Schließlich aber wandten sich doch alle Redner dem versöhnlich-entschiedenen Antrag Werner’s zu, auch Raveaux, auch Beckenrath, Heckscher und Schaffrath erklärten unter allseitigem Beifall im Namen der Linken, auch diese werde für den Werner’schen Antrag stimmen. Fast einstimmig wurde dieser Antrag angenommen. Da ging ein gewaltiges Hoch-, Bravo- und Hurrahrufen durch das ganze Haus, ein anhaltendes Händeklatschen erhob sich in der Versammlung und auf den überfüllten Galerien[156]. Jeder fühlte sich gehoben durch diesen Beschluß, der noch einmal die Nationalversammlung zur souveränen Schöpferin der Verfassung erklärte.
Dieser schöne Tag des Parlaments, der an seinem Schlusse eine seltene Einmüthigkeit der Parteien herbeiführte, sollte für Blum noch ein recht unangenehmes Nachspiel herbeiführen. Blum hatte die Gefahr, welche die Einberufung einzelstaatlicher Constituanten in sich berge u. A. durch folgende Mittheilung anschaulich zu machen gesucht[157]:
„Ein deutscher Minister hat mir gestern Folgendes mitgetheilt: Die Sachsen-Meiningische Regierung hat vor Kurzem an andere Regierungen ein Rundschreiben erlassen mit der Aufforderung, man solle das Plenum des Bundestags vollständig besetzen und für jede einzelne Stimme einen Gesandten hersenden. Darauf hat man von Seiten der preußischen Regierung geantwortet, die Bestimmung, die man dem also zusammengesetzten Plenum geben wolle: die vollendete Verfassung der Nationalversammlung zu berathen, darüber zu verhandeln und endlich zu beschließen, sei nicht zu erfüllen. Selbst dieses Plenum werde der Nationalversammlung gegenüber ohne Macht sein; das einzige Gegengewicht gegen die const. Nationalversammlung sei das, daß man möglichst viele constit. Ständeversammlungen in Deutschland berufe. — Meine Herren! Ich habe Ihnen für die Genauigkeit dieser Mittheilung nichts einzusetzen, als das Ehrenwort, welches ich Ihnen hier gebe, daß sie mir so gemacht worden ist; ich kann in die diplomatischen Archive nicht hineinsehen; aber es wird nicht gar schwer halten, anzufragen, ob ein derartiges Ansinnen gestellt und eine derartige Antwort gegeben worden ist.“
Schon in der nächsten Sitzung (29. Mai) behielt sich bei Verlesung des Protocolls der tapfere, gerade preußische General v. Auerswald vor, auf diese Aeußerung Blum’s zurückzukommen, da sie „Folgen“ hervorgerufen habe[158]. Am 1. Juni verlas der Präsident ein Schreiben Auerswald’s, in welchem es u. A. hieß[159]:
„Der Unterzeichnete, wenn schon dieser Mittheilung keinen Glauben schenkend, welche offenbar den guten Willen der preußischen Regierung gegen die Nationalversammlung, gegen das von ihr vertretene Deutsche Volk verdächtigte, ja welche der preußischen Regierung Mangel an Treu und Glauben, dem deutschen Volke gegenüber vorwarf: war dennoch bemüht, sich jede mögliche Aufklärung über das von dem Abg. Blum behauptete Factum zu verschaffen. Das Resultat dieser Bemühungen ist eine, unter dem 1. d. Mts. von dem K. Preuß. Minister der ausw. Angelegenheiten, Herrn v. Arnim, zu Berlin gegebene Erklärung folgenden Inhalts: „Die preußische Regierung hat weder bei der ersten von Frankfurt abgegangenen Einleitung zur Berufung der Deutschen Nationalversammlung, noch bei irgend einer anderen Gelegenheit einer deutschen Regierung in Beziehung auf das Verfassungswerk jemals irgend einen Rath, geschweige denn den Rath ertheilt, die Frankfurter Nationalversammlung durch Landtage in den einzelnen Staaten zu schwächen oder zu paralysiren. Wenn dessen ungeachtet in Frankfurt behauptet wird, Preußen habe sich durch derartigen Rath eines Verraths an der Deutschen Sache schuldig gemacht, so muß eine solche Behauptung als verleumderisch bezeichnet werden; Diejenigen, die sich nicht scheuen, dergleichen Behauptungen vorzubringen, werden zur Führung des Beweises durch Vorlagen der angeblich zu Grunde liegenden Actenstücke aufzufordern sein.“ “ —
Robert Blum bestritt[160] mit Grund, daß die Schreiben des Herrn v. Auerswald und v. Arnim seine Aeußerungen richtig wiedergeben und bat, wenn eine Verhandlung der Sache gewünscht werde, auf das Eintreffen der stenographischen Berichte zu warten. Er erklärte unter dem Widerspruch Vincke’s und Bally’s, daß im Uebrigen eine Privatmittheilung des einen Ministers der Privatmittheilung eines andern Ministers gegenüberstehe; denn auch „wenn einzelnen Mitgliedern von einzelnen Ministern etwas mitgetheilt wird, so bleibt dieses nach meiner Ansicht immer Privatmittheilung, die constitutionelle Nationalversammlung verhandelt durch ihren Präsidenten, nicht durch einzelne Mitglieder (Bravo!).“ Und er schloß unter „stürmischem“ Beifall: „Wenn erklärt wird, es sollten für die Sache Beweisstücke vorgelegt werden, so will ich Ihnen ganz einfach den Weg andeuten, wie diese zu erhalten sind: die Nationalversammlung möge nur beschließen, von beiden Ministerien die Acten einzufordern, dann werden Sie die Beweise haben!“ Präsident Gagern erklärte es als einen „billigen Wunsch Blum’s, daß vor Weiterverhandlung der Sache die stenographischen Berichte über die Sitzung vom 27. Mai abgewartet werden möchten.“ Als diese wenigstens in einigen Exemplaren eingetroffen waren, ergriff Blum in der Sitzung vom 8. Juni, nachdem die Versammlung gegen die Abmahnung Eisenmanns eine Verhandlung der Frage beschlossen, zuerst das Wort[161], um nunmehr zu constatiren, daß er die ihm in Arnim’s Schreiben an Auerswald beigemessenen Ausdrücke über Preußen nicht gebraucht, nicht einmal behauptet habe, Preußen habe Meiningen einen „Rath“ ertheilt. Er habe auch nur behauptet, daß er wortgetreu referire, was ihm ein glaubhafter deutscher Minister erzählt, und zwar vor zwei Zeugen erzählt habe, die Mitglieder des Parlaments seien[162]. Den Minister könne er nicht nennen. „Ist die Sache unrichtig mitgetheilt worden, so bedaure ich dieses. Ich bedauerte es um so mehr, weil ich es gewesen wäre, der eine unrichtige Mittheilung in Ihre Mitte gebracht hätte.“ Sehr geschickt war die Schlußwendung Blum’s: „es wäre gut gewesen, wenn der preußische Minister an die Zurückweisung einer unrichtigen Beschuldigung irgend einen Ausspruch für Beseitigung der vielfach aufgetauchten Besorgnisse über die Stellung der constitutionellen Versammlung zu der allgemeinen deutschen beigefügt hätte. Ich aber bitte Sie, meine Herren, beschließen Sie die Einforderung der Acten. (Bravo!)“
Unter „vielfachen Zeichen des Unwillens“ beantragte nun Auerswald, daß die Versammlung Blum ihre förmliche Mißbilligung ausspreche, „in gerechter Würdigung der von ihm erhobenen ungegründeten Anklage.“ Der Präsident ließ ihn ruhig diesen Antrag begründen, ihn auch den angeblichen Wortlaut der preußischen Note nach Meiningen auf Beschluß der Versammlung vorlesen. Dann aber erhob sich Gagern mit um so größerem Nachdruck unter allseitigem Beifall zu der Erklärung: „den Antrag, den Herr v. Auerswald heute gestellt hat, kann ich nicht zur Abstimmung bringen, weil, wenn in der Aeußerung des Herrn Blum etwas gelegen hätte, was ich für ungeeignet oder beleidigend hätte halten müssen, ich unmittelbar den Ruf zur Ordnung ausgesprochen haben würde. Das ist nicht geschehen, und ich kann es jetzt nicht nachholen. Der Beschluß kann kein anderer sein, als zur Tagesordnung überzuschreiten.“ Die Versammlung hätte am besten gethan, dieser Mahnung des Präsidenten zu folgen. Sie hätte dann zwei Reden in ihren Berichten weniger, welche weder den Rednern noch der Versammlung zu großer Ehre gereichen: erstens die Rede des Fürsten Lichnowsky, die von persönlicher Gehässigkeit gegen Blum überströmt und nicht gerade ritterlich gegen Blum’s Schweigen über seinen Gewährsmann ankämpfte, da doch Blum lieber sich allen Angriffen der Rechten aussetzte, als daß er jenen Minister compromittirte[163]. Und zweitens die berufene Rede des Abgeordneten Schaffrath, in der er ausrief: „Ich hätte ruhig an das Volk appellirt und hätte erwartet, ob es, ob das Volk dem Robert Blum mehr glaubt, oder dem Herrn von Auerswald. Blum hat nichts zu beweisen, er ist ein Volksmann, das ist genug.“ Ein tiefer Stachel persönlicher Erbitterung blieb auf beiden Seiten aus dieser nutzlosen Verhandlung zurück. Am gegründetsten war der Unmuth der Linken über den Versuch der Rechten, die Redefreiheit des Parlaments zu verkümmern, den schon Gagern mit Energie zurückgewiesen hatte.
Auch von zu Hause hatte Blum Nachrichten, welche ihm nicht zur Freude gereichten: „Friese hat mir die traurigsten Geschäftsberichte gegeben, die weit unter den allerschlechtesten Erwartungen bleiben und mir große Sorgen machen“, schreibt er am 6. Juni der Frau. „Unter diesen Umständen ist allerdings jetzt an eine Reise nicht zu denken, und wie schmerzlich es mir ist, so muß es nun verschoben, wo nicht aufgehoben werden. Nach Leipzig kann ich unbedingt nicht gehen zu Johanni; wie die Sachen hier stehen, so kann Niemand nur einen Tag fort, ich am wenigsten, namentlich jetzt, wo wir endlich an die wichtigen Fragen kommen.“
Nach all dieser monatelangen Arbeit, Mühsal und Sorge that sich endlich plötzlich eine unvergleichliche Pfingstfreude vor Blum und seinen Parteigenossen auf: die ganze Rheinpfalz hatte die Linke eingeladen, das fröhliche Fest dort zu verleben. So schrieb denn Blum am 9. Juni an die Gattin:
„Liebe Jenny, keine Antwort sollst Du haben, sondern nur in zwei Zeilen ein Zeichen der Erinnerung. Ich habe heute furchtbar zu thun und muß morgen früh verreisen, um in unserem Rücken eine Sicherheit zu Stande zu bringen. Das soll die Pfalz sein, wohin morgen früh hundert Mann von uns ziehen. Daher heute nur die besten Wünsche für Dein und der Kinder beständiges Wohl. Mögen Eure Feiertage so fröhlich wie möglich sein. Wäre doch eine Eisenbahn bis Leipzig!“ u. s. w. Am Sonnabend den 10. Juni früh 9 Uhr fuhr Blum mit dem Gros der Linken nach Mannheim[164]. Viele Genossen waren schon vorausgeeilt, manche folgten. In Mannheim begrüßte Itzstein die Partei und ward von dieser als „Vater“ gefeiert.
Im „Europäischen Hof“ wurde zu Mittag gegessen, wurden „beim goldenen Becher herzliche Empfindungen getauscht.“ Hier begrüßte eine Deputation aus Neustadt die „Männer der Linken“, hierher erging „von den schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ eine Einladung, auch diese Stadt zu besuchen. Blum kam dem Verlangen schriftlicher Zusage — die „schönsten Frauen und Jungfrauen Frankenthals“ liebten es, sicher zu gehen — in der für solche Fälle ziemlich ungewöhnlichen Form eines Wechsels nach. Dieser lautete: „Am Dienstag den 13. Juni Nachmittags 4 Uhr liefere ich gegen diesen Solawechsel an die liebenswürdigsten Damen von Frankenthal dreißig Männer der Linken. Mannheim, 10. Juni 1848, Robert Blum“[165].
In Ludwigshafen begann der eigentliche Festzug. Der Bahnhof und viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt. Im „Deutschen Hause fand ein erhebender Austausch der Gesinnungen statt“. Mit dem letzten Zuge ging der Weg weiter nach Neustadt. Auf jeder Station ertönte den Reisenden ein Lebehoch von der zahlreich versammelten Bevölkerung der Umgegend. In Neustadt war der Empfang wahrhaft großartig: die gesammte Bürgerwehr vor dem Bahnhof aufgestellt, auf dem weiten Platze, der durch Pechkränze erhellt war; der Stadtrath an der Spitze einer unübersehbaren Volksmenge; Hunderte von Böllerschüssen mischten sich in die Klänge der Musik, des Gesanges. Blum beantwortete die Begrüßung des Bürgermeisters, Jordan die des Bürgerwehrcommandanten; die letztere defilirte vor den Gästen und ein großer Zug setzte sich in Bewegung nach dem hochgelegenen Schießhause. Feenhaft war die Scene, als bei der Ankunft der Abgeordneten bengalische Flammen das Haus und die Bergkette erleuchteten und aus dem Grün der Bäume der kräftigste Männergesang erschallte. Im Schießhause fand ein Abendessen statt, an welchem so viel Einwohner Neustadt’s Theil nahmen, als der Raum zu fassen vermochte. Hunderte aber umdrängten die Eingänge und weilten im Garten, um mindestens so weit an dem kräftigen Austausch der Gesinnungen Theil zu nehmen, als es möglich war. Erst spät führten Neustadt’s Einwohner die Gäste in die Wohnungen, welche man auf’s Zuvorkommendste ihnen bereitet hatte, um auszuruhen zu neuem Tagewerke.
Mit dem frühen Morgen war Neustadt wieder auf den Beinen, denn die Gäste sammelten sich um 6 Uhr im Garten des Schießhauses, von wo sie in Begleitung vieler Freunde die weitere Reise antraten. Es war ein imposanter langer, reich mit Blumen und Grün bekränzter Wagenzug, auf welchem die Reisenden dahin rollten, geleitet von den besten Wünschen und dem jubelnden Lebehoch der zurückbleibenden Menge. Schon in Edesheim begann die ehrende Begrüßung; eine Ehrenpforte war errichtet mit der sinnreichen Inschrift: „Der Rückblick führt zum Fortschritt!“ andererseits: „Für uns Euer Wirken! Für Euch unsere Kraft!“ und in der Nähe derselben empfing die Bürgerwehr und die Ortsobrigkeit die Reisenden mit festlichem Gruß, welcher dankbare Erwiderung fand. — So ging der Zug nach der Bundesfestung Landau, wo zwar zahlreiche Volksmassen denselben begrüßten, aber jede festliche Veranstaltung unterblieben war, da man irrthümlich annahm, der Zug werde Landau nicht berühren.
So ging es denn über Eschbach nach der Ruine Madenburg, auf welcher die halbe Einwohnerschaft von Landau und eine große Volksmasse aus naher und ferner Umgebung versammelt waren. Diese Tausende von Menschen, der Schmuck zahlreicher Fahnen, der Donner der Freudenschüsse und die Klänge der Musik und des Gesanges nahmen auf diesem wunderbar herrlichen Punkte und unter den weiten Trümmern eines Baues der Vergangenheit einen besonderen Festcharakter an. Blum eröffnete den Reigen der Sprecher mit einer tiefen Eindruck machenden Rede; eine große Anzahl der Abgeordneten folgte ihm und drei bis vier Stunden mögen wohl dahingegangen sein, während welcher die Massen trotz der glühenden Mittagssonne voll Andacht dem Worte der Freiheit lauschten. Ein Frühstück war den Reisenden in der Ruine auf einem herrlichen Punkte bereitet und manches zarte Frauenantlitz setzte sich während desselben dem sengenden Sonnenstrahle aus, um die Gäste mit dem Schirme zu schützen, damit nicht wahr werde, was Vogt scherzweise verkündete, daß die Linke hier „zusammenschmelzen“ müsse. Doch erlitt sie einen Verlust: Der Vertreter eines der kleinsten Staaten hatte ein schattiges Plätzchen gefunden und war daselbst eingeschlafen; er erwachte erst, als die Burg verödet und der Mond am Himmel stand, so daß er erst am folgenden Tage wieder zu den Freunden gelangte.
