Freifrau von Droste-Vischering
Zum heiligen Rock wallfahrten ging,
sondern im Tone der heiligsten, den Feind niederschmetternden, siegesfreudigsten Ueberzeugung: „Das wahre Wunder, welches der heilige Rock zu Trier gewirkt, ist, daß er endlich auch die verblendetsten Geister aufgescheucht aus der Ruhe des Nichtsthuns, daß er auch dem Befangensten den Schleier gerissen vom getrübten Auge und dem schlichten Worte der Wahrheit einen jubelnden Einzug bereitet in Millionen Herzen. Es giebt nur ein Mittel, das Joch abzuwerfen, welches jetzt nur noch locker auf unserem Nacken liegt; es heißt: Trennung von Rom, Aufhebung der Ohrenbeichte und des Cölibats. Eine deutsch-katholische Kirche!... Wollen wir länger die Knechtschaft tragen? Unsere Väter haben den äußeren Feind bekämpft, der unser Vaterland unterjochte. — Rom hat im Frieden seine Fremdherrschaft um so fester begründet. Der äußere Feind nährte und stärkte unsere Vaterlandsliebe und unser Nationalgefühl — Rom verdammt Beides, wenn es seinen Interessen entgegen. Der äußere Feind hätte unsere staatliche Entwickelung befördern müssen — Rom duldet die gegenwärtige staatliche Gestaltung nur gezwungen und hat die ganze Grundlage unseres Staatslebens nicht anerkannt, ja zum Theil ausdrücklich verdammt. Der äußere Feind knüpfte das Band zwischen Fürsten und Völker fester, indem er dieselben zu Einem Interesse vereinte — Rom muß diese Einigkeit lockern und trennen, weil sie seinem Interesse feindlich ist.“ Am Schlusse heißt es: „Was bisher geschah, waren nur Trennungen in unserer Kirche selbst, es waren Theile, die sich ablösten von dem alten Körper. Erheben wir einstimmig, ein Beispiel dem ganzen Vaterlande, den Ruf: Trennung von Rom! Aufhebung der Ohrenbeichte und des Cölibats! Eine deutsch-katholische Kirche! O, daß es — das größte Wunder des heiligen Rockes — bald geschehe! Amen!“
Dieses Ziel wurde in Leipzig erreicht durch die Bildung einer deutsch-katholischen Gemeinde, 12. Februar 1845. Blum hielt die Eröffnungsrede. Anonyme Drohbriefe von ultramontanen Handlangern höher stehender Gesellen hatte er schon vorher in Fülle erhalten. Jetzt suchte man die erste Feier der jungen Gemeinde durch brutalen Skandal zu entweihen. Als Blum reden wollte, stürzte eine Rotte angestifteter erwachsener Buben auf ihn los, um ihn niederzuschlagen und zerriß ihm Kleidung und Wäsche. Er hatte indeß den Fall vorhergesehen und für starke Polizeibedeckung gesorgt. Mit um so größerer Begeisterung hing die Gemeinde dann an den Lippen ihres Vorstandes. Er begann seine Rede[57] mit den Worten:
„Meine verehrten Anwesenden! Ich habe mich entfernt, als ein pöbelhafter Angriff, wie er in einer gebildeten Gesellschaft niemals zu erwarten war, gegen mich gerichtet wurde; nicht weil es mir an Muth fehlte, denselben abzuwehren (denn was wäre eine Ueberzeugung, die nicht Unbilden erdulden, ja selbst Leben und Blut dafür zu opfern lehrte), sondern weil ich es für Pflicht hielt, die Einleitung zu dessen Bestrafung zu treffen. Wir stehen in einem freien hochgebildeten Staate hier mit Erlaubniß unserer städtischen Behörde; deshalb habe ich den Schutz der Gesetze angerufen gegen rohe Unsitte, und er ist mir