Noch als ich 1864 zum ersten Male in der schönen Pfalz war, traf ich überall die lebendigste Erinnerung an diese Pfingstreise der Linken und besonders an Robert Blum. „Hier hat er gestanden, gesprochen“ — erzählen noch heute die Alten, die damals jung waren. Und auf dem Eschbacher Schloß — von wo der Blick umspannt die Vogesen von Straßburg an und die Höhen des Schwarzwaldes von Baden-Baden bis zu dem fernen Kaiserstuhl von Heidelberg und dem ferneren Melibocus der Bergstraße, stand einst auf steinerner Platte eingegraben, daß hier auf den Trümmern des gebrochenen Bischofsitzes, Robert Blum gesprochen habe zum Volke über seine heiligsten Rechte und Ziele. Der Stein ist zerschlagen von der Wuth einer baierischen Soldatenschaar. Neue Trümmer haben sich zu den Trümmern gesellt, die einst Melac’s Wüthriche gebrochen. Die Gebeine des gefeierten Redners und Volksmannes modern an den Ufern der Donau. Das erzählt das Eschbacher Schloß von der Pfingstfahrt der Linken.

Schon am 14. Juni war wieder die volle parlamentarische Arbeit zu thun. Es galt, sechs Millionen für die Deutsche Flotte zu verwilligen. Niemand in der Versammlung hätte die Summe geradezu versagen mögen. Wiesner allein meinte, bei „dem nahen Frieden mit Dänemark“ möge man die neue Steuer bis nach Einführung einer neuen deutschen Heerverfassung verschieben. Die Linke dagegen war zwar für die Bewilligung, doch wahrte sie auch hier die höchsten Rechte der Versammlung: nach Eisenstucks Antrag sollte die Summe nur mit Vorbehalt ihrer Verwendung durch die künftige Centralgewalt bewilligt werden. Unter dem „allgemeinen Bravo“, welches diesen fast mit Stimmeinheit gefaßten Beschluß begleitete[167], erwog man freilich nicht, daß es leichter sei, „die Bundesversammlung zu veranlassen, die Summe von sechs Millionen Thalern auf bisher verfassungsmäßigem Wege verfügbar zu machen,“ als diese Summe wirklich zu beschaffen.

Die Verhandlungen über die „Errichtung einer provisorischen Centralgewalt“ begannen am 19. Juni. Den Beginn dieser größten Arbeit, welche das Parlament bis dahin beschäftigt hatte, zeigte Blum am 18. der Gattin mit den Worten an: „Liebe Jenny, Du mußt glauben, ich sei sehr nachlässig geworden, aber wir schlagen dieser Tage die Entscheidungsschlacht und schlafen jetzt höchstens 3 Stunden täglich.“ Blum war Mitglied des „Prioritätsausschusses“, welcher die Anträge betreffs der provisorischen Centralgewalt vorbereitet hatte. Elf von den dreizehn Mitgliedern des Ausschusses schlugen eine neue Auflage des vom Fünfzigerausschuß abgelehnten Triumvirates oder des „Directoriums der drei Onkel“ unter dem Namen „Bundesdirectorium“ vor. Diese drei Männer sollten von den Regierungen gewählt, von der Nationalversammlung (ohne Berathung über die Persönlichkeiten) bestätigt werden. Die Heeresleitung, die völkerrechtliche Vertretung Deutschlands sollte ihnen zustehen, die Entscheidung über Krieg und Frieden im Einverständniß mit der Nationalversammlung. Seine Gewalt sollte das Directorium durch der Nationalversammlung verantwortliche Minister üben. Die Minderheit des Ausschusses, Blum und Trützschler, hatten dagegen den Antrag[168] gestellt: „Die Nationalversammlung wählt mit absoluter Mehrheit eines ihrer Mitglieder zum Vorsitzenden eines Vollziehungsausschusses. Dieser Vorsitzende wählt nach freier Wahl vier Genossen, die gemeinschaftlich mit ihm den Vollziehungs-Ausschuß bilden. Der Ausschuß hat die Beschlüsse der Nationalversammlung auszuführen und die Vertretung Deutschlands nach Außen zu übernehmen. Derselbe ist der Nationalversammlung verantwortlich und muß sich zurückziehen, wenn die Mehrheit der Versammlung gegen ihn ist.“ Dann erfolgt die Neuwahl auf dieselbe Weise. „Der Vollziehungs-Ausschuß besteht so lange, bis die deutsche Bundesgewalt durch die Nationalversammlung bestimmt (!) eingesetzt ist[169].“ „Man hatte hier ein vollständiges Spiegelbild der französischen Commission exécutive, nur mit dem Unterschiede, daß in Frankreich kein Thron mehr stand, in Deutschland aber alle die alten Herrscher aufrecht geblieben waren[170].“ Bassermann war es, der die Undurchführbarkeit dieses Vorschlages treffend nachwies. In den allgemeinen Bemerkungen über Blum’s politische Stellung[171] ist dieser Ansicht in der Hauptsache beigetreten worden. Nichtsdestoweniger erscheint die Begründung des Minoritätsantrags durch Blum vom höchsten Interesse. Denn diese „glänzende Vertheidigung, die auf das Gefühl der Massen trefflich berechnet war“[172] und auch den Gegnern ein achtungsvolles Schweigen abnöthigte, gehört zu den besten Reden Blum’s und gewährt den tiefsten Einblick in seine und seiner Partei politische Denkweise, in die eigenthümliche Kraft und Ueberzeugung seiner Sprache. Und wenn er für eine unausführbare Idee kämpfte, so war der Vorschlag der Majorität, wie sich schon während der Verhandlungen selbst herausstellte, nicht minder unausführbar. Gerade gegen die Schwächen dieses Gegenantrages richtete sich Blum’s stärkste Beredsamkeit. Er sagte am zweiten Tage der Verhandlungen, am 20. Juni, Folgendes[173]:

