In wenig Minuten hatten die Schützen, Gewehr in Arm, ohne Anwendung des Bayonettes, den ganzen Platz gesäubert. Die ganze große Masse war in die enge Lerchenallee und den dahinter laufenden Fahrweg zurückgewichen und hier zusammengedrängt und strömte ab, so schnell das im dichten Gewühl bei dem engen Raum anging. Die Schützen wichen nun wieder in ihre vorige Stellung zurück. Der Platz blieb frei. Nur einige verwegene Buben, nach allen Berichten blutjunge Menschen, übersprangen die Barrièren der Allee, liefen auf das Militair zu, schimpften und warfen mit Steinen. Deßhalb wurde, unter dem Vorantritt der Polizeimannschaft, der Lieutenant Vollborn mit einem Peloton Schützen beordert bei Thaer’s Denkmal in die Lerchenallee einzurücken und die Menge aus dieser zu vertreiben. Er drang da in der linken Flanke der Masse ein, und auch hier wich diese, von einzelnen Steinwürfen Nichtswürdiger abgesehen, widerstandslos zurück, wie sämmtliche abgehörte Polizeimannschaften bekunden. Wegen des dichten Gedränges konnten die Menschen nicht schneller weichen. Jedenfalls war nun längst jeder Schatten von Besorgniß für die Sicherheit des Prinzen und seiner Leute, namentlich auch der Truppe, zerstreut.
Da krachen mit einem Mal zahlreiche Schüsse durch die stille Nacht; v. Süßmilch und Lieutenant v. Abendroth lassen vom Hôtel her über den Platz in die Front der abströmenden Menge feuern, Lieutenant Vollborn läßt seine Leute in Flanke und Rücken der Massen Rottenfeuer geben. Nach Versicherung dieser drei Offiziere und einiger ihnen nahe Stehender war dem Schießen eine Aufforderung an die Menge zum Auseinandergehen vorangegangen. Sehr viele Andere aber, die dicht bei den genannten Offizieren standen, haben von dieser Aufforderung nichts vernommen. Von der Menge, an die sie gerichtet gewesen sein soll, hat jedenfalls nicht ein Einziger diese Aufforderung hören können.
Die Wirkung des Feuers war furchtbar. Auf dem Roßplatz, zu dessen Säuberung das Militair lediglich herbeigeeilt war, lag nur ein einziger Erschossener — der Polizeidiener Arland. In Erfüllung seiner Pflicht hatte ihn die im Namen der Ordnung entsendete Kugel hingerafft. Alle übrigen Todten und Verwundeten waren in den Promenaden und sogar am Eingang der Universitätsstraße — etwa drei Minuten vom Roßplatz entfernt — von dem mörderischen Blei getroffen worden. Die Meisten hatten die Todeswunde im Rücken, zum Beweise dafür, daß sie auf dem Nachhausewege, unschuldig, getödtet worden waren. Am Arm seiner Braut fiel der Postsecretair Priem, nahe bei ihm der Postsecretair Jehn; wenige Schritte von seiner Wohnung der bejahrte Privatgelehrte Nordmann; zwei gesetzte Männer, der Markthelfer Kleeberg und der Schriftsetzer Müller, und ein vielversprechender Jüngling aus gutem Bürgerhause, der Handlungscommis Freygang, lagen todt in ihrem Blute. Die Verwundeten füllten die Krankenhäuser der Stadt.[66] Es war halb elf Uhr Nachts; seit dem Erscheinen des Militairs waren kaum zehn Minuten verflossen![67]
Die Aufregung, welche die Kunde dieses grauenvollen Vorfalles in der Stadt erzeugte, war ungeheuer. Das Entsetzen und die gerechteste Entrüstung Tausender begleitete die Bahren der Erschossenen und Verwundeten.
Am bezeichnendsten für das Urtheil der Zeitgenossen über die That, ist die Darstellung der gelesensten und maßvollsten politischen Zeitschrift jener Tage. „Die Grenzboten“ schrieben: „Ein plötzliches Commando befahl „Feuer!“ Die Schützen schossen unter die promenirende Menge! Keine Aufforderung, keine directe Drohung hatte die zum allergrößten Theile aus Neugierigen, darunter Weiber und Kinder, bestehende Masse ahnen lassen, daß zu diesem fürchterlichen, alleräußersten, nur in Momenten eines Bürgerkrieges oder einer Revolution zu entschuldigenden Mittel gegriffen werden könnte. Dieses bezeugen Hunderte von Zuschauern mit dem heiligsten Eide. Kein Anstürmen, keine Beleidigung eines Soldaten hatte dieses unheilvolle Commando nöthig gemacht. Ja selbst im Falle eines Vordringens war das in Reih und Glied stehende, mit Bajonetten und Munition versehene Militair dem gänzlich unbewaffneten, ungeordneten, führerlosen Haufen unendlich überlegen“.
