Die Gährung, welche diese Regierungsmaßregel hervorrief, war ungeheuer. An vielen Orten wurden öffentliche Versammlungen abgehalten, Proteste an das Ministerium gerichtet, offen die Anklage erhoben, die Bekanntmachung vom 17. Juli sei verfassungswidrig, da sie die in der Verfassung allen Staatsbürgern gewährleistete Gewissensfreiheit verletze. Auch dieser Agitation hat Robert Blum seine Zeit und Kraft geliehen. Namentlich gaben die Vaterlandsblätter die kluge Losung aus, die Regierung auf ihrem eigenen Gebiete zu bekämpfen, für sämmtliche Dissidenten die gesetzliche Anerkennung zu fordern und dadurch von selbst eine Aufhebung der Verordnungswillkühr der Regierung zu erzielen. Infolge dessen reichten sämmtliche Dissidenten Sachsens am 20. August 1845 ein weit umfassenderes Glaubensbekenntniß und Verfassungsstatut ein, als dasjenige der Deutschkatholiken gewesen war und baten um staatliche Prüfung desselben und um Anerkennung und Ertheilung kirchlicher Corporationsrechte.
Ehe jedoch dieser letzte Schritt der Dissidenten geschah, hatte schon das bisherige Verhalten der Regierung, welche auch die allgemeine Entrüstung der Bevölkerung über die Juli-Bekanntmachung einfach ignorirte, zu einem furchtbaren Ausbruch des Volksunwillens geführt.
Seitdem das sächsische Regentenhaus, das solange der rühmlichste Vorkämpfer der Deutschen Reformation gewesen, um der unseligen Krone Polens willen, zum katholischen Glauben übergetreten war, machte das rege Mißtrauen des protestantischen Volkes stets den katholischen Hof in erster Linie verantwortlich für solche Mißgriffe der Regierung, hier namentlich für die Begünstigung der Jesuiten, die Unterdrückung der Deutsch-Katholiken. Unbegreiflicher Weise bezeichnete damals die öffentliche Stimme in erster Linie den Bruder des regierenden Königs Friedrich August, den Prinzen (und späteren König) Johann von Sachsen als Förderer der jesuitischen Umtriebe und geheimes Mitglied des Ordens. Dieser Prinz hatte die reichste humanste Bildung genossen. Als ganz jungen Mann hatte Jean Paul ihn kennen gelernt und ihm begeistertes Lob gespendet. Seine literarischen Neigungen und Studien waren weltbekannt. Er führte sein Leben am liebsten zurückgezogen, seiner Familie, seinen Studien hingegeben. Bei dem geringen Altersunterschied, der zwischen ihm und dem regierenden älteren Bruder bestand, dachte er kaum daran diesem jemals in der Regierung zu folgen. Von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der Sächsischen Ersten Kammer hatte er sich als scharfsinniger Jurist, als wohlwollender und aufgeklärter Menschenfreund gezeigt, der jeder schroffen Parteiung abhold war. Seine Aeußerung bei Gelegenheit des Kniebeugungsstreites zu Gunsten der von den protestantischen Superintendenten verfochtenen Meinung ist schon oben erwähnt worden. Seine ganze spätere Thätigkeit als Prinz und als König hat niemals den Schatten eines Verdachtes dafür aufkommen lassen, als sei er ein religiöser Fanatiker, zugeneigt kirchlichem Hader, thätig für eine streitbare, von Grund aus unsittliche Ordensgewalt. Aber wann wird jemals die Vernunft erfolgreich rechten mit vorgefaßten Meinungen des Volksglaubens? Genug, daß der Prinz im Jahre 1845 allgemein als Träger der ultramontanen Bestrebungen in Sachsen, als die festeste Stütze der reactionären kirchlichen Politik der Regierung überhaupt galt. Es fehlte nur der äußere Anlaß, um dieser Mißstimmung in grellen Dissonanzen Ausdruck zu verschaffen. Dieser Anlaß sollte sich leider finden.[61]
Prinz Johann war General-Commandant der Communalgarden des Königreichs Sachsen. In dieser Eigenschaft kam der Prinz am 12. August Nachmittags nach Leipzig, stieg im Hôtel de Prusse ab und begab sich sofort nach dem Exercierplatz bei Gohlis zur Abnahme der Revüe über die Communalgarden. Sein Gruß wurde von den Mannschaften nur lau erwiedert. Die Uebungen der Bürgerwehr selbst dagegen wurden zur Zufriedenheit des Prinzen ausgeführt; das Verhalten der Truppen bis zur Beendigung der Revüe war tadelfrei. In das am Schlusse derselben vom Commandanten Dr. Haase ausgebrachte Hoch auf den Prinzen wurde abermals nur matt und lau eingestimmt und die Musik fiel in den Tusch nicht ein, weil sie über dem Schreien und Pfeifen der Menge, welche sich um die Truppe drängte, das Hoch der Garde nicht hörte und den Commandanten nicht sah. Diesen ärgerlichen Zufall legte die skandalsüchtige Menge als absichtliche Demonstration gegen den Prinzen aus und steigerte ihr lärmendes und feindselig-höhnendes Pfeifen und Schreien, bis der Prinz mit seiner Suite in die Stadt nach der Kaserne der Pleißenburg ritt. Auf dem Wege dahin umdrängten Straßenbuben den Prinzen; viele Neugierige folgten ihm, als er kurze Zeit nachher mit seiner Suite zu Fuß von der Kaserne nach seinem Hôtel sich begab. Irgend ein Exceß fand dabei nicht statt.[62]
Während der Prinz in dem Hauptgebäude des Hôtel’s, das nach dem Roßplatz und den Promenaden Ausblick gewährt, in der ersten Etage die Spitzen der Behörden um sich versammelte und sich wiederholt lobend über Leistung und Haltung der Communalgarde aussprach, hatten sich, wie gewöhnlich, Neugierige vor dem Hôtel versammelt. Heimkehrende Arbeiter kamen hinzu. Doch war die Zahl der Menge nicht bedeutend. Vereinzeltes Pfeifen und Schreien hörte man aus der Menge, die sich unruhig und bewegt zeigte. Vor dem Hôtel stand ein Doppelposten der Schützen.
Kurz vor neun Uhr Abends setzte sich der Prinz mit den Spitzen der Behörden im Hofsaal (Gartensalon) des Hôtels zur Tafel. Dieser Saal läuft parallel mit dem Hauptgebäude und ist von diesem durch einen Hof von etwa dreißig Meter Tiefe getrennt. Man hörte hier anfänglich nichts mehr von dem Geräusch auf dem Platze. Vor viertel zehn Uhr Nachts erschien der große Zapfenstreich der Communalgarde vor dem Hôtel mit einem Theil der Wachmannschaft und mit diesem eine große, heftig bewegte Volksmenge, welche so laut schrie, pfiff und tobte, daß man die Musik fast nicht hören konnte. Nach wenigen Minuten schon zog die Musik, auf Anweisung des Commandanten Dr. Haase, ab. Man glaubte, die unruhige Menge werde sich mit der Musik verziehen. Aber man irrte. Die Menge blieb auf dem Roßplatz und ihre Aufregung wuchs immer mehr. Rufe: „Es lebe Rouge, Czerski! Nieder mit den Jesuiten!“ wurden laut. Plötzlich stimmte die gesammte Menge, die Kopf an Kopf vom Hôtel bis in die Promenaden, die sog. Lerchenallee hineinstand, das ernste Trost- und Schlachtlied der Reformation an: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“. Alle Strophen des Liedes wurden gesungen. Dann folgten andre Lieder: „Ein freies Leben führen wir“, „Gute Nacht, gute Nacht“ u. s. w., gewöhnliche Gassenhauer. Gelächter, Toben, Schreien, Pfeifen, gemeine Schimpfworte, die offenbar dem Prinzen galten, füllten die Kunstpausen aus.
Es war halb zehn Uhr geworden; der Prinz hatte die Tafel aufgehoben und unterhielt sich im Gartensalon mit seinen Gästen. Das Geschrei vom Platze war nun auch im Gartensalon hörbar. Der Prinz fragte einen der Anwesenden: „Was ist das?“ worauf dieser mit traurigem Byzantinismus erwiederte: „Es wird ein Vivat sein, das man Ew. Kgl. Hoheit bringt, ein Hurrah.“[63]
Schon bei Tafel hatten einige Bataillonscommandanten der Communalgarde, Dr. Osterloh und v. Canig, den Commandanten Dr. Haase durch Zeichen darauf aufmerksam gemacht, daß es wohl nöthig sei, Generalmarsch schlagen zu lassen, um den Platz durch die Communalgarde zu säubern. Diese Herren wiederholten dieselbe Vorstellung nach Aufhebung der Tafel nachdrücklich, da unterdessen der Tumult vor dem Hôtel einen wesentlich ruchloseren Charakter angenommen hatte. Der Pöbel nämlich, des Singens und Brüllens müde, und keineswegs gewillt, in der milden Augustnacht schon nach Hause zu gehen, hatte Massen von Steinen nach der vorderen Fensterfront des Hôtels geschleudert. Durch einen dieser Steine ward sogar aus dem Gitter des Balkons der ersten Etage ein Stück Eisen von drei Viertel Ellen Länge herausgeschlagen. Mehrere Steine flogen in die Hausflur des Hauptgebäudes und selbst bis in