„Diese Versammlung, meine Herren, erscheint mir oft wie der Prometheus: seine Riesenkraft war angeschlossen an einen Felsen und er konnte sie nicht brauchen, — die Riesenkraft der Versammlung scheint mir zuweilen angeschlossen zu sein an den Felsen des Zweifels, den sie sich selbst aufbaut. Zu verschiedenen Zeiten ist sie sich dieser ungeheuren Kraft bewußt geworden, und der Ausdruck derselben genügte, in den Augen der Nation sie wieder auf den Standpunkt zu stellen, den sie einnimmt, den aber der Zweifel auf der andern Seite ihr streitig zu machen suchte; so bei dem Beschlusse über den Raveaux’schen Antrag, dem der Zweifel voranging; so bei dem Zweifel, ob man einen Friedensschluß genehmigen könne und dürfe[174], während es doch sonst Niemanden gibt, der ihn genehmigen kann; so bei der Bewilligung der sechs Millionen für die Marine, und so heute wieder, als Sie mit dem großartigsten Schwunge einen Krieg erklärt haben[175], ohne sich zu fragen, ob Sie ein Heer haben, und ob Sie eine Flotte haben, und ob Sie Mittel dazu haben; aber Sie haben mit der kühnen Erklärung zu gleicher Zeit den Sieg beschlossen, denn der Sieg lebt in uns, nicht da draußen und nicht in materiellen Dingen! Eine neue große Entscheidung schlägt an Ihr Herz, und Sie sollen noch einmal den Zweifel lösen, ob Sie Ihre Gewalt fühlen und die unumstößliche Majestät, die in Ihren Händen liegt, und ob Sie sie gebrauchen wollen. — Sie sind hierher gekommen, um dieses zerstückelte Deutschland in ein Ganzes zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, um den durchlöcherten Rechtsboden in einen wirklichen, in einen starken zu verwandeln; Sie sind hierher gekommen, bekleidet mit der Allmacht des Vertrauens der Nation, um das „einzig und allein“ zu thun. Genügt es dazu, daß Sie Beschlüsse fassen und sagen: die Nationalversammlung beschließt, daß das oder das geschehe? Durchaus nicht. Sie müssen sich das Organ schaffen, durch welches diese Beschlüsse hinausgetragen werden in das Leben, durch welches sie gesetzliche Geltung erlangen; dieses Organ zu schaffen, ist der Gegenstand unserer Verhandlung. Was wird dieses Organ sein? Bei dem ersten Anblick Dessen, was wir bedürfen, eben nur das Organ, welches Ihren Willen verkündet. Man sagt uns, der Vollziehungs-Ausschuß, der von einer sehr kleinen Minderheit vorgeschlagen worden ist, sei eine republikanische Einrichtung, und wir geben das sehr gern zu; wir verhehlen gar nicht, wir wollen die Republik für den Gesammtstaat, wir wollen diese Einrichtung, und nicht deßhalb, weil wir die Verhältnisse in Deutschland auflösen wollen, sondern weil wir sie schützen wollen, weil wir glauben, daß zwei gleichartige Richtungen nicht mit einander bestehen können, weil wir in der republikanischen Form an der Spitze des Gesammtstaates Sicherheit sehen für die Freiheit jedes einzelnen Staates, seinen eigenen Willen auszuführen und zu erhalten, und weil wir zu gleicher Zeit diese Spitze nicht den Zielpunkt niederen Ehrgeizes sein lassen wollen. Allein es ist ein arger Irrthum, wenn man dieses Streben nach einer republikanischen Einheit verwechselt mit dem, was in den einzelnen Staaten geschieht oder geschehen soll. Wir bauen den Gesammtstaat aus den einzelnen Theilen, die vorhanden sind, wir erkennen die Thatsache dieses Vorhandenseins ebenso wie die Formen an, und unser Bestreben ist dahin gerichtet, in der großen Gesammtheit einer jeden Einzelnheit ihre Freiheit, den Spielraum zu ihrer eigenthümlichen Entwickelung zu gönnen und zu belassen. Schaffen Sie den Vollziehungs-Ausschuß, so sind es die bestehenden Gewalten, die bestehenden Regierungen, welche vom Vollziehungs-Ausschuß die Beschlüsse der Nationalversammlung empfangen und diese Beschlüsse ausführen; sie werden in ihrem Wesen und in ihrer Kraft nicht im Mindesten angetastet, sie bleiben vielmehr im Vaterlande völlig auf dem Standpunkte, den sie sich zu erhalten vermocht haben. Wenn die Regierungen das sind, was man so vielfach behauptet, gutwillig in Bezug auf die Ausführung und bereit, Opfer zu bringen zum Gedeihen des Ganzen, so ist diese Einrichtung so einfach, daß es keine einfachere gibt; wenn sie aber nicht gutwillig sind, was von anderer Seite auch vielfach behauptet wird, und wofür man sich auf einzelne Erscheinungen stützt, die man vielleicht überschätzt, dann — wir haben keinen Hehl in unsern Gedanken — dann soll er die Bedürfnisse der Zeit stellen über die Regierungen, dann soll er ihnen entgegentreten, dann soll er die Nation nicht den Sonderinteressen aufopfern, sondern vielmehr die Widerstrebenden — geradezu herausgesagt! — zermalmen. — Wäre ein solcher Fall denkbar, ich hoffe, er ist es nicht, dann wäre es eine sonderbare Einrichtung, daß wir Denen die Vollziehungs-Gewalt oder die provisorische Regierung, die es dann allerdings werden müßte, in die Hand geben, gegen die sie handeln soll und muß. Man hat den Vollziehungs-Ausschuß auch in anderer Beziehung angegriffen und hat ihn ungenügend genannt, da er nur die Vertretung Deutschlands nach Außen, nicht die Vertheidigung desselben enthält. Nun, es muß in dieser Beziehung ein arges Mißverständniß herrschen, denn die Vertretung eines Landes nach Außen besteht nicht blos im diplomatischen Verkehr, sie besteht auch in der Entwickelung der ganzen Kraft und Gewalt, die eine Nation hat, da wo sie nothwendig wird. Der Vollziehungs-Ausschuß hat ferner einen großen Vortheil: Er gewährt den Regierungen, was sie bedürfen, den Mittelpunkt, in dem das Staatsleben für den Gesammtstaat in diesem Augenblick zusammenläuft. Er ist ihnen, wenn sie wirklich das Beste der Nation wollen, ihr Aufstreben fördern, nicht im Geringsten gefährlich. Er sichert die Versammlung vor jedem Mißbrauch; denn die Versammlung hat es in der Hand ihn zurückzuziehen, sobald er die Begrenzung überschreitet, die sie ihm zu stecken für gut findet. Er sichert die Regierungen auch durch die Wahl; denn wie die Versammlung zusammengesetzt ist, haben Sie nicht zu besorgen, daß eine Meinung aufkomme und an die Spitze gestellt werde, die den Regierungen Besorgnisse erregt. Hat doch ein Mann, der in jenen Kreisen lange Jahre gelebt und gewirkt hat, Ihnen ausdrücklich gesagt, daß er ohne alle Besorgniß das Wohl des Gesammt- wie der einzelnen Staaten in den Händen dieser Versammlung sehe. Der Vollziehungs-Ausschuß sichert aber auch das Volk vor möglichen Uebergriffen, indem er als ein Ausfluß der von ihm erwählten Versammlung, als ein Ausfluß der Gewalt, der Träger seiner Majestät und Souveränetät dasteht, und das Vertrauen des Volkes aus seinem Ursprunge schon für sich in Anspruch nimmt. — Das Directorium, welches man Ihnen vorgeschlagen hat, sichert in dieser Beziehung Niemanden. Wird es stark, dann sind die einzelnen Regierungen ihm preisgegeben; die Fürsten der kleineren Staaten können sich als halb mediatisirt betrachten, sobald dieses Directorium ins Leben tritt. Es sichert die Versammlung nicht; denn die Versammlung, die ihre stillschweigende, wenigstens ihre prüfungslose Zustimmung dazu geben soll, sie hat nicht mehr die Macht, dasselbe zu entfernen. Die angebliche Verantwortlichkeit, sie ist eine leere Phrase. Es gibt keine Verantwortlichkeit ohne Gesetz; es gibt keine Verantwortlichkeit ohne einen Gerichtshof, wo ich den Verantwortlichen belangen kann; und nicht einmal das letzte kümmerliche Mittel, sich zwar nicht eine Verantwortlichkeit, doch einen Rückzug zu erzwingen, die Steuerverweigerung, sie ist nicht in Ihrer Hand. Und weil Sie keine Verfassung haben, und weil Sie keine Grundlage haben, auf welcher diese Gewalt steht, und weil Sie keine Schranken gezogen haben, innerhalb deren sie sich bewegen muß, und weil Sie kein Mittel haben, sie in den Schranken zu halten, deßhalb ist es die Despotie; deßhalb ist es die Dictatur, die schrankenloseste Dictatur, die die Freiheit gefährdet, wie nie etwas Anderes. Sie wollen ein solches Directorium schaffen, und ich frage Sie: Dürfen Sie dasselbe schaffen? Haben Sie ein Mandat dazu, mit irgend Jemand in der Welt zu verhandeln? Hat eine einzige Wahlhandlung auch nur einen derartigen Vorbehalt nicht aufkommen, sondern nur gewissermaßen als eine Ansicht aufdämmern lassen? — Nirgends in der Welt. Berufen sind Sie durch die Allmacht des Volkes, und Sie sind nur jenem Mandate treu, so lange Sie diese Allmacht wahren. Sie dürfen nicht verhandeln; Sie müssen eher Ihr Mandat niederlegen, als sich von der Aufgabe entfernen, die uns geworden ist. Sie dürfen am wenigsten in dem Augenblick, wo das Volk seine lang verkümmerten Rechte und seine lang verkümmerte Macht errungen hat, mit Denen unterhandeln, die seit 30 Jahren niemals mit uns unterhandelt haben, die selbst unsern Rath niemals hörten, wenn es sich darum handelte, Deutschland als ein Ganzes zu vertreten. Allein es wird auch der Unterhandlungen nicht bedürfen; wahrlich, Diejenigen leisten den Regierungen einen sehr schlimmen Dienst, die sie darstellen als etwas, was außerhalb uns, d. h. außerhalb des Volkes steht; man sagt uns ja immer: „Die Regierungen sind jetzt volksthümlich, sie sind aus dem Volke hervorgegangen, sie gehören dem Volke an.“ — Nun wohlan! Wenn das wahr ist, so vertreten wir sie mit, wir vertreten nicht den Einzelnen, nicht den Stand, keine Kaste; wir vertreten das Volk und die Regierungen, sie gehören zum Volke; mindestens sollen sie zum Volke gehören. Wo das nicht der Fall wäre, daß die Regierungen im Volke aufgingen, nun, dann würde nichts vorliegen, als die Wahrung der alten Fürsten- und Dynastien-Interessen, und wahrlich ein Volk von 40 Millionen, es würde nicht unterhandeln können mit 34 Menschen, die ihr Sonder-Interesse fördern wollen. So ist in unserm Vorschlage nach meiner Ueberzeugung gewahrt, was Sie wahren wollen; das allseitige Recht, die allseitige thatsächliche Stellung ist anerkannt, wenn Sie sich darauf beschränken, zu erklären, was Sie bedürfen, und wenn Sie warten in Beziehung auf die Ausdehnung der Gewalt, bis Sie sie bedürfen.

Man hat vielfach in diesen Tagen darauf hingewiesen, es herrsche die Anarchie, und sie trete hervor an diesem und jenem Orte in Deutschland, und das ist wahr, leider ist es wahr; aber fragen Sie, was ist denn diese Anarchie? Ist sie etwas Anderes als die Zuckung der Ungeduld, die in dem gehemmten Leben sich kundgibt, die Zuckung der Kraft, die nach Außen oder nach Innen sich geltend machen will? In einer Weise, wie es die Weltgeschichte noch nie gesehen hat, hat das Volk in Deutschland seine Revolution gemacht; es hat mit wenigen Ausnahmen die Gewaltäußerungen gescheut, weil eine revolutionäre Volksversammlung, eine revolutionäre Nationalvertretung im Vorparlament zusammentrat und dem Gesammtausdruck seine Geltung zu verschaffen suchte; es hat sich gemäßigt, weil aus jener revolutionären Volksvertretung eine zweite, gleichartige, wenn auch in anderer Beziehung auf einem Gesetze beruhende Volksvertretung sich gestaltete; verhehlen wir es nicht, eine auf einem Gesetze der Revolution beruhende Versammlung, die ihm versprach, seine Wünsche zur Geltung zu bringen, seine Bedürfnisse zur Wirklichkeit zu machen. Wollen Sie der Anarchie entgegentreten, Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Directorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Reaction, es ist Contrerevolution, — und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen, und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei, und wer weiß was, wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut, mindestens von allen den Gütern, die die Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie säßen nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. (Stürmischer, anhaltender Beifall in der Versammlung und auf den Gallerien.) Allein die Leute, die man in dieser Beziehung ansieht, sie sagen Ihnen mindestens geradezu und ungeschminkt, was sie wollen. Ich muß bekennen, ich habe das in dem Commissions-Berichte nicht gefunden. Ja ich fürchte, daß die Dinge, die hinter demselben versteckt sind, schlimmer sind als die Dinge, die ausgesprochen wurden. Sie haben eine Abstimmung gehört in Ihrem Kreise heute, als man Ihnen vorschlug, die Gewalt einer Krone zu übertragen[176], — man hat dieselbe verhöhnt, ausgelacht; was thun Sie anders, als die Gewalt drei Kronen oder 34 Kronen zu übertragen? Glauben Sie, daß die Abstimmung über Ihren Vorschlag anders werde? Ein Nachtrag, dessen Urheber sich nicht einmal genannt hat, schlägt Ihnen auch vor, den vor zehn Wochen auf dieser Stelle zur Leiche erklärten Bundestag beizubehalten, und der Commissions-Bericht hat es nicht gewagt, sich darüber auszusprechen, was mit demselben werden solle. Oh! beschenken Sie doch das deutsche Volk mit Ihrem Direktorium und lassen Sie den nach den Gesetzen der Natur, wenn er Leiche geworden war, in Fäulniß übergegangenen Bundestag dazu! — Sie werden sehen, was Sie aussäen damit, indem Sie behaupten die Einheit zu säen. — Man hat hingewiesen auf andere Länder und ein Vorgänger vor mir hat Ihnen bereits insofern widersprochen, als er Ihnen gesagt hat, daß Belgien, bevor es unterhandelte, seine Verfassung, seine Grundlagen, seine Sicherheit sich geschaffen hat. Thun Sie dasselbe, und Sie werden auch hoffentlich das Glück Belgiens genießen. Man hat Sie hingewiesen auf einen andern Staat, auf einen Staat, der großartig sich erhoben hat für die Freiheit in der letzten Zeit. Man hat ein Gespenst heraufbeschworen, hat Ihnen gesagt, dieser starke Staat erzittere vor einem unbedeutenden jungen Menschen. Meine Herren! Es gab einen Staat in Deutschland, der auch stark war, der auf dem historischen Rechtsboden stand, auf Ihrem historischen Rechtsboden, der uns hier so oft vorgeführt wird. Dieser Staat ward in seinen Grundfesten erschüttert durch den Fuß einer Tänzerin[177]. (Bravo!) Es mag Manches fest scheinen im deutschen Vaterlande, was, beim Lichte gesehen, nicht fester ist, als der Zustand, den eine Phryne stürzte. Es ist nach meiner Ansicht eine Gotteslästerung der Freiheit, wenn man ihr aufbürdet, daß sie kranke an dem Erbe, welches sie von der Despotie unfreiwillig hat übernehmen müssen. Es ist eine Gotteslästerung an der Menschlichkeit, wenn man darauf hinweist, daß dieser Staat achtzigtausend seiner hungernden Brüder hat ernähren müssen. Diese achtzigtausend Hungernde kosten nicht so viel, als ihnen der gestürzte Thron gekostet hat, und man kann noch eine Null hinzufügen und sie kosten immer noch nicht so viel. Abgesehen davon, daß in dem Sumpfe, der sich um diesen corrumpirten und corrumpirenden Thron ausgebreitet, neben aller Sittlichkeit, Ehre und Tugend auch alle Mittel verschlungen wurden, die nöthig waren, um die Hungernden zu ernähren. Auf dem historischen Rechtsboden, auf welchem wir angeblich stehen, hat man in einem ganz ähnlichen Falle die Hungernden lieber der Hungerpest preisgegeben. (Bravo!) Dorthin, wo man das Gespenst hervorruft, wird die Freiheit den Kranz des unverwelklichen Dankes niederlegen, wenn sie siegt; und wenn sie unterliegt, wird auch der letzte sehnsüchtige Blick ihres brechenden Auges sich dorthin wenden. Wollen Sie das Himmelsauge brechen sehen, und die alte Nacht über unser Volk auf’s Neue heraufführen, so schaffen Sie Ihre Dictatur. (Stürmisches Bravo!)“

Wesentlich verändert war schon die Stellung der Parteien, als Blum als erster Redner am 24. Juni zum zweiten Male über die provisorische Centralgewalt das Wort nahm. Wohl hatte man nun fünf Tage lang über dieselbe Frage nur Reden gehört, Reden von allen möglichen Standpunkten aus, und noch keinen Beschluß gefaßt; aber soviel war doch Allen klar geworden: Der Antrag der Ausschußmajorität, das Bundesdirectorium, stieß auf unübersteigliche Schwierigkeiten. Soweit hatten die Debatten und die Clubverhandlungen die Ueberzeugung der großen Mehrheit geklärt. Nur was an die Stelle dieses Triumvirates zu setzen sei, war der Mehrheit zur Stunde noch zweifelhaft. Die Linke ihrerseits hatte inzwischen gleichfalls eine bedeutsame, ihrer ganzen bisherigen Haltung direct zuwiderlaufende und darum verhängnißvolle Schwenkung vollzogen. Sie sah bestimmt voraus daß, wie immer die Entscheidung der Mehrheit falle, keinesfalls der Antrag Blum-Trützschler Annahme finden werde, keinesfalls die provisorische Centralgewalt in die Hand eines Abgeordneten und eines von diesem erwählten verantwortlichen Vollziehungsausschusses, welcher der jeweiligen Parlamentsmehrheit zu gehorchen habe, werde gelegt werden, sondern in Hände, die dem Einflusse der Regierungen zugänglich, über und außer dem Parlament stehen würden. Und da die Linke in einer solchen Entscheidung den Bruch mit dem revolutionären Ursprung des Parlaments und die Gefährdung und Verkümmerung seiner Befugnisse durch die fürstliche Regierungsgewalt erblickte, so hatte sie sich schlüssig gemacht, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel aufzubieten, um die Mehrheit von außen her zu bekriegen, da im Parlament selbst Hoffnung auf Erfolg nicht war. Dieselbe Partei, welche bis dahin die Souveränität des Parlaments über alle Gewalten Deutschlands gestellt, die etwa abweichenden Meinungen der Einzellandtage schon in deren Entstehung, bei Berufung dieser Landtage, zu vernichten beantragt hatte, ließ nun schon am 21. Juni durch Schaffrath erklären: „Wenn Sie den Regierungen ein Widerspruchsrecht und eine Mitwirkung zugestehen, so haben die ständischen Kammern auch mit darein zu reden, und dann frage ich Sie, ob Ihr Beschluß ausführbar ist? Dann werde ich vielleicht die Versammlung hier verlassen und an einem andern Orte[178] gegen diesen Beschluß sprechen, und ich hoffe, selbst wenn ich nicht dorthin komme, daß meine Meinung dort die Majorität hat und dort siegen wird, wenn wir hier unterliegen[179].“ Auch in der Rede Robert Blum’s vom 24. Juni, so meisterhaft und staatsmännisch sie sonst angelegt ist, klingt diese unheilvolle Wendung in der Politik der Linken durch. Aber dem Directorialproject der Mehrheit gab sie den Todesstoß. „Die Klarheit des Gedankengangs, die seltene Reinheit der Sprache und Aussprache, die echte Kenntniß aller der Töne, die in den Herzen des Volkes wiederklangen, das waren die glücklichen Gaben, die er diesmal im vollsten Maße bewährte,“ so schreibt ein Gegner seines Standpunktes über diese Rede[180]. Auch sie theile ich daher im Wortlaut mit.

„In der ernsten Entscheidungsstunde, wo über die wichtigste Angelegenheit, die uns bis jetzt vorlag, Entschluß gefaßt werden soll, glaube ich darauf verzichten zu können, auf Persönliches, was gegen mich vorgebracht worden ist, einzugehen; ich glaube es um so mehr zu können als ich mich auf ein Gebiet verlieren müßte, welches zu betreten ich ewig verschmähen werde. Im Laufe einer fünftägigen Verhandlung ist es klarer geworden vor unserm Blick über Das, was wir wollen und was wir wollen müssen. Wie die Wolken sich theilen und mehr den reinen Himmel zeigen, so sind die Gedanken mehr und mehr herausgehülst worden aus dem, was sie umgab. Die Consequenzen und Nothwendigkeiten haben sich herausgestellt in einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel mehr läßt, um was es sich handelt. Es ist von dieser Seite der Reichsstatthalter verlangt worden, d. h. eine Entscheidung über die Monarchie für den Gesammtstaat; es ist von der andern Seite diese Entscheidung zwar nicht verlangt worden, man hat sie aber hineingelegt, und wir sind weit entfernt, das Prinzip abzuweisen, wenn wir auch bestreiten müssen, daß durch die Ernennung eines Vollziehungsausschusses präjudicirt wird, wie hier in Bezug auf die Monarchie. Indessen, ich ehre und anerkenne diese gerade, entschiedene Forderung; ich mag die Halbheiten nicht, sie mögen kommen, woher sie wollen, und der offene Gegner ist mir lieber und ehrenwerther als Derjenige, mit dem ich nie und nimmermehr weiß, woran ich bin. Ich sehe Ihre Monarchie viel lieber erstehen, als Ihr Directorium oder ein ähnliches Ding, das in seiner undurchsichtigen Hülle und in unverständlichen Wendungen nicht heraussagt, was es sein soll und was es sein muß. Nur Eines habe ich allerdings dagegen, es ist mir gefährlich und scheint mir auf einem großen Irrthum zu beruhen: die Behauptung, Sie könnten eine constitutionelle Monarchie schaffen; dies muß ich verneinen. Ich habe dafür nichts Anderes entgegenzuhalten, als daß die Bedingung der constitutionellen Monarchie, d. i. die Constitution, fehlt. Sie haben keine Constitution, und Sie können folglich nur die absolute Monarchie schaffen. Es hat Sie ein Redner mit eindringlichen Worten an die Gelüste des Menschenherzens gemahnt, und behauptet, daß die Gewalt gemißbraucht werde, wenn sie in schrankenlosem Maße dem Herzen übergeben werde, Sie haben keine Schranke für die Gewalt, die Sie schaffen wollen. Was man heraufbeschworen hat, um uns zur Beruhigung darauf hinzuweisen — die englische Verfassung und die englischen Formen, sie sind für uns nicht vorhanden; Sie können eine Staatenkammer schaffen, Sie können ein verantwortliches Ministerium schaffen, Sie können schaffen was Sie für das Bedürfniß der Zeit geeignet halten, wenn Sie eine Verfassung haben, wenn Sie Schranken haben für ihre Gewalt. Sie können nichts schaffen als Worte und todte Formen, so lange Sie diese Schranken nicht haben. Ob Sie es wagen wollen in dem gegenwärtigen Augenblick, wo man mit aller Versicherung der Liebe und Treue zu den Fürsten doch nun und nimmermehr die Thatsachen hinwegleugnen kann, die uns auf jedem Schritt, auf jedem Blick begegnen, und zeigen, daß die Dinge schwanken, daß das Mißtrauen wuchert, nicht das Vertrauen, welches keine Regierung, d. h. kein Ministerium besitzt, daß ein ewiges Werden vorhanden ist und kein Sein; ob Sie es wagen wollen, in dem Augenblick eine Gewalt zu schaffen, auf welche Sie dieses Mißtrauen des ganzen Volkes concentriren, — ob Sie nicht fürchten, daß dieselbe unter diesem Mißtrauen erliegen werde, das muß ich Ihnen überlassen. Ich bin der Ueberzeugung, daß bei der Gestaltung der künftigen Verfassung ein Staatenhaus uns nothwendig ist; aber Sie werden sich sehr täuschen, wenn Sie in dem alten Bundestag dieses Staatenhaus zu finden meinen. Es ist darüber geklagt worden, daß man sich mit ungerechten Beschuldigungen gegen die „andern“ Menschen wendet, die in den Bundestag gekommen sind, und diese Klage mag gerechtfertigt sein; aber, meine Herren, vergessen wir doch nicht, daß die Menschen den Bundestag nicht anders machen können. Wenn Sie ein Kloster, ein Jesuitenkloster haben, und die alten Mönche hinausschicken und neue, junge, andersdenkende hineinsetzen, haben Sie dann etwas Anderes, als ein Jesuitenkloster? Sie haben dasselbe, bis Sie die Satzung des heiligen Lojola vernichtet haben, und Sie haben den alten Bundestag mit seinen Ausnahmegesetzen und mit seinen Lepelschen Promemorias, bis Sie die alte Bundesacte und die Stellung einer bloßen Fürstenvertretung vernichtet haben. Verlangen Sie von dem Volke nicht das Unmögliche, verlangen Sie nicht, daß es in einer Anstalt, die 30 Jahre lang gleichbedeutend war mit seinem Unglück, mit seiner Knechtung und mit seiner tiefen Schmach, binnen drei Monaten eine Anstalt seines Heils erblicken solle. Es wird eine spätere Zeit geben, wo über das Prinzip der Monarchie und der Republik an der Spitze des Gesammtstaats die Meinungen hier ausgetauscht werden. Ich verzichte jetzt darauf, aber bemerken muß ich wenigstens, daß die Stellung eines auf Zeitdauer ernannten wechselnden Präsidenten wahrlich für den niedern Ehrgeiz weniger lockend ist, als die Stellung eines Monarchen. Es ist wohl überflüssig, Sie auf die blutigen und entsetzlichen Belege hinzuweisen, die unsere Geschichte uns dafür giebt. Die Mehrheit der Commission sowohl, als die verschiedenen Unter-Anträge, welche gekommen sind, wollen eine Vereinbarung. Sie wollen die Regierungen als etwas Besonderes außer dem Volke, und folglich außer uns Stehendes betrachtet wissen, und mit ihnen unterhandeln. Man hat uns zugerufen, wir sollen den Gebeugten nicht ganz niederdrücken; man hat uns gesagt, wir sollen doch dieses „armselige Zugeständniß“ machen, wir sollen anerkennen, daß wir allmächtig sind, aber freiwillig darauf verzichten. Meine Herren! Es wird uns vielfach vorgeworfen, daß wir mit den Regierungen auf einem weit schlechtern Fuße ständen, als Andere in dieser Versammlung. Aber ich sage Ihnen offen, als die thatsächlichen Träger der Gewalt in den einzelnen Staaten achte ich die Regierungen zu hoch, als daß ich in solcher Weise mit ihnen unterhandeln möchte. Die widerstrebende Kraft ehrt man durch Kampf, die überwundene ehrt man durch Schonung. Eine Hingabe, eine Verständigung, die keine ist, kommt mir vor wie der freie Wille Desjenigen, dem man ein Pistol auf die Brust setzt und sagt: la bourse ou la vie! Ich will die Regierungen anerkannt wissen in der Gewalt, die sie noch haben, und deshalb ihnen keine entehrenden Anerbieten machen. Entehrend aber scheint es mir, wenn man hier von ihrer Gewalt und ihrer Kraft spricht, und sie dann so behandelt, daß man ihnen zumuthet, binnen 14 Tagen sollen sie selbst sagen, wer die Gewalt tragen solle, die man ihnen abnimmt. Ich will auf die Volkssouveränität nicht zurückkommen, aber hinweisen muß ich darauf, daß der Antrag auf ein Directorium nichts Anderes ist, als eine vollständige Aufwärmung der alten Wirthschaft. In dem Directorium liegt nicht Das, was wir bedürfen, nämlich der Bundesstaat, sondern der alte Staatenbund mit seinen Sonderinteressen und seiner Zersplitterung. Dieses Directorium ist meines Erachtens bereits verurtheilt. Ich komme nun auf den Punkt der Verantwortlichkeit, und damit auf dasjenige Prinzip, worauf meine Gesinnungsgenossen bestehen zu müssen überzeugt sind, auf das eine Prinzip, hinsichtlich dessen sie den gesetzlichen Antrag stellen werden, daß man mit seinem Namen dafür oder dagegen auftrete. Wir haben die Verantwortlichkeit verlangt, und man hat uns gesagt, sie sei nicht nothwendig, hat aber keine Gründe dafür vorgebracht, sondern nur Worte und Redensarten, die völlig vormärzlich sind. Die Regierungen, hat man behauptet, können und werden nicht ernennen, was dem Volke nicht genehm ist, müssen Dasjenige thun, was man verlangt. O, meine Herren, schwimmen Sie nicht auf diesem Meere des Vertrauens! Es hat von jeher nur Wasser genug gehabt für die flachen Fahrzeuge der Staatszeitungen und ihrer Genossenschaften. Dieses bischen Fahrwasser war eingedämmt durch die Schleußen der Censur und der Ausnahmegesetze, und mit der Sprengung derselben ist ein Sumpf geworden. Es ist nicht wahr, es ist kein Vertrauen in Deutschland, und Derjenige wahrlich muß blind sein, der es behauptet. Ich frage Sie auch ferner, wann denn die Gewalt zu Stande kommen solle, die Sie durch eine Vereinbarung schaffen wollen? Ich will Sie nicht auf die Schwierigkeiten der Einigung über eine solche Wahl, nicht auf den nothwendigen Aufenthalt hinweisen, den die Vorverhandlungen der deutschen Fürsten selbst unerläßlich machen. Nur daran will ich erinnern, daß die Fürsten einen Theil der innern Regierungsgewalt nicht abtreten dürfen, und die Männer des historischen Rechtsbodens, die uns trotzdem versichern, daß ihre Schöpfung binnen wenigen Tagen fertig sein könne, mögen doch nicht vergessen, daß in den Einzelstaaten die Zustimmung der Stände nothwendig ist. Ich kann und will nicht behaupten, daß dies nach allen Verfassungen der Fall sei; allein nach dem §. 2 der sächsischen Verfassung ist dem so, und was Ihnen Schaffrath verkündigt hat, muß ich bestätigen. Unterliegt er hier, als Mitglied der sächsischen Ständeversammlung, siegt er wo anders; denn die sächsische Stände-Versammlung — wie schlimm es auch ist, zu prophezeien, ich prophezeie es doch — gibt, wie ich glaube, die Erlaubniß zur Gründung einer solchen Gewalt jetzt noch nicht. (Mehrere Stimmen rechts: Oh! Oh!) Alle diese Schwierigkeiten, die Sie bis jetzt vor Ihren Blicken gesehen haben, fallen nach unserer Ueberzeugung weg, wenn wir einen Vollziehungs-Ausschuß ernennen. Es bedarf nichts weiter, als der Wahl, und diese geht hier von uns aus. Die Regierungen sollen nichts abtreten von ihren Regierungsrechten im Innern, jener Ausschuß soll nichts haben, als die Vertretung und Vertheidigung des Vaterlandes nach Außen; er ist durch die Nationalversammlung gewählt, und deßhalb im Nothfall von ihr zu entfernen; er ist der Nationalversammlung verantwortlich, und diese Verantwortlichkeit sehe ich eben nur in der Entfernung. Man hat uns zwar gestern darauf hingewiesen, es sei das Directorium oder der Reichsstatthalter der Nachwelt verantwortlich. Das ist sehr wahr. Aber Nero und Caligula, Philipp II. und sein Henker Alba waren der Nachwelt auch verantwortlich. Hat sie dies aber gehindert, Thaten zu vollführen, vor denen sich noch heute das Haar des Menschenfreundes emporsträubt? Wir haben endlich die Competenz dieses Ausschusses beschränkt, und zwar aus den Gründen beschränkt, die ich gegen die Monarchie geltend gemacht habe, weil wir nämlich eifersüchtig und in heiliger Liebe zur Freiheit über ihrer ärgsten Feindin, nämlich der Gewalt, wachen und dieselbe so viel als möglich einschränken wollen, bis die Freiheit diejenige Grundlage gewonnen hat, auf der sie bestehen kann. Auch nur in dieser Beziehung weichen wir von unsern Freunden, mit denen wir sonst innig verbunden sind, ab. Wir wollen etwas weniger Gewalt geben, wo es möglich ist, sie zurückzuhalten; wir wollen wenigstens die Noth an uns herantreten lassen, ehe wir mehr geben. Schließlich ist dann auch unser Vorschlag wohlfeiler, und wenn wir auch zugeben, daß bei dem, was nothwendig ist, es sich nicht darum handelt, einen verhältnismäßig geringen Betrag an Kosten zu sparen, so müssen wir doch, indem wir die Nothwendigkeit bestreiten, auch diese Seite ins Auge fassen, besonders in dem Augenblicke, wo das ganze Volk unter dem gewaltigen Eindruck der letzten Zeit seufzt, und wo die Noth herrscht von einer Grenze des Vaterlandes bis zur andern. Die Freiheit der Wahl durch diese Versammlung ist das zweite Princip, für das wir die namentliche Abstimmung beantragen werden. — Meine Herren! Man hat uns im Laufe der Zeit vielfach auf die Revolution hingewiesen; man hat uns ermahnt, ihren Schlund zu schließen, und uns gesagt, wir eilten der Schreckensherrschaft entgegen. Aber vergessen Sie doch nicht, daß wir in der Revolution stehen, und lassen Sie den Mann, der von verschiedenen Seiten hier citirt wurde, ich meine Mirabeau, Ihnen sagen: „Es ist die kindischste Thorheit, sich dem einmal rollenden Wagen der Revolution entgegenstemmen zu wollen; man kann nur muthig auf ihn springen und ihn zu lenken suchen oder man muß sich von ihm zermalmen lassen.“ Gewiegte Diplomaten, gewissermaßen grau geworden in der Sphäre ihres Berufs, haben wenige Wochen vor dem Februar verkündigt, der Thron Louis Philipp’s stehe fest wie Eisen, und wenige Wochen später war er zersplittert. Glauben Sie nicht, daß, wenn Sie einen Deckel legen da oben auf den Krater oder auf den Abgrund, den Sie schließen zu können behaupten, er damit auch wirklich geschlossen sei. Man sagt: die Weltgeschichte wiederholt sich nicht, und doch wiederholt sie sich so sehr. Unsere Zustände werden von Tag zu Tag denen von 1789 ähnlicher. Sehen Sie die Meinung in den einzelnen Truppencorps bei uns, sehen Sie dieses — Drängen möchte ich sagen nach äußerem Krieg, sehen Sie das Bestreben, die thatsächlich zerfallene Gewalt wieder herzustellen, sehen Sie die furchtbare Besetzung der Grenze, wohin sich die Liebe und die Sympathie des Volks wendet, weil dort die Freiheit wohnt; dagegen die — Vernachlässigung möchte ich fast sagen, wenigstens die unbegreifliche Schutzloslassung der anderen Seite, wo die Tyrannei wohnt, und wo sich des Volkes Haß und Furcht hinwendet. Sehen Sie ferner die beständigen Mahnungen daran, diese „junge“ Versammlung solle sich nicht übereilen, und denken Sie dabei an den Abbé Maury, der seiner Zeit ganz Dasselbe sprach. Alsdann werden Sie in diesen wenigen Zügen schon die außerordentliche Aehnlichkeit unserer Zustände mit jenen erblicken. Unsere Aufgabe ist es, aus der Geschichte zu lernen, nicht ihre Lehren zu mißachten, und dann können wir es nicht verhehlen, daß die Schreckensherrschaft, die man uns aufgestellt hat, nicht zu Paris, sondern zu Pillnitz und Coblenz geboren worden ist, wo man den eitlen Versuch machte, eine zu Grunde gegangene Gewalt wieder herzustellen. (Zuruf von der Linken: Sehr wahr!) Wir können uns nicht verhehlen, daß das Veto den 10. August und den 21. Januar heraufbeschworen hat; Ludwig XVI. ist am Veto zu Grunde gegangen und die Nation hat es im ersten Augenblicke gefühlt, daß dort der wunde Fleck lag, denn von dem Ausspruche an hieß er nur Veto. (Links: Bravo!) Lassen Sie diese Lehre der Geschichte nicht vorübergehen. Wahrscheinlich vermögen wir noch der Revolution, die thatsächlich da ist, eine andere Bahn zuzuweisen, wenn wir ihr gerecht werden. Man hat gestern die Freiheit verglichen mit der Liebe zum Weibe, und eine Zeitung unseres Nachbarstaates, eine französische, hat es jüngst behauptet, das deutsche Volk sei zu alt geworden, um in kühnem Griffe, in männlicher Umarmung sich die holdeste Braut: die Freiheit, zu erobern und sie unzertrennlich an sein Herz zu drücken. Man hat gesehen, daß die Schrecken einer einzigen Nacht die Haare bleichen, und den Menschen zum Greise machen können. Wie sollte das Herz eines Volkes nicht abstumpfen können unter einer dreißigjährigen Tyrannei, wie sollte es nicht alt werden unter der Knechtschaft eines Menschenalters! Aber auch das alte Herz kann lieben, und es liebt inniger, wenn auch ruhiger als das junge, weil es das Bewußtsein in sich trägt, daß der Liebesfrühling ihm nur noch einmal kommt. Es wird für die Erkorene in die Schranken treten, nicht mit der Aufwallung des Jünglings, aber mit der vollen Kraft des reifen Mannes. Ueberliefern Sie die Braut des besonnenen deutschen Volkes nicht ihrem ärgsten Todfeind: der Gewalt! (Von allen Seiten: Bravo! Klatschen auf den Gallerien.)“

Noch am nämlichen Tage fiel die Entscheidung: nicht im ursprünglichen Sinne der Mehrheit, nicht in dem der Minderheit. Gagern that seinen berühmten „kühnen Griff“, indem er sagte: „wir müssen die Centralgewalt selbst schaffen“ — damit sprach er eigentlich nur dasselbe aus, was der Antrag Blum-Trützschler auch an die Spitze stellte. Der „langanhaltende stürmische Jubelruf“[181], welcher das entscheidende Wort Gagern’s begleitete, daß die Centralgewalt vom Parlament selbst geschaffen werden müsse, ward auch von der Linken erhoben. Sie bedurfte gar nicht erst der Erläuterung, die Gagern diesen seinen Worten gab: „Man wird mir nun nicht mehr den Vorwurf machen können, als habe ich das Princip der Souveränität der Nation aufgegeben.“ Aber darüber war nicht blos die Linke betroffen, darüber waren selbst Gagern’s nächste Freunde bestürzt gewesen, als er ihnen von seinem Plan Kunde gegeben: daß er sich als den einen Reichsverweser, den er statt des Directoriums vorschlug, den Erzherzog Johann von Oesterreich denke. Die Linke und das linke Centrum hatten gehofft, Gagern selbst, der Träger der Souveränität des Parlaments, werde die Stelle des Reichsverwesers annehmen. Der Name des Erzherzogs wurde freilich von Gagern nicht genannt. Aber alle Welt wußte, wer unter dem „Fürsten“ zu verstehen sei, dem er die Würde des Reichsverwesers übertragen wollte. Galt doch dieser „Fürst“ dem damaligen Geschlecht als der Einzige unter den Dreien, die früher zu dem Triumvirat der „drei Onkel“ ausersehen waren, als der Einzige, der für sich allein regierungsfähig sei.