Die Hauptlegitimation zu dem schweren Beruf, den man dem Erzherzog zudachte, bildete ein Toast, den er nie gehalten hat. Seine Leistungen als österreichischer Vicekaiser waren bei Lichte besehen von höchst zweifelhaftem Werthe. Er übte schon damals kunstvoll die Tugenden, die ihn in Frankfurt auszeichneten: die unvergleichliche Fähigkeit, Jeden bürgerlich-treuherzig anzubiedern; nichts zu sagen in Worten, denen Jeder die gewünschte Deutung unterlegen konnte; hinzuhalten, bis seine Getreuen die Zeit des Handelns gekommen erachteten. Wer vom Standpunkt des heutigen Geschlechts aus den Gang der Geschichte jener Jahre überblickt, der muß mit Nachdruck aussprechen: der kühne Griff Gagern’s war ein ungeheurer Mißgriff, insofern er die Deutschen Geschicke in die Hand eines habsburgischen Prinzen legte. Das Scheitern der deutschen Bewegung und ihres Verfassungswerkes ist diesem Mißgriff in erster Linie zuzuschreiben. Aber freilich, Biedermann hat Recht: „das Tadeln ist hier leichter, als das Bessermachen“.[182] Niemand, am wenigsten die Linke, konnte damals den Charakter des Mannes übersehen, sein Verhalten der Nationalversammlung gegenüber im Voraus ermessen. Von Blum insbesondere sollen höchst irrige Urtheile über den Reichsverweser noch mitgetheilt werden. Er nannte ihn nur den „Reichsvermoderer.“ Er würde vielleicht jeden andern Fürsten an dieser Stelle auch so genannt haben. Dahlmann, der das Ziel der ganzen Parlamentsarbeit, das preußische Erbkaiserthum, schon seit April klar und fest in seinem Verfassungsentwurf vorgezeichnet hatte, war verdrossener als je über Gagern’s kühnen Griff. Unentwegt durch das stürmische Hochrufen am Schlusse von Gagern’s Rede, hatte er nach ihm die Tribüne bestiegen und sich trotz aller Unterbrechungen Achtung und Gehör erzwungen. Freilich stimmte auch er später für den Erzherzog.

Schließlich war es doch auch nicht zum geringsten Theile die allgemeine tiefe Ermüdung nach einer Woche aufregender Debatten über die Centralgewalt, welche Gagern’s Vorschlag so rasch zum Siege führte. Schreibt doch selbst Blum, der nervenlose, unermüdliche Kämpfer, schon am 22. Juni an die Frau: „das heißt leben, aber auch sich aufleben.“ Und am 25. Juni: „Liebe Jenny. Das waren schwere, schwere vierzehn Tage; die schwersten, die ich je erlebt habe. Von Sonnabend den 10. bis Mittwoch 14. in unermeßlicher Fest- und Reiseanstrengung, von Mittwoch an bis heute in Arbeit. Berge von Stößen haben sich aufgehäuft, aber bei einer halbtägigen Pause am Donnerstage, wo hier Frohnleichnamsfest war, vermochte Niemand etwas zu thun, wir mußten ruhen und flegelten uns im Garten herum.“ Die Wahl des Reichsverwesers erfolgte indessen doch erst am 29. Juni. Jeder Paragraph des Gesetzes über die provisorische Centralgewalt bot Anlaß zu heftigem Parteistreit, namentlich die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers. Die Weigerung Dahlmann’s, des Berichterstatters, auf Biedermann’s Frage zu antworten: „ob hier eine ganz allgemeine oder nur eine politische Unverantwortlichkeit gemeint sei?“ führte bei der Abstimmung sogar zu einer Spaltung des linken Centrums. Einmal, als Heckscher die Linke durch eine Bemerkung beleidigte, die wenigstens dahin gedeutet werden konnte, daß die Linke ihre Anträge von der Gallerie beklatschen lasse, ehe das Parlament sie kenne, drohte das ganze Parlament in wildem Spektakel auseinanderzufahren. Die Sitzung (26. Juni) mußte aufgehoben werden, da der Vicepräsident v. Soiron nicht die zur Bändigung dieses Sturmes erforderliche Kraft besaß. Gerade in diesem Augenblicke wäre das Ansehen des Parlamentes und seiner Beschlüsse durch eine Terrorisirung der Minderheit und einen etwaigen erzwungenen Austritt derselben schlimmer als je geschädigt worden. Deßhalb begannen gleich nach der Sitzung am 26. Juni Vergleichsverhandlungen zwischen den Parteien, die in der Nacht zu einem Abschluß führten. Heckscher gab eine versöhnliche Erklärung, dann folgte Robert Blum, der Namens seiner Partei erklärte:

„Wir ziehen zurück, was wir zurückziehen können; wir unterwerfen uns der Entscheidung dieser Versammlung, sofern sie innerhalb der Schranken des selbstgegebenen Gesetzes erfolgt. Wir erkennen die thatsächlich bestehenden Regierungen an, und soweit sie der Neuzeit treu sind und auf dieser Grundlage sich ihr Selbstbestehen erhalten, mögen sie bestehen. Wir reichen die Hand zur Versöhnung, nicht für jetzt nur; für immer Versöhnung auf dem Boden des Gesetzes und Versöhnung auch auf dem Boden der Vereinbarung. Denn das ist das einzige Mittel, wodurch man sich mit einander vereinbaren kann, wenn die Vereinbarung heilig und unverletzlich ist. (Großer Beifall von allen Seiten[183].“

Bei der Abstimmung über die Person des Reichsverwesers stimmte Blum mit 81 seiner Freunde für Itzstein, 52 andere für Heinrich von Gagern. 27 Abgeordnete der äußersten Linken enthielten sich der Abstimmung. Erzherzog Johann wurde gewählt mit 436 Stimmen. Unmittelbar nach der Wahl erklärte Gagern: „Ich proclamire hiermit Johann, Erzherzog von Oesterreich, zum Reichsverweser über Deutschland.“ Dreimaliges Hoch der Versammlung und der Gallerie erhob sich, alle Glocken läuteten und Kanonensalven erdröhnten. Und in dieses feierliche Getöse sprach Gagern die Worte, die so wenig zur Wahrheit werden sollten: „Er bewahre seine allezeit bewiesene Liebe zu unserem großen Vaterlande, er sei der Gründer unserer Einheit, der Bewahrer unserer Volksfreiheit, der Wiederhersteller von Ordnung und Vertrauen.“

Die Deputation, welche den Reichsverweser in die Paulskirche am 12. Juli einzuführen hatte, wurde durch das Loos bestimmt: durch die Ironie des Zufalls wurde auch Blum ausgeloost. Aus diesen Tagen der Kämpfe und der Einsetzung des Reichsverwesers schrieb Blum die folgenden Briefe nach Hause, die gewiß noch heute nicht ohne allgemeines Interesse sind, besonders wichtig aber für seine Charakterzeichnung, seine Beurtheilung:

Der Schluß des schon oben angeführten Briefes vom 25. Juni an seine Frau lautete: „Ueber die Reise der Linken schreibe ich nichts mehr, Du hast sie ja gelesen; nur war das Bild schwach, weil sich meine Feder sträubte, niederzuschreiben was mir selbst widerfuhr und doch sich alle Huldigungen eben auf mich — den Führer — wendeten. Wenn Du besorgst, diese und besonders die der Frauen möchten mich schwindlich machen, so kannst Du deshalb ruhig sein. Zwar sind die Frauen allerdings fanatisch hier im Süden und ihre Theilnahmsbezeugungen steigen bis zu Unglaublichem. Bei einer lebendigen Verhandlung, einem entschiedenen Auftreten nimmt das Klatschen, das Wehen mit Tüchern, das Zuwerfen von Blumen und Kußhändchen, oder die Uebersendung von Bouquets oft gar kein Ende. Und das geschieht offen, ohne Prüderie, Allen sichtbar, oft unter rasendem Beifall der Gallerie und die ganze Nationalversammlung platzt vor Aerger, denn es hat es noch keine andre Seite, noch Niemand zu einem derartigen Zeichen gebracht als wir. Als ich jüngst über die Centralgewalt sprach und am Schlusse sehr ernst und feierlich wurde, schwamm das Frauenauditorium in Thränen und schluchzend streckte man mir hundert Hände entgegen, als ich herab kam. Das ist ein schönes Zeichen, aber vor Eitelkeit, d. h. persönlicher bewahrt mich 1) jeder Blick in den Spiegel, der mir sagt, daß ich nicht schön und 40 Jahre alt bin, 2) das klare Bewußtsein, daß es nicht dem Manne, sondern dem Parteiführer gilt und ich also stets mit meinen Getreuen theilen muß, wobei mir sehr wenig bleibt. Kommt der Mangel an Zeit dazu, der mir jede Bekanntschaft in Familien unmöglich macht und mich gegen die wenigen, die ich gemacht habe, zwingt unartig zu sein, so bleibt die Sache rein politisch und da ist sie allerdings ein gewaltiger Hebel, gegen den Du nichts haben wirst. Ging es doch dem alten, häßlichen Mirabeau gerade so; hoffentlich werde ich demselben in andrer Beziehung nicht ähnlich“ u. s. w.

Am 19. Mai, am Tage nach der Eröffnung des Parlaments, hatte Blum ein Schreiben von Haubold in Leipzig erhalten, das eine Anweisung auf 350 Thaler enthielt — das Resultat einer verschwiegenen Sammlung wohlhabender Leipziger Bürger, um den Abgeordneten Leipzigs für seine finanziellen Opfer zu entschädigen. Blum antwortete darauf am 5. Juli an Haubold:

Mein theurer und verehrter Freund!

„Dem Schreiben vom 17. vorigen Monats, welches ich wie Du weißt erst jetzt erhalten habe, hat mich zu gleicher Zeit hoch erhoben und tief beschämt: hoch erhoben, denn in dem Sturm der Revolution, in dem wirren Treiben der Parteikämpfe, welche sie nothwendig mit sich führt, ist die Anerkennung edler Menschen doppelt wohlthuend, ermunternd und anspornend; — tief beschämt, weil Du mir im Namen so vieler edeln Männer eine so große und werthvolle Gabe bietest (groß und werthvoll besonders durch den Sinn der Geber!) die nicht verdient zu haben ich nur zu sehr fühle. Ich habe nur meine Pflicht gethan, das mir vom Schöpfer verliehene Pfand verwendet zum Besten meiner Mitmenschen, wie es meine Schuldigkeit war und die mir verliehene Kraft gebraucht, wohin sie gehörte. Haben meine Mitbürger in der Nähe und Ferne mich dafür weit über Gebühr ausgezeichnet, so wurde mir diese Auszeichnung weniger durch eigenes Verdienst als durch das fluchwürdige Bestreben des gestürzten Systems zu Theil, die Pflichterfüllung für das Vaterland zu hintertreiben und zu ächten, und diese in einem durch Bevormundung entarteten Geschlecht zur Seltenheit zu machen. Die Neuzeit wird edlere Kräfte lösen und auf den Schauplatz rufen; und dessen wird sich Niemand inniger und herzlicher freuen, als ich.

Nehme ich nun die mir gebotene Gabe mit Beschämung und innigster Dankbarkeit an, so betrachte ich dieselbe doch nur als ein Darlehen, als eine heilige Schuld, die ich dem Vaterlande abzutragen habe. Und ich kann sie nicht besser abtragen, als wenn ich dem Vaterlande, der Freiheit, der Verbesserung der politischen und socialen Zustände meine Kraft, mein Wirken, mein Leben, mein Gut und Blut widme, wo und wie es nöthig ist. Das zu thun aber gelobe ich Dir und allen edeln Männern und Mitbürgern hiermit auf’s Feierlichste, und versichere, daß es der schönste Augenblick meines Lebens sein wird, wo Du mir die Hand reichen und sagen kannst: Blum, Du hast einen Theil Deiner Schuldigkeit getilgt[184].

Wenn ich Dich nun bitte, der Dolmetscher meiner Gefühle zu sein, wie Du der Vermittler warst bei der mir bereiteten Freude, so mache ich noch eine hohe Forderung an Dein Herz. Bewahre mir, soweit Du kannst, das Vertrauen und die Achtung meiner Mitbürger, welche zu untergraben man leider! sehr bemüht ist. In Zeiten, wie die unsrigen, wo die Woge der Bewegung steigt und fällt, mit derselben aber die Parteien und ihre Führer und Glieder bald im Lichte, bald im Schatten stehen, ist es nicht möglich jeden einzelnen Schritt als Maßstab der Beurtheilung für einen Abgeordneten anzunehmen; es ist ungerecht, unedel und unbillig auf Einzelheiten hin Verdächtigungen und Schmähungen auszustreuen. Obgleich ich nun nie einen Schritt gethan, dessen strengste Beurtheilung ich von unbefangenen Beurtheilern zu scheuen hätte, so ist es doch keine unbillige Forderung, daß man mein Wirken als ein Ganzes, in seiner Gesammtheit beurtheile, daß man meine eigenen Worte und meine eigenen Handlungen zu Grunde lege, nicht die Entstellungen und Verdrehungen, die man in Sachsen gegen und über mich verbreitet.

So empfiehl mich denn herzlichst allen Betheiligten und bringe ihnen meinen Gruß und Handschlag bis ich selbst Gelegenheit haben werde, ihnen Rechenschaft über mein Thun abzulegen. Du aber erhalte mir ferner Deine Liebe und Freundschaft und empfange den herzlichsten Gruß von Deinem treu ergebenen Robert Blum.“

Um dieselbe Zeit (einige Tage früher, ohne Datum) schrieb er an die Frau: