, einen armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in denen ich darauf geschworen hätte, daß sie mir einen Brief von Ebeth bringen müßten, – aber ich irrte mich.
Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht von ihr zwar, sondern von ihrer Vermieterin, aus einem der ärmlichsten Teile der Stadt. Die Person schrieb in kaum zu entziffernden Buchstaben, daß das Fräulein schwer krank liege und öfter von mir spreche. Das Fräulein würde sich gewiß sehr freuen, wenn ich sie einmal besuchen würde. Sie sei sehr hinfällig.
Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, in die ich geführt wurde. Dort lag Ebeth in einer Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit müde flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als sie mich kommen sah, zog ein Schimmer der Freude über ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand entgegen und lächelte, indem sie meinen Namen nannte.
Dann erzählte sie. Der andere hatte sie verlassen, gerade zu der Zeit, als sie sich Mutter werden fühlte, was sie sich immer so innig gewünscht hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, wozu wohl besonders die vielen erregten Szenen mit jenem Manne beigetragen hätten, den sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich und werde niemals von dieser Liebe lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei. Sie habe ihre Arbeit aufgeben müssen und liege nun hier bei einer herzlosen Frau, die ewig mißgelaunt sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur darauf ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie so weit, daß sie nichts mehr bezahlen könne, und um das kommende Kindchen, daß doch nur neue Kosten verursachen werde, trage sie die größte Sorge. Sie sei von allen verlassen, fühle sich krank wie nie und glaube, daß sie sterben müsse.