Und sind die Zeiten schwer und trübe,
Das kaum Errungene bedroht,
Welkt, was wir pflegten voller Liebe,
Das kaum Lebend’ge schon zum Tod,
So muß die Pflicht uns ernster mahnen
Mit Muth und Treue Hand in Hand,
Durch jeden Damm den Weg zu bahnen
Dem Einen deutschen Vaterland.
Der finstern Stürme blindes Wüthen,
Das stark und mächtig rückwärts bläst,
Zerknicket nur die äußern Blüthen,
Die Wurzel nicht, die tief und fest;
Drum muß es aus dem Herzen stammen,
Wo seine Wurzel festgebannt,
Muß aus der tiefen Seele flammen
Das Eine deutsche Vaterland.
So hebet denn nach deutscher Weise
Der Traube gold’nes Feuerblut,
Und weiht mit ihm im weiten Kreise
Dem Vaterlande Kraft und Gut:
Wir wollen treu und männlich weben
Ein unzertrennlich Bruderband!
Es soll in Kraft und Freiheit leben
Das Eine deutsche Vaterland.
Jedenfalls war es nur schlichte Wahrheit, wenn Blum am 8. Juli 1846 an seine Mutter schrieb: „Diesen Sommer bin ich jeden Augenblick gereist, bald hier, bald dorthin, bald in Geschäften, bald zum Vergnügen, d. h. zum Vergnügen Anderer, denn für mich war es meist nur Plage. Es kann nämlich kein politisches Fest in Sachsen mehr gefeiert werden, ohne mich; so meinen wenigstens die Leute, und wo etwas los ist, da schickt man mir Einladungen, Deputationen, stellt mir Eisenbahn, Extrapost, alles Mögliche zur Verfügung, wenn ich nur komme. Auf die Dauer kann das allerdings nicht währen, denn theils kann ich meinem Director nicht zumuthen, daß er mich jeden Augenblick fortläßt, theils paßt meine Theaterstellung nicht zu meiner öffentlichen. Es muß anders werden, aber freilich weiß ich nicht wie“.
Schon seit Jahren war ihm dieser Widerstreit der Pflichten peinlich gewesen. Zu Beginn des Jahres 1843 schon hatte er in gleichem Sinn an seinen Stiefvater geschrieben. Nun mit Beginn des Jahres 1846 nahmen ihn auch die zeitraubenden Geschäfte des Stadtverordneten in Anspruch und zogen ihn daher noch mehr von seinem Berufe ab, als bisher. Darüber schreibt er am 11. März 1846 an seine Mutter: „Leider bin ich mit Arbeiten mehr überladen, als je zuvor. Das Amt eines Stadtverordneten ist ein ziemlich mühevolles; außer den Sitzungen alle Wochen kommen noch eine Masse Deputationen und andere Arbeiten, die mich um so mehr stören, als ich übergenug beschäftigt war. Und leider sind die Mühen auch insofern noch unerfreulicher Art, als sie vorerst nichts nützen; denn die alten Zöpfe im Collegium schaaren sich zusammen wie die Kletten und stimmen gegen alle Vernunft, wenn die Vorschläge von uns ausgehen. Indessen das wird anders, im nächsten Jahre treiben wir wieder ein Drittel hinaus und dann muß es besser werden.“ In der That bezeichnet der Beginn des Jahres 1846 einen Umschwung in dem Gemeindeleben und der Stellung der Gemeindevertretung Leipzig’s. Mit Blum waren Biedermann, Koch, Joseph, Klinger, Bertling, u. A. in das Stadtverordnetencollegium gelangt, und traten hier, in den kommenden Jahren immer mehr verstärkt durch Gleichgesinnte, als energische Opposition auf gegen die hergebrachte Leisetreterei in allen Dingen, welche bei Rath und Regierung verstimmen konnten. In zwei Jahren, bis zum Februar des Jahres 1848 hatten diese liberalen Elemente schon solchen Einfluß erlangt, daß das leipziger Stadtverordnetencollegium, wie unten gezeigt werden wird, als die erste vorwärtsdrängende Macht im Staate angesehen werden konnte. Auch hier aber, wie im Landtag, schied sich später in den meisten Fragen der entschiedene Radikalismus unter Blum’s Führung, von dem gemäßigteren Liberalismus, den auch im Collegium Biedermann leitete.
So peinlich nun Blum bei dieser Fülle öffentlicher Pflichten eine abhängige geschäftliche Stellung empfand, so war doch für’s Erste an ein Aufgeben der letzteren nicht zu denken. Denn sie bildete für ihn und die Seinen mehr als je die Grundlage der Existenz. Mit der Unterdrückung der Vaterlandsblätter durch die Regierung hatten seine finanziellen Einnahmen eine schwere Einbuße erlitten. Blum hatte zwar auch diesmal der Partei ihr Organ zu retten gesucht, indem er seine und der Freunde Theilnahme, Abonnements und Mitarbeiterschaft der Constitutionellen Staatsbürgerzeitung, die unter Dr. R. Rüder’s Redaction erschien, zuwandte. Aber dieses junge Unternehmen hatte zunächst hart mit seiner Existenz zu kämpfen, erforderte Opfer, statt seine Mitarbeiter mit Einkünften versorgen zu können. Und am härtesten hatte es zu kämpfen mit der schrecklichen Lauheit und Erschlaffung, in welche die Sächs. Bevölkerung, nachdem die mit Anspannung aller Kräfte geführten parlamentarischen und politischen Kämpfe resultatlos geblieben waren, damals und auch später so oft nach ähnlicher Aufregung, rasch und plötzlich verfallen war. Noch am 1. September erließ Blum ein Circular an die nächsten Freunde der Provinz, in dem es heißt: „Heute sind es vier Monate, daß Dr. Rüder die Redaction der Constit. Staatsb.-Ztg. übernommen hat und fast fünf Monate, daß ich zur Theilnahme an derselben aufzufordern mich veranlaßt fand. Was ist seitdem geschehen? Weder für die Vorbereitung noch für den Inhalt des Blattes irgend etwas Wesentliches, die Steigerung des Absatzes ist eine sehr unbedeutende, den Inhalt hat Dr. Rüder und einige seiner Freunde fast allein liefern müssen. Steht es denn wirklich so traurig um die Partei des Fortschritts in Sachsen, daß sie nicht ein Blatt halten, ausbreiten und mit Stoff versorgen kann? Dann wollen, dann müssen wir aufhören, und uns schämen, daß wir so groß uns wähnten und so kinderleicht überwunden wurden.“ Und am Schlusse heißt es: „Wer bei dem augenblicklichen Zustande unseres Vaterlandes nicht erkennt, daß gemeinsame Anstrengungen uns nöthiger sind, als je zuvor, wer nicht Alles thut, was in seinen Kräften steht — der begeht eine Todsünde an der heiligen Sache des Fortschrittes, die er vor seinem Gewissen nie und nimmer verantworten kann.“ Aber auch trotz dieses Weckrufes hat die Const. Staatsb.-Ztg. niemals eine annähernd gleich große Verbreitung gefunden als die Vaterlandsblätter, so daß die letzteren mit dem ersten Frühlingsbrausen des Jahres 1848 von Blum sofort wieder ins Leben gerufen wurden.
Auch die Betheiligung Blum’s an dem rühmlichen Unternehmen des jungen Buchhändlers Ernst Keil, in einer illustrirten billigen und populären Zeitschrift, „Der Leuchtthurm“, dem Volke die Biographien der verdientesten Volksmänner der Zeit, gediegene Unterhaltung und Belehrung zu bieten, konnte mit nichten Ersatz bringen für die Einbuße, die Blum mit Unterdrückung der Vaterlandsblätter erlitten. Im „Leuchtthurm“ versuchte Ernst Keil schon denselben Gedanken zu verwirklichen, den er später in der „Gartenlaube“ mit so großartigem Erfolg durchführte. Der Versuch scheiterte indessen an der Grundanlage: es war zuviel Politik darin für das große Publicum, die Darstellung der Hauptbilder in Stahlstich erforderte zuviel Zeit, und — die Reaction war zu übermächtig; von Leipzig an über Gera, Magdeburg, Braunschweig &c. wurde das verhaßte Blatt sammt seinem muthigen Verleger verfolgt wie ein gehetztes Wild und zuletzt einfach todtgeschlagen. Im Leuchtthurm von 1846 hat Blum die Biographien von Zittel und Itzstein, in dem von 1847 die Biographie Ernst Moritz Arndt’s außer zahlreichen kleineren Beiträgen geschrieben. — Daß Blum’s Taschenbuch „Vorwärts“ in dieser Zeit infolge der Regierungsplackereien gleichfalls nicht mehr rentirte, ist schon oben bemerkt worden.
Unter solchen Umständen mußte er denn in seiner abhängigen geschäftlichen Stellung aushalten, zumal er daheim das härteste Leid fürchtete, den Verlust der Gattin — glücklicherweise grundlos! Am 8. Juli schrieb er darüber an die Mutter: „Ich und die Kinder, wir sind ganz gesund, aber meine Frau kränkelt sehr und ich fürchte, es wird Auszehrung werden, was Ihr aber ja in Euren Briefen nicht berühren wollt. Wenn unser Besuch (die Schwester seiner Frau, Frau Jost) fort ist, soll sie auf’s Land, um vollständige Ruhe zu haben und die Milchkur zu gebrauchen. Gebe Gott, daß es hilft!“ Auch die Lasten, die Blum mit dem Hauskauf übernommen, waren nicht unerheblich. Indeß schoß Freund Joseph die Summen vor, die auf das Kaufgeld abgetragen werden mußten.
In diesen trübseligen Tagen blickte Blum mit verdoppelter Zuversicht auf den Freundeskreis, der sich im August wieder auf Hallgarten bei Itzstein versammeln sollte. In seiner bereits S. [136] erwähnten Einladung an Johann Jacoby v. 17. Juni 1846 schreibt er u. A.: „Von unsern Zuständen kein Wort, gewiß hat es Sie längst angewidert, wenn Sachsen Ihnen in der Zeitung begegnete, und die etwaige geheime Geschichte dieser Niederträchtigkeitsepoche ist wo möglich noch schlimmer, als die öffentliche. Indessen ist die jetzige Periode, so entsetzlich sie sein mag, nicht verloren; sie entzieht dem politischen Mäßigkeitsverein, welcher in Sachsen vorzugsweise heimisch ist, viele Anhänger und die Zahl derjenigen wächst täglich, welche einsehen, daß es einer kräftigeren, einer markerschütternden Azung bedarf, aus dieser Flauigkeit herauszukommen. Aber wie klar auch diese Keime vorhanden sind und treiben, es bedarf leider in Deutschland Alles gar zu langer Zeit zum Reifen.“
Vorläufig dachte die Regierung nicht daran, ihre Handlungen zu verheimlichen, sondern ließ sich höchst ungenirt in der reactionären Strömung treiben. Hatte man bisher hauptsächlich den Radicalismus bekämpft, so ging man nun auch dem gründlicheren und maßvolleren und darum doppelt verhaßten Liberalismus in der Presse und sonst zu Leibe. Die Veröffentlichung einer von Biedermann beim Constitutionsfest 1845 gehaltenen Rede zog diesem eine Anklage zu und obwohl derselbe in dritter Instanz „im Mangel mehreren Verdachts“ freigesprochen wurde, untersagte man ihm nach wie vor das Halten staatsrechtlicher Vorlesungen. Das Heft von Biedermann’s Gegenwart und Zukunft, welches den wiederholt citirten Aufsatz „Sächsische Zustände“ brachte, wurde von der Kreisdirection mit Beschlag belegt, obwohl kein Wort darin stand, das nicht durch öffentliche Actenstücke belegt war. Wenige Tage darauf aber wurde diese Beschlagnahme vom Minister des Innern aufgehoben mit der von sämmtlichen Ministern unterzeichneten Motivirung: „Daß die in jenem Aufsatze enthaltenen Aeußerungen über die Wirksamkeit und Gesinnung mehrerer Minister zu unwürdig seien, um von ihnen auf irgend eine Weise (?) beachtet zu werden, und daß sie sich durch dergleichen Angriffe in treuer Erfüllung ihrer Pflicht gegen König und Vaterland nicht irre machen lassen würden.“ Natürlich erlebte die Schrift nun rasch drei Auflagen. Dem Buchhändler Brockhaus wurde der Druck magyarischer Schriften einfach verboten, weil kein sächsischer Censor diese Sprache verstehe. Ja, eine Generalverordnung vom 22. April 1847 setzte den Denuncianten aufrührerischer Schriften Prämien von zwanzig bis hundert Thalern aus.