den hinter demselben gelegenen Hof. Doch fand weder gegen den Doppelposten vor dem Hôtel, noch gegen die Chaine der Polizeimannschaften, die vor dem Hôtel noch einen kleinen Platz frei hielt, irgend ein persönlicher Angriff statt. Wenn irgend einer der bei dem Prinzen versammelten Würdenträger eine Ansprache an die erregte Menge gehalten hätte, so wäre gewiß weiteres Unheil vermieden, der bei weitem größte, blos aus neugierigen Zuschauern bestehende Theil der versammelten Menge zum Nachhausegehen bewogen worden. Dazu fehlte es aber allen Anwesenden, und nicht am wenigsten den königlichen Beamten, an persönlichem Muth. Der Commandant der Communalgarde, Dr. Haase, hatte nicht einmal den Muth, Generalmarsch schlagen zu lassen. Auf die Vorstellungen seiner Offiziere sowie des Regierungsrathes Ackermann von der Kreisdirection und der Offiziere der Garnison entschloß er sich vielmehr nach langem Zaudern endlich nur dazu, den Hauptmann Dr. med. Heyner nach der Hauptwache auf den Naschmarkt zu entsenden, um diese herbeizuholen. Es war dies kurz nach halb zehn Uhr. Dr. Heyner seinerseits getraute sich Anfangs nicht durch die Menge über den Roßplatz und verlor kostbare Minuten, um den Schlüssel zur Gartenthüre zu suchen. Als dies nicht gelang, eilte er zum Hauptthor des Hôtels hinaus, verkündete mit seiner überaus kräftigen Stimme, daß er die Hauptwache hole und schritt in voller Uniform unbehelligt durch die Menge. Beweis genug, daß von wirklich gefährlichen Absichten und vollends von einem planmäßigen Vorhaben der Massen gegen die Sicherheit und das Leben des Prinzen gar keine Rede sein konnte.
Gleichwohl wartete man im Hôtel keineswegs die Rückkehr des Dr. Heyner ab. Der Weg nach dem Naschmarkt und zurück konnte frühestens in fünfzehn Minuten zurückgelegt werden. Aber schon zehn Minuten, nachdem der Befehl zur Herbeiholung der Wachmannschaft an Dr. Heyner ertheilt worden war, erhielt der Oberstlieutenant von Süßmilch auf Andringen des Regierungsraths Ackermann, und ohne daß die anwesenden Vertreter der Gemeinde, denen zunächst die Bestimmung über die zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung anzuwendenden Mittel obgelegen hätte, auch nur befragt worden wären, durch den Obersten von Buttlar den Befehl, ein Bataillon Schützen aus der Kaserne herbeizuholen. Dieser Schritt ist nur dann vollkommen erklärlich, wenn man die Communalgarde überhaupt nicht zur Wiederherstellung der Ordnung verwenden wollte, wie auch später der Kriegsminister v. Nostiz-Wallwitz offen vor der zweiten Kammer eingestand![64] Diese Absicht wurde auch sofort klar durch die Behandlung, welche die Communalgarde nun erfuhr. Fünf Minuten nach zehn Uhr treffen die Schützen unter Führung Süßmilch’s — den die Menge gleichfalls in voller Uniform unbehelligt nach der Kaserne zu hatte passiren lassen — im Sturmschritt ein und stellen sich hakenförmig vor dem Hôtel auf. Zwei Minuten später trifft die Hauptwache der Communalgarde unter Dr. Heyner ein, über vierzig Mann stark, und wird von den Offizieren der Schützen verächtlich bei Seite geschoben und Gewehr bei Fuß außer Dienst unter den Akazien des benachbarten „Kurprinzen“ aufgestellt, die Front in der Verlängerung des Schrötergäßchens, fast im rechten Winkel zur Stellung der Schützen. Oberstlieutenant v. Süßmilch ruft dem Hauptmann Dr. Heyner gebietend zu: „Sie sind nicht mehr nöthig, gehen Sie zurück. Stellen Sie sich aus der Schußlinie, stellen Sie sich hierher.“ Mehrere Gardisten haben später zu Protokoll erklärt, daß auch Oberst v. Buttlar geäußert habe: „Es wird geschossen werden, hier können Sie nicht stehen bleiben“[65]; v. Buttlar hat diese Aeußerung in Abrede gestellt. Jedenfalls ist die Communalgarde absichtlich zur Zerstreuung der Menge nicht verwendet und in der ungebührlichsten Weise zur Rolle eines müßigen Zuschauers der nun folgenden schweren Katastrophe verurtheilt worden. Die Verwendung von Militair, bevor die Communalgarde zur Herstellung der Ruhe wirklich verwendet worden, war geradezu ungesetzlich.