sofort zu Theil geworden. Jetzt stehe ich hier, kühn zu thun und zu sagen, was ich muß. Meine verehrten Glaubensgenossen! Sie haben nicht gebetet, als sie dazu aufgefordert wurden. Aber unser Glaube lehrt uns, unsern Gott zu ehren, nicht durch das Wort, sondern durch die That. Ehren wir also ihn, den Gott der Wahrheit, durch die Wahrheit; sprechen wir dieselbe offen und ehrlich, ungeschminkt und leidenschaftlos aus und belehren wir uns gegenseitig. Aber dulden und achten wir auch jede Ueberzeugung, werden wir jeder Meinung gleich gerecht, indem wir sie zum ungeschmälerten Ausspruche kommen lassen. Vergessen wir nie, daß unser Heiland gesagt hat: „Liebet einander!“ und entsagen wir also jedem Hasse und Zwiespalt. Wir werden uns vielleicht trennen, aber trennen wir uns wie Männer, die sich achten und sich am Scheidewege die Hand reichen, um jeder eine andere Bahn zu wandern.“
Den Kern der Rede bildete eine geschichtliche Darlegung über den Abfall der römischen Kirche von den Heilswahrheiten des Erlösers und über die Entartung dieser Kirche durch die Hierarchie, das Cölibat, die Laster der Päpste, die Inquisition, die Jesuiten u. s. w. Alles das lasse sich geschichtlich beweisen.
„Aber wozu brauchen Sie auch weitere Beweise?“ rief er am Schlusse, „Sehen Sie um sich im Vaterlande, und überall werden Ihrem Blicke die Beweise begegnen, daß Rom fort und fort seinen Frieden untergräbt, Haß und Zwietracht säet und die Einigkeit und Brüderlichkeit zerstört, in welcher die Menschen verschiedener Bekenntnisse so gern mit einander leben. Jedes Blatt der Tagesgeschichte bezeugt uns, wie das Unkraut aufgegangen ist, welches Rom ausgestreut, und wie Unduldsamkeit und Glaubenshaß von demselben eben so sehr gepflegt als ausgeübt werden. Und strecken nicht seine Jesuiten ihre Polypenarme beutegierig wieder um die ganze Erde? Haben sie nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft unseres Vaterlandes bereits ganze Länder verschlungen und in die Nacht der Finsterniß und des rohesten Fanatismus gestürzt? Ja, sind wir im Herzen unseres Vaterlandes trotz aller Verbote wohl sicher vor ihren Schlingen? Endlich, hat denn Rom wohl irgend dem Einflusse einer allmächtigen Bildung nachgegeben? Hat es nicht im vorigen Sommer den gotteslästerlichen Ablaßkram unverschämter getrieben als zu den Zeiten Tetzel’s und nach langjährigen Verdummungsversuchen ein großes schnödes Triumphfest gefeiert über den scheinbar bezwungenen Menschenverstand?
Und was die Ohrenbeichte betrifft, so fühle nur Jeder an seine eigene Brust und lasse sich sagen, wie diese unheilvolle Zwangseinrichtung ihn empört; wie seine Entrüstung mächtig ist, wenn er sich beugen soll vor seines Gleichen wie vor Gott; wie jede wahre Reue und Bußfertigkeit vernichtet, die Aufrichtigkeit des Bekenntnisses zerstört, der Verstellung, Heuchelei und Unwahrheit aber die Bahn gebrochen wird im Herzen! Wer vermag aufzutreten und zu sagen, daß er eine aufrichtige Beichte ablegt? Niemand. Er fügt sich dem Zwange widerstrebend und ungenügend, bis das Ganze für ihn eine inhaltleere, unmoralische Förmlichkeit wird, oder er sich empört abwendet und auf den Trost des Abendmahls verzichtet.
