„Daß ich in Leipzig fehle, sehe ich allerdings sehr gut ein; aber es geht nicht anders und es wird auch jetzt nicht viel verloren dort. Sollte es nöthig sein, dort wieder Boden zu gewinnen, so kann das bald geschehen. Leipzig ist doch sehr erbärmlich; diese kleinlichen, gemeinen Häkeleien auf den Abgeordneten, sind in der ganzen Welt, in keinem Blatte Deutschlands so, wie in Leipzig. Und diese theewässerigen, fischblutigen, juchtenledernen Vaterlandsblätter, die wir noch zur Hälfte von hier aus füttern, haben nicht soviel Muth und Gefühl, daß sie diese Gemeinheit nur einmal geißeln. Wir hier schämen uns unseres Blattes und unserer Freunde, daß sie dieser Unverschämtheit der Biedermänner[185] gegenüber nichts, nichts thun, und Günther und ich werden uns nächstens von den Vaterlandsblättern lossagen. — Friese’s Krankheit hat sich, wie ich höre, wieder gebessert; aber er wird nicht wieder zu fester Gesundheit kommen[186], wie ich höre. Was meine Geschäftsverhältnisse betrifft, so ist unser Buchhandel todt und es wird lange Zeit brauchen ehe er wieder auflebt. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, wenn ich zurückkehre; doch daran ist jetzt nicht zu denken“ u. s. w.
Am 5. Juli schrieb er der Gattin wieder:
„Liebe Jenny. Also Du bist immer noch krank[187]. Das dauert ja sehr lange diesmal. Nun, Dein Bleistiftbriefchen beruhigt mich wenigstens, daß es besser geht. Mache nur, daß Du gesund, und völlig wieder dem Haushalt und den verwaisten Kindern zurückgegeben wirst. Uns geht es ziemlich schlecht, die Mehrheit wird alle Tage frecher und unverschämter, steckt mit den Regierungen unter einer Decke, spielt in und mit der Versammlung Comödie und treibt ihren Verrath ziemlich offen; es ist ganz 1789. Ob die Menschen niemals an 1793 denken? Wie unangenehm die Stellung nur sein mag, so muß sie doch ertragen werden und wir sind auch guten Muthes und donnern nur um so mehr los. Die gemeinen, kleinlichen, erbärmlichen Umtriebe in Leipzig nur ärgern mich, ärgern mich deßhalb, weil in keiner Stadt, in keinem Orte (wir haben hier alle Zeitungen) eine solche Jämmerlichkeit zur Schau getragen wird, wie dort. Wäre ich dort und es geschähe einem Andern, ich würde dieses Gesindel geißeln nach Herzenslust; unsere Leute aber regen sich nicht einmal gegen .... Lügen, die sie durch die stenographischen Berichte klar beweisen können. Mögen sie! —“
In der Nacht vom 15. zum 16. Juli schreibt er an dieselbe:
„— — Leider bemerke auch ich, wie die Vierteljahre enteilen. Bereits ist der längste Tag vorüber und ich habe vom Sommer nichts, gar nichts gemerkt, als daß die Hitze in der Paulskirche und in den Commissionslocalen unerträglich ist und mir oft nur alle 8 Tage Zeit bleibt, einmal zu baden. Wir müssen wirklich große Opfer bringen an Kräften und Wohlsein; und wenn sie nur nutzten! Aber gegenwärtig geht es sehr schlecht, der Wahnsinn glaubt jetzt, der Reichsverweser bringe die goldene Zeit und denkt nur an ihn. Aber der Rückschlag wird und muß auch kommen und dann wollen wir thätig sein. Wenn der Herbst kommt, wendet sich die Sache. — Also werde gesund und bewahre mir die armen Kinder! Aber die entbehren mich wohl gar nicht mehr? Warum muß man so arm sein, daß man dieselben gar nicht sehen kann! Doch ich komme jedenfalls in einiger Zeit einmal nach Hause und wenn es auch nur auf einige Tage ist. Lebt alle recht wohl und nehmt Gruß und Kuß von Eurem Robert.“
Am 19. Juli endlich schreibt er an dieselbe:
