Niemand wird erwarten, daß hier die Geschichte dieser merkwürdigen Versammlungen, in der Folge auch des ersten Deutschen Parlamentes geboten werde. Schon der große Umfang des Stoffes mußte einen solchen Versuch aus Anlaß der Lebensbeschreibung eines einzelnen Mitkämpfers verbieten. Auch die Biographen Dahlmann’s und Mathy’s, Springer und Freytag, haben sich mit Recht streng an die parlamentarische Thätigkeit ihrer Helden gehalten. Und selbst Biedermann in seinen „Erinnerungen aus der Paulskirche“ lehnt bescheiden ab, eine Geschichte der Deutschen Nationalversammlung bieten zu wollen. Herr Laube übt diese Entsagung nicht; es war aber auch nicht nöthig, da kein Einsichtiger von ihm ein geschichtliches Werk erwarten konnte. An Robert Blum’s Lebensgeschichte eine eingehende Darstellung der Arbeit des ersten Deutschen Parlaments zu knüpfen, wäre um so zweckwidriger, als das Leben des Mannes da abbricht, wo die Hauptarbeit der Nationalversammlung erst ihren Anfang nimmt. Es kann sich also in der Folge überall nur darum handeln, Robert Blum’s Antheil und Stellung zu den Aufgaben darzulegen, welche zur Zeit seines Lebens die Abgeordneten der Deutschen Nation beschäftigten.

Als eine Versammlung, welche trotz der Formlosigkeit ihrer Zusammensetzung und trotz der Unbestimmtheit ihrer Aufgabe das ganze und volle Vertrauen des deutschen Volkes besaß, ist gewiß das Frankfurter Vorparlament zu bezeichnen. Von einer Vereinigung von 51 Männern von localer und deutscher Berühmtheit, die am 5. März in Heidelberg sich versammelt hatten, war das Vorparlament berufen worden. Den Kern dieser Versammlung hatten die alten Freunde und Mitverschworenen Blum’s von Hattersheim und Mainz gebildet. Ihre stille, beinahe ein Jahrzehnt im Verborgenen gebliebene Arbeit sollte nun im hellen Lichte des Tages gethan werden und Früchte bringen. Als Hauptaufgabe des hier beschlossenen Vorparlaments ward die Berufung eines Deutschen Parlaments für Anfang Mai, die Vorbereitung der Wahlen für dasselbe durch einen permanenten Ausschuß des Vorparlaments bezeichnet. Auch eine neue Verfassung für Deutschland war von dem Siebener-Ausschuß der Heidelberger Versammlung am 5. März entworfen worden[118]. Dieser Entwurf sollte die Grundlage der Berathungen des Vorparlamentes bilden.

Am 31. März trat das Vorparlament in der Paulskirche zu Frankfurt zusammen. Unter einem wogenden Meer Deutscher Fahnen, durch einen Wald grünender Freiheitsbäume, überschüttet von Blumen und Kränzen, schritten die Mitglieder des Vorparlaments, umgeben und geleitet von Tausenden begeisterter Männer und Frauen, gehobenen Herzens vom Kaisersaale des Römers aus an ihre Arbeit, in jene Paulskirche, die fortan fast ein Jahr lang die besten Männer Deutschlands und die heiligsten Hoffnungen der Nation umschließen sollte.

Schon die Präsidentenwahl sollte Blum’s natürliche Fähigkeiten in das glänzendste Licht stellen. Der ehrwürdige Präsident Mittermaier besaß nicht einmal die physische Kraft, eine so stürmische und dichtgedrängte Versammlung — in der Anfangs nicht einmal an Sitzen zu denken war — zu leiten, noch weniger die Ruhe, das Herrscherauge und die Geistesgegenwart des geborenen Präsidenten. Unter allen Vicepräsidenten (Dahlmann, Itzstein, S. Jordan, Blum) besaß nur Robert Blum diese Eigenschaften. Wiederholt hat er durch sein machtvolles Organ und seine unerschütterliche Ruhe die entfesselten Leidenschaften des „wilden Parlamentes“ besänftigt und dadurch die Würde der Versammlung gerettet, als der Präsident das Steuer längst aus den kraftlosen Händen hatte gleiten lassen.