Die Studenten erbrachen den Fechtboden und rotteten sich zusammen, um die Schützen und deren Kaserne anzugreifen. Ihnen und Hunderten Gleichgesinnter tritt die Communalgarde entgegen, die endlich um Mitternacht durch Generalmarsch unter die Waffen gerufen wird, und ruhig und mühelos, ohne Waffengewalt, die von neuem und in weit gefährlicherer Stimmung auf dem Roßplatz sich sammelnde Menge zerstreut. Auch dahin war sie mit Hohn entsendet worden. Als die Garde verlangte, selbst die Wache vor dem Hôtel des Prinzen zu übernehmen, erwiderte Oberst von Buttlar: „daß er unter keinen Verhältnissen seinen Platz verändere, und so lange Se. Kgl. Hoheit im Orte wären, das Militair von seinem Stande nicht abgehen lassen werde, auch daß er von Niemandem, selbst nicht von Se. Kgl. Hoheit, Befehle annehmen könne, übrigens für die Communalgarde, wenn sie, wie ihr zustehe, Excedenten arretiren wolle, Gelegenheit genug zum Einschreiten sich darbiete.“[68]
Von Verwünschungen und Steinwürfen verfolgt, enteilte am Morgen des 13. August auf Seitenwegen der an dem Gemetzel völlig schuldlose Prinz, von reitender Communalgarde geleitet, aus der Stadt. Er hatte keine Ahnung davon gehabt, welche Katastrophe der Uebereifer seiner Getreuen vorbereite, bis das Entsetzliche geschehen war. Und dennoch glaubte am Morgen des 13. August ganz Leipzig, der Prinz sei der Urheber des Feuerns gewesen. Ja, nicht ein Einziger von allen Denen, die diesem traurigen Gerücht hätten entgegentreten können, die mit dem Prinzen zu Tische gesessen, die mit ihm gesprochen bis zur Katastrophe und bezeugen konnten, daß er durch das Feuern auf’s Höchste überrascht und bestürzt gewesen, nicht Einer von ihnen, außer dem mannhaften Rector der Universität, dem Domherrn Dr. Günther, hatte den Muth, der Wahrheit die Ehre zu geben.
Völlig gelähmt durch den Schrecken über das ungeheure Ereigniß waren der Rath, die königlichen Behörden, selbst das Militärcommando. Der Rath, an dessen Spitze der unfähige Bürgermeister Groß stand, erließ eine der wunderbarsten Offenbarungen seiner Weisheit. „Gewiß hat jeder wohlgesinnte Bürger und Einwohner unserer Stadt den größten Unwillen und tiefsten Schmerz über die beklagenswerthen Ereignisse empfunden, welche in der vergangenen Nacht stattgefunden haben.“ Und „zur Aufrechterhaltung der auf so traurige Weise gestörten Ordnung“ verordnete der Rath „zu diesem Entzweck (!): 1) Alle Lehrherren und Meister, sowie alle Eltern unerwachsener (!) Kinder werden dringend aufgefordert, ihre Lehrlinge und Kinder von acht Uhr Abends an zu Hause zu behalten und bei eigener Verantwortung ihnen das Ausgehen nicht weiter zu gestatten. 2) Alle Hausthüren sind von 9 Uhr an geschlossen zu halten. 3) Alle Personen, welche nach dieser Zeit in größeren Truppen (!) auf der Straße sich treffen lassen, haben auf erfolgte Bedeutung der Patrouillen der Communalgarde sofort auseinanderzugehen. 4) Der Aufenthalt in öffentlichen Schankstätten ist Gästen nur bis 9 Uhr zu gestatten“ u. s. w. Gleichzeitig eröffnete der Rath, der durch diesen Ukas nur noch mehr verstimmten Bürgerschaft: „Der zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit allhier erforderliche Dienst der bewaffneten Macht ist ausschließend (!) der hiesigen Communalgarde, der sich zu diesem Zwecke die Herren Studirenden auf das Bereitwilligste angeschlossen haben, übergeben worden.“
Nichts bezeichnet wohl so sehr die Rathlosigkeit des Rathes und der königl. Behörden, als daß man — und zwar mit Vorwissen der Königl. Kreisdirection — „die Herren Studirenden,“ die noch vor wenigen Stunden die bewaffnete Macht attakiren wollten, zu Hütern der Ordnung einsetzte; und es war daher den Musensöhnen durchaus nicht zu verargen, daß sie, einmal zu einer Art Leipziger Vorsehung erhoben, sich sofort anschickten ihre Rolle würdevoll zu spielen. Sie ließen an allen Straßenecken eine Einladung zu einer Versammlung der Studirenden, die im Schützenhause Nachmittags zwei Uhr stattfinden sollte, anschlagen. Hier fanden sich etwa siebenhundert Studirende und etwa dreimal so viel Bürger ein.[69] Wild wogten die Leidenschaften in der großen Versammlung. Den lebhaftesten Beifall ernteten die extremsten Vorschläge. Immer höher stieg die Hitze des Zorns, immer verwirrter wurden die Vorschläge, die Anträge, immer unheimlicher ward der Ruf nach Sühne und Vergeltung; endlich ward das Verlangen nach Rache um jeden Preis der herrschende Grundton der Stimmung dieser Versammlung. Wenn die wildeste Meinung siegte und dann die entfesselten Tausende, die studirenden Hüter der Ordnung an der Spitze, fraternisirend mit der durch Militair und königl. Behörden tief gekränkten Communalgarde, sich durch die Stadt ergossen, Rache heischend und suchend — was dann? Seit dem Tage, da der fliehende Napoleon am Ende der Völkerschlacht seinen Myrmidonen in Leipzig den Befehl hinterlassen, die Stadt nur als rauchenden Trümmerhaufen dem einziehenden Sieger zu überliefern, hatte die Stadt nicht mehr in so ernster Gefahr geschwebt, als heute.