Die Schädlichkeit des Cölibats endlich bedarf keiner beredten Darlegung, jeder Priester ist ein lebender Beweis dafür. Sein frevelhaft halb zertretenes Dasein spricht aus seinem ganzen Wesen, und das römische Joch beugt seinen Nacken. Leset die ergreifenden Schilderungen, wie der Priester vom ersten Vorbereitungsschritte zu seinem Berufe an systematisch geknechtet, durch leeres Gebetgeplärre und beschäftigten Müßiggang zur Werkheiligkeit erzogen und allmählich bis zum willenlosen Werkzeuge erniedrigt wird. Ja, blicket Euch um im Leben, und bald wird es in Eurem tiefsten Innern selbst rufen: Trennung von Rom, Aufhebung des Cölibats und der Ohrenbeichte!
Glaubt nicht, daß es etwas Neues ist, meine verehrten Glaubensgenossen, was wir hier erstreben; die edelsten Geister unseres Volkes haben bereits das Gleiche erstrebt. Abgesehen, daß alle Kirchenversammlungen, von der ersten bis zur letzten, gegen die Anmaßungen Roms gekämpft haben; daß auf dem Concil zu Trident dasselbe reif zum Falle war und sich nur dadurch retten konnte, daß es durch zwei Jesuiten die Versammlung gegen einander hetzen, aufwiegeln und äußerlich mit den elegantesten Kleinlichkeiten beschäftigen ließ; daß schon im 9. Jahrhundert der Patriarch Photius, im 11. der Patriarch Cerularius das römische Joch als unerträglich abwarfen und die griechisch-katholische Kirche gründeten — so haben auch die edelsten Geister der neuesten Zeit zu gleichem Zweck gearbeitet. 1785 traten die Erzbischöfe von Cöln, Mainz, Salzburg und Trier in Ems zusammen und verlangten fast dasselbe, wie wir heute. Wessenberg, Hontheim, Reichlin-Meldegg, und Theiner schrieben entschieden gegen die römische Tyrannei und gegen das Cölibat; in den letzten 15 Jahren aber richteten viele Geistliche in Belgien, Luxemburg, Würtemberg, Nassau, Baiern und Baden ihre Bestrebungen gegen das Cölibat. Sie arbeiteten alle vergebens, weil die Zeit ihnen nicht günstig war.
Auch uns möchten die Römlinge einlullen bis zu dem Augenblicke, wo es wieder möglich ist, unsere Bestrebungen zu verkümmern. Die Einen bitten heuchlerisch, „den Frieden nicht zu stören“, während es doch keinen Frieden giebt und geben kann zwischen Vernunft und Unvernunft, Licht und Finsterniß, Tag und Nacht. Andere weisen mit verstellter Besorgniß auf „die aufgeregte Zeit“ und wollen die Zeit der Ruhe erwarten. Aber die Zeit der Ruhe ist wohl geeignet zum Aufbauen und Vollenden, schaffen aber und einen weltumgestaltenden Gedanken ins Leben führen, kann nur die Begeisterung, und die Begeisterung erheischt Leben, Bewegung, Aufregung. Andere in unserer nächsten Nähe endlich weisen mit spießbürgerlicher Sorgfalt auf ihren „Kirchenbau“ und fürchten, daß er einstürzt, ehe er aufstieg. O, über diese kleinliche Marthasorge! Vielleicht haben wir keine Kirche — aber erheben wir unser Herz zu Gott in der freien Natur oder auf unserm Boden — es ist besser und Gott wohlgefälliger als das fremde Geplärre der Römlinge in den prunkvollsten Marmorhallen.
Ja, meine verehrten Glaubensgenossen, jetzt werft das Joch ab, jetzt brecht die schmachvollen Ketten Roms, jetzt macht Euch frei. Fühlt an Euer Herz und erkennet den Schlag der Weltgeschichte, der Euch mahnt zu einer That! Unser Vaterland, die ganze gebildete Welt sieht auf uns und erwartet unseren Entschluß. Wir können, wir müssen ein großes Beispiel geben. Einst war unser Sachsen die Wiege einer Kirchenverbesserung, an welche sich durch Roms Umtriebe Krieg, Verwüstung, Blutvergießen und Entsetzen aller Art knüpften, laßt es die Wiege einer zweiten Verbesserung sein, die Frieden und Einigkeit wieder herstellt, für die Ewigkeit. Unter einer freien Verfassung, unter einer erleuchteten freisinnigen, jedem Fortschritte freundlichen Regierung können wir uns befreien. O, zögern wir nicht, denn unser Entschluß wirkt auf die ganze gebildete Welt. Machen wir die Bruderliebe, welche der Bildung der Zeit und unsern Gefühlen entspricht, endlich zur Wahrheit; Rom hat sie auf der Zunge, aber Fluch im Herzen.