Vier Sitzungen nur (vom 31. März bis 3. April) hat das Vorparlament gehalten. Schon in der ersten dieser Sitzungen hat Robert Blum wiederholt in bedeutsamer Weise in die Verhandlungen eingegriffen. Er stellte, als er das erste Mal das Wort erbat[119], den Antrag, den Verfassungsentwurf der Siebener-Commission sowohl als Struve’s Abschaffungs-Antrag, der sofort nach Eröffnung der ersten Sitzung in die Versammlung geschleudert wurde, als republikanische Gegenverfassung gegen das monarchische Verfassungsproject der Siebener, an eine vom Vorparlament zu wählende Commission zu verweisen. Nach der Stellung, die Blum im ganzen Verlauf des Vorparlaments zu diesem wahnwitzigen Antrag und seinen Vertheidigern einnahm, kann sein Vorschlag, die beiden Verfassungsentwürfe, den der Siebener und den Tabula-rasa-Antrag Struve’s an eine Commission zu verweisen, keinen andern Zweck verfolgt haben, als den, die traurige Secession der äußersten Linken, welche in den folgenden Tagen die Geschichte des Vorparlaments entstellen sollte, zu vermeiden, und womöglich die Basis eines Compromisses für alle Vaterlandsfreunde zu finden. Damit wäre das Größte gewonnen gewesen. Vor Allem war dann das unselige Streben im Keime erstickt, zu dem Struve und Hecker sich gedrängt fühlten, als sie im Vorparlament und noch mehr im Fünfzigerausschuß sich die parlamentarische Arena erschlossen glaubten: der bewaffnete Aufstand. Auch der Verfasser der Geschichte des Vorparlaments in der „Gegenwart“[120] (Biedermann?) ist der Ansicht, daß dieser Aufstand selbst noch am Ende des Vorparlaments durch die Wahl Hecker’s und Struve’s in den Fünfzigerausschuß hätte vermieden werden können, sicher also durch ein Compromiß über ihre Anträge, wenn das Vorparlamen auch — wie das später thatsächlich der Fall war[121] — der künftigen Deutschen Nationalversammlung die eigentliche Entscheidung über die verfassungsmäßigen Grundlagen und Grundrechte des Deutschen Staates überlassen hätte.

Es gehört wirklich die ganze eitle Voreingenommenheit Heinrich Laube’s gegen Robert Blum dazu, um so schiefe Urtheile über Blum und seine Rolle in dieser Stunde des Vorparlaments zu fällen, wie Laube gethan[122]. Nicht einmal das Portrait des Mannes, den er verhöhnen will, ist dabei richtig gezeichnet[123]. Denn Blum war damals, wie das treue treffliche Oelbild in Lebensgröße, das vor mir hängt, darthut, der von Laube entworfenen Karikatur so unähnlich wie möglich. Sein reiches lockiges Haupt- und Barthaar war von bräunlichem Blond, schön durchgearbeitet die breite Stirn, glänzend und groß das braune Auge, feingeschnitten der beredte Mund, der über den Lippen keinen Bart zeigt, die Gesichtsfarbe allerdings von einer von Herrn Laube begreiflicherweise beneideten Frische der Gesundheit. Schulter und Brust von einer gewaltigen Kraft zeugend. So sah das Bild des Mannes aus, das Herr Laube mit seinem feuilletonistischen Stift zu verzerren suchte[124]. Aber an dieser Karikatur des Aeußern ließ sich dieser boshafte Stift nicht genügen. So oft Blum im Parlament auftritt, wird dieser Stift in eine gallige Substanz getaucht und in leidenschaftliche Bewegung gesetzt, um den Herrn Laube so verhaßten Redner niederzustrecken, ihm wenigstens einige giftige Stiche zu versetzen. Unglaublich komisch geberdet sich diese Feder bei ihren Angriffen auf Blum, ihren Zurechtweisungen. Das Erste, was Herr Laube an Blum zu tadeln hat, ist seine Gesundheit[125]. Warum wohl? „Wer nicht fasten, wer nicht warten, wer nicht entsagen kann,“ schreibt Herr Laube asketisch, „der ist nicht für hohe Ziele geschaffen“. Anfangs ist man geneigt zu glauben, Herr Laube halte hier ein Selbstgespräch; etwa vom Standpunkte eines Mannes aus, dem es ärgerlich ist, in ein paar Jahren als Director des Leipziger Stadttheaters beiläufig eine Million Mark verdient zu haben und sonst nichts. Aber nichts von Selbsterkenntniß steckt in diesen Zeilen. Sie sind auf Robert Blum gemünzt; und geschrieben nicht etwa in der Erregung darüber, daß man Herrn Laube zum Vorparlament nicht zulassen wollte, sondern „im Winter 1848/49“[126], nach Blum’s Tode. Also nachdem Blum auf der Brigittenau verblutet hatte, setzt sich Herr Laube hin und schreibt, dieser Mann „habe nicht fasten, nicht warten, nicht entsagen können.“ Es genügt, auf den Lebenslauf beider Männer zu verweisen, um zu erkennen, wie gerecht dieses Urtheil ist; um zu wissen, welcher von Beiden gefastet, gewartet und entsagt hat, welcher von Beiden mehr Anlage und Aufopferung zur Erreichung höherer Ziele besessen. Eines ist dabei noch von besonders heiterer Wirkung für uns Heutige. Herr Laube, welcher die Schaubühne heute zur reinen Kunstanstalt erklärt, wenn er sie leitet und dabei Geld verdient, spricht mit besonderer Verachtung[127] von Blum’s Berührung mit dem Theater: „wie er (Blum), das gründliche Widerspiel schöner Kunst, dem Theatergeschäfte, dem frivolen! sich hingeben und die Vergeudung von Zeit und von edeln menschlichen Kräften[128] trocken berechnen und ordnen muß als Theater-Kassirer“.

