„Verehrter Mitbürger!
Die unterzeichneten Bewohner Leipzig’s sprechen ihren Dank aus für Ihre unermüdlichen Bestrebungen zur Wahrung der verfassungsmäßigen Ordnung und zur Heilighaltung des Gesetzes, welche in den Tagen des 13., 14. und 15. August d. J. durch die Ereignisse des 12. desselben Monats bedroht wurden. Sie haben, treu Ihrer Bürgerpflicht, die aufgeregten Tausende ermahnt: nicht zu verlassen den Boden des Gesetzes und mit Vertrauen auf die Behörden zu blicken, die unseren gerechten Beschwerden Abhülfe herbeiführen würden. Sie haben durch Ihre Worte den stürmischen Ausbrüchen der Gemüther gesteuert. Wir danken Ihnen dafür.“
Zahlreiche ähnliche Adressen trafen aus Sachsen und aus dem übrigen Deutschland bei Blum ein. Besonders merkwürdig unter ihnen ist diejenige aus Mannheim und Schwetzingen, weil sie einträchtiglich die Unterschriften aller badischen Liberalen vereinigt, die wenige Jahre später so hart sich befehden sollten. Da steht an der Spitze Carl Mathy, neben und unter ihm Adam v. Itzstein, Th. Welcker, Hecker, v. Soiron, Bassermann, Struve, Hergenhahn, Dr. Paulus, Thilo u. A.
Die ganze Bürgerschaft Leipzigs aber stattete Robert Blum ihren Dank ab, indem sie ihn am Ausgang des Jahres 1845 zum Stadtverordneten wählte.
Er selbst faßt am 3. November 1845 die Folgen des schmerzlichen Ereignisses in einem — auch sonst interessanten — Briefe an Johann Jacoby treffend also zusammen:
„Wie bei uns die Augustereignisse gewirkt haben? Gut und schlecht — wie man will. Die Reaction ist allerdings furchtbar in diesem Augenblicke und es gibt kein Land, in welchem man so viele Knechtungsversuche aller Art macht; aber gerade dadurch ist auch der Spießbürger zum Theil wenigstens zur Besinnung gelangt und hat die schwere Täuschung erkannt, die solange ihn benebelt hat. Unsere Kammer ist gut, aber sie erzielt natürlich nichts. Solange der deutsche Minister einer ganzen Kammer auf alle ihre Mehrheitsbeschlüsse mit Unverschämtheit sagen kann: „Es bleibt beim Alten, car tel est notre plaisir,“ solange bleibt das ganze Kammerwesen eine heillose Spiegelfechterei. Aber wenn die Kammer wirklich fruchtlos auseinandergeht, so steigert sich die Stimmung im Lande bis zur Unglaublichkeit — wie denn überhaupt die Stimmung in unsern kleinen Städten und auf dem Lande vielfach entschieden gut ist — und das System ist es endlich, gegen welches sich der Haß kehrt, nicht mehr gegen die Menschen und die Umstände. — Etwas Ungeheures ist es bei uns, daß der Leipziger Mord die einfältige Pietät gänzlich vernichtet hat, die sich bei jeder unangenehmen Gelegenheit sagte: „Ja, der König und die Minister würden dieses und jenes gerne thun, sie haben den besten Willen, aber sie können nicht.“ Uebrigens wäre das Leipziger Ereigniß auch nicht so ganz zum Siege der Reaction ausgeschlagen, wenn sich unsere Stadtverordneten nicht unter allem Luder schmachvoll benommen hätten. Diese Adresse aber war für die Minister nicht mit Geld zu bezahlen und als sie sahen, daß das in Leipzig möglich war, traten sie sofort mit einer unglaublichen Frechheit auf, während bis dahin die Furcht weit überwog. In einigen Wochen werde ich wahrscheinlich zu den Stadtverordneten gehören, bin aber noch schwankend, ob ich’s annehme. Da es indeß fast der einzige Weg ist, den Spießbürger in geeigneten Momenten zu dominiren, und ihm zu imponiren, so wird’s wohl nicht gut anders gehen, um so mehr als es der einzige Weg für mich ist, auf den Landtag zu kommen, den ich, wenn die Zeiten so trostlos bleiben, nicht ausschlagen möchte. — Werden Sie mich denn in diesem Jahre mit einem Beitrage für mein Taschenbuch „Vorwärts“ erfreuen? Wenn Sie können, so thun Sie’s, denn eben jetzt im letzten Augenblicke haben sie mir Steger geraubt, der seine Theilnahme am Buche seiner Existenz in Sachsen zum Opfer bringen mußte.[86] Uebelnehmen kann ich’s ihm nicht, denn er ist eben im Begriff sich einen Herd zu gründen und wäre, wenn man auf der Ausweisung bestünde, gänzlich heimathlos; aber es bereitet mir manche Verlegenheit.“[87]
Besonders bemerkenswerth in diesem Briefe ist das Urtheil, das Blum über die wahrscheinliche Erfolglosigkeit der Anstrengungen der liberalen Partei im Landtage fällte. Während Aller Augen gespannt auf dem Landtag hafteten und hoffnungsreich von ihm Sühne für die Leipziger That und Abstellung aller übrigen Beschwerden erwarteten, erklärte der Führer des Fortschritts in Sachsen ganz offen: „Unsere Kammer ist gut, aber sie erzielt natürlich nichts.“
Diese Voraussicht sollte im vollsten Maße sich bewahrheiten.