Ich habe gesprochen nach meiner Ueberzeugung, wer es anders weiß, der rede!“
Auch die Einberufung der ersten Gesammtvertretung der neuen Glaubensgemeinden zu dem deutsch-katholischen Concil nach Leipzig (23. bis 26. März 1845), die Einladung, Herbeiziehung und Vereinigung der über das Glaubensbekenntniß der neuen Gemeinden untereinander zerfallenen Führer der Bewegung Czerski und Ronge bei diesem Concil, und das größte Resultat, das überhaupt die deutsch-katholische Bewegung zu verzeichnen hat, das allgemeine Glaubensbekenntniß, das hier in Leipzig festgestellt wurde — während die ersten Sitzungen die dringende Befürchtung erregten, man werde resultatlos und hadernd auseinandergehen — das Alles ist hauptsächlich Robert Blum’s Verdienst.
Wochen und Monate angestrengter Arbeit erforderte dann die Redaction der Reden und Beschlüsse dieses Concil’s, ihre Vorbereitung zum Druck. Der Vorsitzende des Concil’s, Prof. Franz Wigard von Dresden, ging Blum dabei zur Hand. Die officielle Ausgabe der Verhandlungen des Concil’s trägt Beider Namen. Auch für alle möglichen sonstigen Bedürfnisse hatte Blum als Gemeindevorsteher zu sorgen. Er gab „auf Beschluß der Leipziger Kirchenversammlung“ ein „von den Gemeindevorständen zu Dresden und Leipzig geprüftes Gebet- und Gesangbuch für Deutsch-katholische Christen“ heraus. (Leipzig bei C. W. B. Naumburg, 1845) und hatte sogar, so lange die Leipziger deutsch-katholische Gemeinde keinen Pfarrer besaß, die Leichenreden zu halten![58]
Die Beschlüsse des Leipziger Concil’s, namentlich des dort beschlossenen Glaubensbekenntnisses eingehender darzulegen, und sodann die Gründe zu untersuchen, warum trotz dieser Resultate die deutsch-katholische Bewegung so rasch im Sande verlief, liegt außerhalb der Grenzen dieser Darstellung. Robert Blum hat sehr bald erkannt, daß er sich über die Kraft und Tiefe der Bewegung getäuscht. Aber über die Gründe dieser Täuschung ist er sich nie klar geworden. Noch im Jahre 1848 in seinem „Staatslexicon“ sprach er sich in dem von ihm selbst unterzeichneten Artikel „Deutsch-Katholiken“ dahin aus, daß der Fehler der Deutsch-Katholiken, den er „selbst anklagend bekenne mitverschuldet zu haben“, darin bestanden habe, überhaupt ein Glaubensbekenntniß abgestellt, überhaupt eine Kirche begründet zu haben! Klarer konnte Robert Blum, wenigstens für seine Person, die reine Weltlichkeit seiner Strebungen bei dieser Gründung, das Bekenntniß rein politischer Agitationszwecke, die Freiheit von jeder religiösen Begeisterung, die ihn geleitet hätte, der Führer des Deutsch-Katholicismus zu werden, nicht aussprechen.
Aber es war characteristisch für die trotz alledem völlig weltliche, völlig politische Zeitrichtung, daß Niemand ihm diesen inneren Widerspruch verargte, daß seine Betheiligung an der deutsch-katholischen Bewegung ihn bekannt und populär machte in ganz Deutschland und verhaßt in allen Zwingburgen Roms bis in die heiligen Säle des Vaticans.