Das Zweite, was Herr Laube Blum vorwirft, ist, daß Blum ohne spezielle Erlaubniß des Herrn Laube sich herausgenommen hat, in dem großen Drama der Zeit eine andere Rolle zu spielen, als der geniale Dirigent dieses Schauspiels, Herr Heinrich Laube, ihm zugedacht hatte. Herr Laube hatte Blum die liebliche Rolle des Kleon, des maßlosen Schreiers, des Apostels eines bornirten und albernen Klassenhasses zugedacht. „Er (Blum) wäre ganz (!) und hätte alsdann mit seinen Mitteln eine gewaltige Wirksamkeit, wenn er, seiner Herkunft gemäß, das Evangelium für die Dürftigen rücksichtslos ergriffen (!) hätte, ganz als moderner Bettelmönch“[129]. Statt dessen steht nun auf einmal Robert Blum als ein maßvoller Patriot, dessen Arbeit dem Wohle des Ganzen gilt, vor den Augen Herrn Laube’s, an der Spitze des Vorparlaments. Eine solche Vermessenheit ohne Gleichen bedarf der Züchtigung. Sie ist der Anlaß aller „bösen Zungen“, aller untergeschobenen Motive, welche Herr Laube gegen Blum aufbietet. Niemand, der sich ernstlich mit der Geschichte jener Tage beschäftigt, wird von einer andern Schrift über die Zeit geringer denken, als von derjenigen Herrn Laube’s. Deßhalb wird auch in der Folge von diesem Buche nur die Rede sein, wenn sich darin besonders treffende Belege finden für die Untauglichkeit des Verfassers zu geschichtlicher Beurtheilung.

Schon der erste Tag des Parlaments bot Blum, wie oben gesagt wurde, wiederholt Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente. Vor allem der Nachmittag. Am Vormittag hatte Carl Vogt durch einen in der Form untadeligen, dem versteckten Sinne nach aber unerträglichen Angriff auf den alten Welcker den Präsidenten gezwungen, die Sitzung aufzuheben. Blum wies beim Wiederzusammentritt der Versammlung Freund und Feind zurecht wegen solcher Scenen. Und bald darauf noch einmal. Am Nachmittag verbreitete sich nämlich unter den Abgeordneten plötzlich die Schreckenskunde, bewaffnete Schaaren seien auf die Kirche in Anmarsch, in der nächsten Straße habe schon ein Kampf stattgefunden. Alles rennt in der Kirche durcheinander, jede Ordnung ist aufgelöst. Wenige Minuten noch, so schreiten die Abgeordneten von bittersten gegenseitigen Vorwürfen vielleicht zu Tätlichkeiten und — die Würde der Versammlung ist für immer dahin! Da tritt Robert Blum auf, seine Stimme bricht sich Gehör in der meisterlosen, wilderregten Menge. „Er benutzte die gedoppelte Gelegenheit, um der Versammlung ganz ordentlich den Text zu lesen. Man nahm es ruhig hin, denn der Mann hatte Recht“[130]. Er sagte:[131]