„Liebe Jenny! Eben komme ich vom Hofe und benütze die Minuten, die mir bleiben, dazu, Dir wenigstens dieses Zettelchen zu schreiben. Den Halloh, Spectakel und officiellen Jubel kannst Du aus den Zeitungen lesen; aber wahrscheinlich hast Du trotz allem Jubel den Reichsverweser und Vermoderer nicht gesehen und ich muß Dir also melden, daß er ein so erdiges, abgelebtes, todtes, regungsloses Gesicht hat, daß es den übelsten Eindruck macht und jedes Fünkchen Hoffnung, welches sich an ihn knüpfte, vernichtet hat. Im Privatverkehr ist er ein achtungswerther, liebenswürdiger Mensch, der aber in jedem Worte zeigt, daß er eben nur in’s Haus taugt, nicht in’s politische Leben. Es ist entsetzlich, daß man diesem Menschen Deutschland vertrauen will; allein Bestand kann die Sache nicht haben, oder vielmehr, er kann nur eine unbedeutende Puppe sein, die aber hemmt auf Schritt und Tritt. Daß mich das Unglück getroffen hat, ihn heute Morgen becomplimentiren zu müssen, wirst Du schon wissen; es war ein schweres Opfer, welches der Partei gebracht werden mußte, aber es hat mir auch wieder den Vortheil gebracht, den armseligen Menschen in der Nähe zu sehen und mich zu überzeugen, daß er ein wirklicher Vermoderer ist. Das Ministerium, welches wahrscheinlich morgen an den Tag kommt, wird rein reactionär, aber die Ministerien dauern jetzt nur vier Wochen. — Wie werden unsre armen Kinder verlassen sein jetzt! es wird mir doch manchmal recht sauer hier zu bleiben, so ununterbrochen hier zu bleiben und ich muß mich förmlich von dem Gedanken losreißen. Geht es so fort, so gehe ich jedenfalls einmal auf 8 Tage nach Haus. — Lebe wohl, liebe Frau, grüße die Kinder und sei auch Du herzlichst gegrüßt von Deinem Robert.“
[16. Im Parlament und Daheim.]
(Juli und August 1848 bis zum Conflict über den Malmöer Waffenstillstand.)
Auch die Einsetzung des Reichsverwesers hatte von neuem jenen Conflict entzündet, der bei jedem entscheidenden Schritt der deutschen Volksvertretung bei Ausübung ihrer verfassunggebenden Befugnisse und der in ihrer Hand ruhenden Centralgewalt bisher entbrannt war. Schon am 30. Juni hatte der Bundestag auf die Kunde der Wahl des Reichsverwesers durch das Parlament ein Glückwunschschreiben an den Erwählten erlassen, in welchem ausgesprochen wurde, „daß die Bundesversammlung bereits vor Schluß der Verhandlung über die Centralgewalt von den Regierungen ermächtigt gewesen sei, für diese Wahl sich zu erklären.“ Blum brachte die wichtige Sache am 1. Juli im Parlament zur Sprache.[188] „Wenn die Bundesversammlung keine Prophetengabe hat, die ich bis jetzt an ihr noch nicht bemerkt habe,“ sagte er, „so konnte sie über diese Wahl im Voraus mit den Regierungen gar nicht reden. Wenn aber, was ich annehmen muß, die Bundesversammlung ihre Nachrichten nicht schöpft aus Privatcirkeln und Clubbs, so muß man glauben, es habe ein offizieller Verkehr stattgefunden.“ Er bat deßhalb einen „möglichst naheliegenden Tag“ zu bestimmen, um in dieser Angelegenheit eine Interpellation einbringen zu können. „Zugleich aber stelle ich den Antrag, es möge von der Versammlung ausgesprochen werden, daß jene Erklärung — für deren Bezeichnung kein Ausdruck stark genug sein dürfte — eine unangemessene und den Beschlüssen der Nationalversammlung widersprechende sei.“ Unter „vielstimmigem Bravo“ erklärte Gagern sofort: „Ich habe auf die Frage des Herrn Blum nur zu erklären, daß zwischen der Bundesversammlung und mir nicht die geringste Communication über die Sache stattgefunden hat.“
Am 4. Juli brachte Blum von Neuem die Angelegenheit zur Sprache[189] und stellte den Antrag: „von der Bundesversammlung eine amtliche nähere Erklärung über den Sinn und die Bedeutung ihres Glückwunschschreibens an den Reichsverweser und besonders über die darin enthaltene Erklärung für diese Wahl zu erfordern.“ Er sagte zur Begründung dieses Antrags u. A.: