Drei Tage später, am Vormittag, wurde ihr Zustand so schlimm, daß man mich holen ließ. Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, daß es zu Ende gehe. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sah in ihre großen, brennenden Augen, küßte noch einmal die Stirn der Lebenden und ihre Hand. Sie war auffallend unruhig, in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. Aus ihren armen hastigen Bewegungen waren tausend letzte Wünsche zu erkennen. Ich fragte, ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun könne. Sie schüttelte den Kopf. Ob sie noch irgendeinen Menschen zu sehen wünsche, den sie gern habe, eine Freundin oder einen Freund.
»Nein«, flüsterte sie.
Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, das ich nicht verstand, während ihre Augen schon geschlossen waren. Zwei Stunden später starb sie in meinen Armen, bewußtlos, das Kind unter dem Herzen.
Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im Mai und im Herbst. Im Mai höre ich dort die Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Blätter von den Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose über Ebeth welken und denke an den fernen Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, lachend, in weißem Kleid.
Auf ihrem Grabstein steht nur »Ebeth«, mit großen Buchstaben in Gold.
Die Hochzeit des Freundes
Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen. Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und zu leichten Sinnes, um sich über eine Torheit zu erregen, die er begangen hatte.
Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der Schönheit des Meeres. Er meinte, daß es nichts Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen des Menschen Vertrauteres gäbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende Bewegung, und daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden und zugleich eine so herrliche Lust an der Fülle des Daseins verliehe. Am Meere trieb er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von einem unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dünengras und die unheimlichen Vögel, die den Strand bevölkern; der scharfe Geruch von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das über das dunkle Wasser hinschillert, mit unzähligen blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt, ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.