„Lassen Sie uns, verehrte Versammlung, einen Blick zurückwerfen auf die drei ersten Stunden unseres Lebens. Wir sind unter Umständen auseinander gegangen, welche die gespannte Aufmerksamkeit Europa’s, die auf diese Versammlung gerichtet ist, wenigstens zu einem Kopfschütteln veranlassen wird. Mißverständnisse haben Statt gefunden, die beklagenswerth sind. Meine Herren, woher sollen wir die Freiheit bekommen, wenn wir sie nicht in unserem engsten Kreise uns gegenseitig erhalten. Woher sollen wir die Ruhe bekommen, wenn wir in unserem Kreise uns spalten bei dem ersten Zusammensein und diese Spaltung soweit treiben, daß es nicht mehr möglich ist, zu verhandeln. Wir haben noch keine von den Prinzipienfragen erörtert, für die die Menschen in allen Jahrhunderten Gut und Blut und Leben hingegeben haben. Es hat sich bisher bei uns nur um Formen gehandelt, und diese Formen haben uns in eine Leidenschaft gebracht, daß es thatsächlich unmöglich war, zu verhandeln. O, meine Herren, mögen wir doch daran denken, daß die Augen des gesammten Europa auf uns gerichtet sind, daß wir die erste Versammlung sind, die durch ihre That wie durch ihre Haltung aussprechen muß: Sehet, das deutsche Volk, das ihr so lange zurückgesetzt habet gegen andere Völker, beweist auch in seinen ersten Vertretern, daß es so entschlossen, so würdig, so ernst, so ruhig ist, wie irgend Jemand, der seit Jahrhunderten sich des kostbaren Gutes der freien Erörterung erfreut hat. Fragen Sie sich selbst, meine Herren, wenn die Zeitungen berichten über die Nothwendigkeit, die heutige Verhandlung aufzuheben, was das für einen Eindruck machen wird? Glauben Sie, daß dies geeignet wäre, das Vertrauen des Volkes auf uns zu stärken? Und fragen Sie sich selbst, wenn wir in dieser schroffen Gegenüberstellung zu einander stehen, was soll dann daraus werden? Der Wille des Volkes, seine Wünsche, sein Verlangen ist das einzige Mandat, das wir haben. Die da draußen stehen, stehen hinter uns Allen, wenn wir einig sind und die Discussion so leiten, daß wir ein Ganzes sind. Es stehen hinter uns Parteien, sobald wir uns selbst spalten in unserem Innern, und wohin es führt, wenn die Parteien sich in der gegenwärtigen Zeit so schroff gegenüber stehen, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Was wir hier tumultuarisch ausmachen oder nicht ausmachen, es wird draußen nicht mit Geschrei, es wird mit der Faust, und wenn es sein muß, mit den Waffen ausgemacht. Meine Herren, unser heiligster Beruf ist es, unserem Volk einen Begriff zu geben von der Würde und Größe der Volksvertreter, und in diesem Bewußtsein können wir uns so stolz erheben, wie nie eine andere Versammlung; denn es wird kein Unfriede kommen, wo sich die Liebe und Verehrung und das Vertrauen des Volkes so überzeugend, so hinreißend ausgesprochen hat, wie bei uns. Lassen Sie uns dem ganzen Volke vorangehen in dieser ernsten und großen Zeit in einer würdigen Haltung. Wir können es, sobald wir uns Alle zur Pflicht machen, unseren Willen nie durch einen Ausruf, sondern stets auf dem parlamentarischen Wege geltend zu machen. Wir wollen das Gesetz zuerst achten, das wir selbst geschaffen haben, dem wir uns freiwillig unterwerfen. Thun wir das, meine Herren, dann werden nicht allein die Herzen unseres Volkes uns entgegenschlagen, sondern auch die anderen Völker werden ihre Arme mit Bruderliebe ausstrecken nach den bisher verschmähten und verachteten Deutschen und werden in der ersten Vertretung, die hier zu Stande gekommen ist, die mündigen, die wahrhaften Männer begrüßen, die der Freiheit ebenso fähig sind, als sie sich ihrer werth zeigen.“ (Allgemeiner Beifall.)

Und aus Anlaß der allgemeinen Erregung über die Straßenscene sagte er: