Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß ihn am ehesten jene Mädchen entzündeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue Frühlingsleuchten strahlt, das von den Blüten des Sommers noch nichts weiß; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet als das Glühen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter, denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefühl war viel zu groß, als daß er sich schon hätte entschließen können, einen mit Obacht vorgeschriebenen Weg zu gehen.
Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe bevor. Fridolin erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, wo er mit dem Freunde in einem blühenden Hollunderbusch gesessen hatte, in dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und unendlich wichtige Gespräche über die Zukunft führend, sich das Wort gegeben hatten, daß einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines Freundes teilzunehmen.
Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es war im März, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling in seiner ganzen Schönheit. Die Luft war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul und Fridolin saßen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen so klar vor ihnen auf, als hätten sie sie gestern erst preisgegeben.
Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des Zuges, durch das die Sonne hereinkam, in die vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht von dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die ödesten Bezirke zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die mit seinem landschaftlichen Fühlen im schönsten Einklang stand. Ein wundervoll blauer Himmel lag über der Erde, und die Strahlen der lange entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer. Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des kommenden Laubes verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bäume, die sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von spukhafter Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht sähe, etwas Furchterregendes haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, grünlich schimmernder Windbock und ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen schritt der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder Eschen umgeben, die sie gegen die Winde schützten, lagen malerisch durch das Land verstreut. Verblüffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser war so märchenhaft blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei in sie hineingefallen.
Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Höhen, die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue in eine Wunderwelt.
Am späten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines, langsam zunehmendes Grau überall einzumischen begann, kam die kleine Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin lehnte, als der Zug einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde waren nicht die einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, sechs andre Wagentüren öffneten sich, und Herren mit Hut- und Helmschachteln, auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, stellte vor und überwies das Gepäck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine, bunt zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe draußen wartender Landauer, die sie dem ungefähr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zuführen sollte.
Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog sie. Wilibald saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. Neben ihm saß Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe Leutnants.
Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hügeligem Gelände, dehnte sich Feld und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den Feldern her. Wilibalds Augen glänzten. Er knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah zwischen den nickenden Köpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken. Plötzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und blitzte ihn mit goldenen Augen an.
Da sprach Fridolin:
»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe ich recht?«