Auch größere Gesellschaften tagten und nachteten hier, wegen deren Frau Eugenie in Küche und Keller sich gewaltig anstrengen mußte, so einmal auch der Geheimbund, der 1839 in Mainz gestiftet worden war; Itzstein, Hecker, Jacoby, die beiden schlesischen Grafen Reichenbach, Heinrich Simon u. A. und viele namhafte Sachsen nahmen daran Theil.

Den Seinen in Köln ließ Blum bei jeder Gelegenheit erfreuliche Beweise seines ökonomischen Wachsthums in Gestalt kleiner Geschenke und Geldspenden zukommen. Seiner Briefe an die Eltern (vornehmlich an die kranke Mutter) und Geschwister sind gleichwohl wenige. Theils fehlte es ihm an Zeit, theils drückte ihn das Gefühl, daß er über die Angelegenheiten, welche im Vordergrund seines Interesses standen, über die politischen und kirchlichen Fragen der Zeit sich nicht ergehen konnte, ohne zu verletzen oder Theilnahmlosigkeit zu begegnen. Für die kindliche und brüderliche Liebe des Briefstellers sind gleichwohl auch diese Briefe rühmlich und interessant wegen manchen Schlaglichtes, das sie auf seinen Charakter, auf seine Weltanschauung werfen. So schreibt er z. B. seiner älteren Stiefschwester Elise (geb. 1819, S. [52]), als ihm diese glückselig anvertraut hatte, sie sei mit einem Abiturienten verlobt, folgenden köstlichen Brief (13. Juli 1842):

„Daß Du von Deiner Liebe nie läßt, daß sie ewig dauert — nun, das versteht sich ja von selbst; wer einem Mädchen, die zum Erstenmale sich vergafft hat, Vernunft predigen will, der muß mit seiner Zeit schlecht hauszuhalten wissen. Zum Glück dauern diese Ewigkeiten nur bis sie — aus sind, worüber selten Jemand graue Haare erhält. Ich will Dir prophetisch vorhersagen, daß Deine Ewigkeit nicht über das erste Studiensemester Deines Geliebten hinauswährt; wenn sie an nichts Anderem verbleicht, so stirbt sie an der Langweiligkeit Eurer Liebesbriefe, die stets dasselbe enthalten. Wir alten Leute sind ein fatales Volk, daß wir so schonungslos in Euren Blüthen wühlen. Ihr glaubt uns nicht und habt Recht, aber unser trockner Ernst hat das Gute, daß er Euch wenigstens davor bewahrt, vor Schmerz zu sterben wenn die reizenden Farben verblassen ... Ich halte die ernste Liebe eines Schülers für eine Pflichtwidrigkeit, denn mit der ernsten Liebe übernimmt der Mann heilige und schwere Pflichten, bei deren Uebernahme er seine Kräfte und Mittel wohl wägen muß; wer demnach noch nicht in die Möglichkeit versetzt ist, diese Pflichten zu erfüllen, der nimmt — um bei dem rein materiellen Vergleiche zu bleiben — etwas an, was er nicht bezahlen kann, und diese Handlung nenne ich nicht redlich. Aber es ist noch eine andere Seite der Sache vorhanden: Die Liebe ist für einen jungen Mann, der noch nicht feststeht im Leben, mit seinem Wollen und Streben, seiner Ueberzeugung und seinem Charakter noch nicht ganz im Klaren ist, nur ein Ballast, ein hemmendes Bleigewicht, das er nachschleppt. Das Vaterland, sein Volk, die Ehre, die Freiheit, die Wahrheit, das Recht, sie alle haben gerechtere Ansprüche an den jungen Mann, als ein Mädchen; für alle diese Güter muß er sein Leben ungescheut in die Schanze schlagen können, wenn er ein wahrer Mann werden will; das kann er aber nicht, wenn er sein Leben thörichterweise verpfändet hat, ehe er seinen Werth und seine Bestimmung kannte. Daß wir solche Männer leider sehr wenige haben, ist unser Unglück, aber es stimmt meine Forderung nicht herab. Wenn die Schüler sich „für ewig“ vergeben, so müssen wir Dreißiger von Staatswegen angehalten werden, uns Krücken anzuschaffen. Ich bin sehr glücklich und zufrieden in meiner Häuslichkeit, aber ich habe sie erst dann begonnen, als ich meiner Frau auf das Bestimmteste erklärt, daß ich sie und meine Kinder verlasse, sobald eine höhere Pflicht mich ruft und dies steht so fest bei mir — allerdings auch bei meiner Frau — daß selbst die Gewißheit, daß die Meinen betteln müssen, mich nicht einen Augenblick abhalten würde, mein Leben einer großen Sache, meinem Vaterlande zu weihen. Glaubst Du, daß diese Auffassung des Lebens mich nicht berechtigt, von dem, der mir als ein „würdiger Bruder“ präsentirt wird, etwas mehr Ernst zu verlangen, als hier vorliegt; daß er sich erst für’s Leben rüstet, ehe er seine Blüthen naschen will?“

Ebenso characteristisch sind folgende Aeußerungen am Schlusse eines überaus herzlichen Glückwunschschreibens an seine Schwester Gretchen (2. Jan. 1844), vor deren Hochzeit mit Selbach. Es heißt da:

„Mit Rathschlägen und Ermahnungen will ich diesen Brief nicht füllen. Nur das Eine muß ich Dir sagen: wie alles Glück der Welt, in der geistigen, wie in der körperlichen, so wurzelt das Glück der Liebe auch in der Freiheit. Je selbstständiger der eine Gatte neben dem andern steht, um so inniger sind Beide verbunden; je weniger Opfer der angeborenen Eigenthümlichkeiten und Neigungen verlangt werden, um so freudiger werden sie gegeben. Trage die Gewohnheiten Deines bisherigen Lebenskreises, in welchem Dein Wort und Deine Ansicht oft unbedingt und allein galt[56] nicht in Deine Ehe über und vergiß nie, daß des wahren Mannes Herz von der Häuslichkeit und der Kinderstube nicht ausgefüllt werden kann und darf. Er hat an das Leben und das Leben an ihn andere Ansprüche als das Weib und ihn diesen entziehen zu wollen, heißt die Natur seines Wesens, also auch sein Glück und Wohl zerstören.“

Eine so kühne und entschlossene Mannesseele gehörte dazu, um mit der unscheinbaren Kraft eines schlichten deutschen Bürgers den Kampf aufzunehmen, den in unseren Tagen das ganze deutsche Reich mit seiner gewaltigen Staatsmacht seit seinem Bestehen kämpft: den Kampf mit Rom.

Nicht aus lebhaftem Interesse für die inneren Angelegenheiten der katholischen Kirche ist Robert Blum in diesen Kampf eingetreten. Er selbst erinnerte sich kaum noch, daß er katholisch sei; seine Kinder hatte er protestantisch taufen lassen; über den starren katholischen Kirchenglauben der Mutter hatte er in den Briefen an seine Braut schon 1839 hart und bitter geurtheilt. Aber die herausfordernde Anmaßung, welche seit dem für Preußen so schmählichen Ende der Kölner Bischofswirren und seit der sichtbarlichen Begünstigung der katholischen Hierarchie unter Friedrich Wilhelm dem Vierten und selbstverständlich auch in Dresden die katholische Kirche überall in Deutschland gegenüber dem Fortschritte und der Aufklärung zur Schau trug, rüttelte auch die kirchlich Gleichgültigsten auf. Die sächsische Regierung begünstigte sichtlich das „Volksblatt“ und den „Bayard,“ von denen das erstere ein hierarchisches orthodoxes Lutherthum, das letztere die rohesten ultramontanen Bestrebungen vertrat, beide mit einer Niedrigkeit der Gesinnung, einer Gemeinheit des Ausdrucks und einem zelotischen Fanatismus, wie sie bis dahin in Sachsen niemals erlebt waren. Das war aber nur die passive Seite der Regierungsthätigkeit; die active machte sich bald in derselben Richtung geltend. Als nun gar im Jahre 1844 Bischof Arnoldi von Trier es wagte, ein altes Stück Tuch unter dem Namen des heiligen Rockes auszuhängen, und eine große Wallfahrt dahin zu arrangiren, um einen großen Ablaß als Gegenleistung zu bieten — da ging ein Schrei der Entrüstung durch die ganze gebildete Welt, denn die Nerven für derlei Wunderdinge waren damals noch nicht so abgestumpft wie heute nach all den Wunderblutungen, Kirschbaum- und Höhlenmadonnen &c. Am 15. August 1844 erschien in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ ein „Offenes Sendschreiben an den Bischof Arnoldi von Trier“, unterzeichnet von einem unbekannten katholischen Priester Johannes Ronge, in welchem die Ausstellung des heiligen Rockes ein den Aberglauben und Fanatismus beförderndes Götzenfest genannt wurde.

Zu gleicher Zeit erfuhr man, daß schon am 22. August der Caplan Czerski in Schneidemühl in Posen mit einem Theile seiner Gemeinde aus der katholischen Kirche ausgeschieden war. Schon am 19. October vereinigten sich die Ausgetretenen zu einer christlich-apostolisch-katholischen Gemeinde. Am 15. December folgte in Breslau unter Führung des ordentlichen Professors des canonischen Rechtes, Regenbrecht, ein Massenaustritt und am 4. Februar 1845 daselbst die Constituirung einer deutsch-katholischen Gemeinde, die schon im März 1845 zwölfhundert Mitglieder zählte. Sie berief Ronge, der natürlich inzwischen mit allen Kirchenstrafen belegt worden war und bei dem edeln schlesischen Grafen Reichenbach eine Freistätte gefunden hatte, als Seelsorger.

Robert Blum, in dessen Organ zuerst dem Bischofe von Trier der Krieg verkündet worden war, sorgte dafür, daß der Herd dieser gährenden Bewegung nicht auf Schlesien beschränkt bleibe. In Wort und Schrift, durch öffentliche Reden im ganzen Lande, durch Flugblätter, Broschüren und Zeitungsartikel ist er unablässig thätig gewesen, um überall eine Massenlossagung von Rom, die Bildung deutsch-katholischer Gemeinden zu erzielen. Sehr Vieles von dem, was er damals gesprochen und geschrieben, ist nicht blos interessant als eine für den Mann charakteristische Aeußerung — sondern heute nach dreiunddreißig Jahren noch so treffend, als sei es heute geschrieben — so wenig hat Rom, die alte Erbfeindin unseres Volkes, sich seitdem geändert. Mit köstlicher Ironie z. B. schildert ein Artikel Blum’s in den „Vaterlandsblättern“ „die Wunder des heiligen Rockes“ — nicht etwa in jenem frivol-lustigen Tone des bekannten Studentenliedes: