Sie weinte.

Ich gab mir Mühe, ihren Mut wieder aufzurichten, machte ihr Vorwürfe, daß sie sich nicht längst an mich gewendet habe und versprach ihr, daß sie aus diesen Verhältnissen herausgenommen und vor allem der sorgfältigen Behandlung eines Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles wieder gut werden.

Ihre Dankbarkeit war rührend. Sie suchte meine Hände zu küssen, was ich verhinderte. Ja, sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu zwingen mit allen Kräften, die ihr noch zu Gebote ständen, und wenn es erst erreicht sei, werde sie auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder hübsch wäre, werde er sie auch wieder lieben. Dieser Gedanke schien der Gipfel aller ihrer Hoffnungen zu sein.

»Kannst Du ihn nicht vergessen?« fragte ich.

»Nein«, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz im Auge, »ich weiß zwar, daß er schlechter ist als irgendeiner und tausendmal schlechter als Du, – aber für mich ist er das Liebste und Schönste in der Welt.«

Ich ließ sie in eine saubere Wohnung schaffen, sie erhielt eine Diakonissin zur Pflege, der Arzt ging täglich zu ihr. Gleich nach seinem ersten Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in der er mir mitteilte, daß sie sterben müsse, da das Leiden schon zu weit vorgerückt sei.

Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. Sie wurde zwar zufrieden und in gewisser Hinsicht glücklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich her, an der liebreichen Pflege und meinen täglichen Besuchen. Aber das Bett hat sie nicht mehr verlassen. Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch war von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre Kräfte verfielen.

Eines Tages, als sie sehr verzagt war, eröffnete sie mir mit leise flehender Stimme einen Wunsch, den zu erfüllen mir nicht leicht wurde. Sie bat mich nämlich, zu dem Manne zu gehen, den sie liebte, und ihn zu bitten, daß er noch einmal zu ihr kommen möge, sie könne es vor Sehnsucht nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das untrügliche Gefühl, daß, wenn sie ihn wiedergesehen habe, sie schneller genesen werde.

Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu mir, den Gebärden, die er hatte, den Worten, die er in den Mund nahm, erzähle ich nichts. Nachdem ich alle Mühen aufgeboten hatte, versprach der Mann, daß er am nächsten Tage zu einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen werde.

Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie ordnete sich mit zitternden Händen das Haar, glühte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie eine Braut dem Bräutigam. Als es klingelte, öffnete ich und ließ ihn in Ebeths Zimmer. Ich blieb draußen im Korridor. Ich hörte einen kleinen, erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fünf Minuten ungefähr kam er wieder heraus, schritt stumpf an mir vorüber und verließ die Wohnung. Ich ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf nach der Wand zu, wie eine Tote. Nie ist mir ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie in diesem Augenblick. Ich trat an das Fenster und sah in den Frühsommertag, durch den das freudlose Treiben der Großstadt flutete. Dann hörte ich, wie Ebeth sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Schüttelfröste wallten über sie hin, während sie das Gesicht in den Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, merkte ich, wie der Schlaf kam, sie zu umfangen. Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis sie erwachte, als es dunkel war.