Von Eschbach ging nun der Zug nach dem Bade Gleisweiler, dessen schöner Garten mit Menschen überfüllt war und wo dem jubelnden Gruße mehrfache Ansprache vom Balkon des Gasthofes herab folgte; dann wurde die Reise bis nach Edenkoben fortgesetzt. Hier war der Empfang auf der königlichen Villa, gewiß einem der herrlichsten Punkte der schönen Haardt, und die Gäste wurden hier von der aufgestellten Bürgerwehr u. s. w. herzlich begrüßt. Bis zum kühlen Abend tagte man oben auf dem Berge, dann geleitete die Bürgerwehr von Rodt und Edenkoben die Gäste in feierlichem Zuge nach der Stadt. Ein Abendessen machte hier den Beschluß des anstrengenden Tages; man hatte die Frauen davon ausgeschlossen, aber sie füllten in schönem Kranze die weite Gallerie und warfen einen Regen von frischen Rosen auf Blum, welcher die Stellung und Aufgabe der Frauen in der Neuzeit in einem Trinkspruche schilderte, welchen er den Schönen widmete.
Montags früh weckte eine glänzende Reveille der Bürgerwehr die Reisenden, welche sich im Garten des Gasthofes zum Lamme sammelten und von hier aus um acht Uhr zu Fuß den Weg fortsetzten, geleitet von der gesammten Bürgerwehr von Edenkoben. Der Zug schwoll von nun an von Stunde zu Stunde, indem sich die Bewohner der Ortschaften ihm anschlossen, durch welche er kam, um an der Volksversammlung in Neustadt Theil zu nehmen[166]. In Maikammer reichte man den Reisenden den Ehrentrunk in kostbarem Wein und nach wechselseitigen Begrüßungsreden wechselte die Bürgerwehr von Maikammer mit der von Edenkoben ab und gab ihnen das Geleit bis Hambach. Auf dem berühmten Schlosse waren abermals Tausende versammelt; allein man besuchte dasselbe nicht, indem die Zeit drängte, zog vielmehr durch Mittel- und Oberhambach, wo abermals die herzlichste Begrüßung Seitens der Ortsbehörden und der Bürgerwehr stattfand, nach Neustadt.
An der Gemarkungsgrenze Neustadt’s war abermals die Bürgerwehr, die Turnerschaft Neustadt’s und mehrerer Nachbarorte u. s. w. aufgestellt. Die 16 Jahre tief verborgene Hambacher Fahne wurde vom kräftigsten Manne getragen, und zahlreiche Fahnen von Liederkränzen und Turnern reihten sich um dieselbe. Nachdem der Bürgermeister hier nochmals die Gäste begrüßt hatte, setzte sich der lange Zug nach der Stadt in Bewegung, umgeben von Tausenden, die zur Volksversammlung gekommen waren. Diese Volksversammlung fand auf dem weiten Platze vor dem Bahnhofe statt, wo eine sehr geräumige Tribüne für die Gäste, eine noch weit größere für die Frauen errichtet war, die denn auch in dicht geschaarten schönen Reihen der Versammlung beiwohnten, während eine ungeheure Volksmasse den weiten Raum füllte. Dr. Hepp, der ringsgeehrte und gefeierte Kämpfer für die Freiheit, eröffnete hier die Reihe der Sprecher mit einer Hinweisung auf die Gäste, ihr Thun, ihre Aufgabe u. s. w. Nach ihm sprachen Blum, Zimmermann, Dietzsch, Vogt, Eisenstuck, Wesendonk, Günther, v. Trützschler, Dr. Schilling und mehrere andere. Die Lage Deutschlands, die Ermahnung, fest zu halten an der noch lange nicht vollendeten Revolution, die Darlegung der Nothwendigkeit eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Frankreich, die Vorzüge der republikanischen Staatsform und dergleichen bildeten den Inhalt der Reden, die fast alle mit jubelnder Zustimmung unterbrochen und abgenommen wurden. — Obgleich die Sonne wahrhaft versengend herabbrannte, so verminderten sich die Massen in dem Zeitraume von 10 bis 2 Uhr nicht nur nicht, sondern es zogen vielmehr fortwährend neue zu und besonders der Zug von Mannheim brachte Hunderte neuer Theilnehmer.
Nach der Volksversammlung vereinigte ein Mittagessen die Gäste mit so viel Pfälzern, als der Raum zu fassen vermochte, bei welchem abermals das ernste Wort mit Scherz und Heiterkeit wechselte. Bei Tafel war besonders Professor Vogt aus Gießen der Unwiderstehliche. Wie Heinrich der 72. seit 30 Jahren auf dem Princip, so ritt Vogt auf den deutschen und besonders Heidelberger Hofräthen herum, und zwar mit einer solchen Fülle von Humor und so meisterhaften Variationen, daß er sich das größte Verdienst um eine die Verdauung befördernde Zwerchfellerschütterung erwarb. —
Um 4 Uhr endlich ging die Reise fort; die Pflicht gebot es, wie gerne die Reisenden auch noch in dem lieben Neustadt geweilt hätten. Die Straßen waren jetzt überfüllt mit Menschen und nur mühsam konnte sich der Zug hindurch winden, Alles drängte sich um die Volksvertreter, und suchte ein Wort, einen Druck der Hand zu erhaschen; auch wurde ihnen im Vorbeiziehen noch eine mit zahlreichen Unterschriften versehene Adresse überreicht, welche ihre Zustimmung zu den Grundsätzen der Linken ausspricht, gegen jede Schmälerung der Volksrechte protestirt und sich für die Republik erklärt.
Eine zahlreiche, berittene, mit Schärpen geschmückte Ehrenwache geleitete die Reisenden auf dem Zuge nach Dürkheim. Zweimal wurde derselbe unterbrochen, in Moßbach, wo Ortsbehörden und Bürgerwehr sich aufgestellt hatten und die Reisenden mit einem Ehrentrunke begrüßten, und in Deidesheim, wo ein Gleiches geschah. An beiden Orten waren wieder wahrhafte Massen Volkes versammelt, es wurden mehrere Reden gewechselt und besonders rief man Blum stürmisch auf den Tisch, welcher als Tribüne diente. Der Menschen Herzlichkeit und Freundlichkeit und der unvergleichlich kostbare Wein fesselten die Reisenden ziemlich lange und so geschah es, daß sie erst spät, aber in der heitersten Stimmung nach Dürkheim kamen, wo sie der Bürgermeister und der Obrist der Bürgerwehr eben so herzlich, als das dichtgeschaarte Volk jubelnd begrüßte. Ein Abendessen in den „Vier Jahreszeiten“ machte dem Tage ein Ende; Hunderte von Zuhörern drängten sich im Saale selbst und auf den Gallerien, denen der Raum die Theilnahme nicht mehr gestattete. Auch hier wehte dieselbe freie, schwunghafte, kräftige Gesinnung, welche die Pfälzer so ehrenvoll auszeichnet, und die sich auf der ganzen Reise so vielfach ausgesprochen hatte. Hier erstattete Vogt einen prophetischen Bericht über die Reise, wie ihn die „deutsche Zeitung“ wahrscheinlich erstatten wird, der eine wirklich erschütternde Wirkung hervorbrachte.
Der Vormittag des Dienstags war einem Besuche der Limburg, der herrlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters gewidmet. Dort hatte sich eine große Volksmenge aus Dürkheim und der Umgegend gesammelt, Freudenschüsse und eine Parade der Bürgerwehr empfing die Gäste und das weite Schiff der Kirche, am Boden jetzt mit grünem Rasenteppich geschmückt, gedeckt nur von der azurblauen Himmelswölbung, diente zum Sammelplatze für das Volk; von einer gefallenen Säule der alten Kirche und der alten Satzung wurde das neue Evangelium des Lichtes und der Freiheit verkündet. Hier, wie schon früher, hörte man mit besonderer Theilnahme den jugendlichen Giskra, welcher mit lebendiger Einbildungskraft die Berge, den Himmel, schöne Mädchen, Wein und Freiheit zu einem glänzenden Bilde zu verweben weiß. Geleitet von der Bürgerwehr und dem versammelten Volke zogen die Gäste nach mehrstündigem Aufenthalt wieder bergabwärts und fuhren nach eingenommenem Mittagsessen in den „Vier Jahreszeiten“ unter herzlichem, tausendstimmigen Lebewohl von den schönen Bergen ab und dem Rheine zu.