„Wenn die Bundesversammlung im Auftrage der Regierungen für unsre Wahl sich erklärt, so thut sie nichts Anderes, als was Dahlmann gesagt hat, sie bringt durch das Fenster wieder herein, was wir durch die Thüre durch zwei Abstimmungen hinausgeworfen haben, nämlich die Mitwirkung und Zustimmung der Regierungen; wenn sie sich für diese Wahl erklärt, so kann sie sich auch gegen die Wahl erklären, und wir sind nicht sicher davor, daß wir nicht zum zweiten Male wählen müssen, und sie widerspricht damit entschieden allen unseren Beschlüssen, ja sie stellt unser ganzes Dasein in Frage.“ Mit Recht forderte er eine Erklärung der Bundesversammlung, nicht blos des „Bundestags-Präsidenten“, denn „wir haben hier nur den Abgeordneten v. Schmerling bei uns, nicht den Bundestags-Präsidenten.“
Gleichwohl wich die Mehrheit, nach einer jener nichtssagenden und so klugzurückhaltenden Erklärungen Schmerling’s, der wichtigen Principienfrage aus und ging über Blum’s Antrag zur Tagesordnung über. Aber von selbst drängte sich immer von Neuem diese Frage in den Vordergrund. Als am 12. Juli der Reichsverweser im Parlament die Annahme seiner Würde erklärt und feierlich versprochen hatte, das Gesetz über die Einführung der provisorischen Centralgewalt zu halten und halten zu lassen, begab er sich an den Sitz des Bundestages, um die Auflösung dieser Versammlung zu vollziehen. Da erklärte ihm Schmerling als Bundespräsidialgesandter, daß „die Bundesversammlung die Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Befugnisse und Verpflichtungen in die Hände der provisorischen Centralgewalt lege, daß die Mitwirkung aller deutschen Regierungen dem Reichsverweser zur Seite stehe und sie ihre bisherige Thätigkeit als beendigt ansehe.“ Diese Erklärung rüttelte weite Kreise des Parlaments aus der vertrauensseligen Stimmung auf, welche man bisher den Alarmrufen der Linken gegenüber zur Schau getragen hatte. Das linke Centrum brachte am 14. Juli den Antrag ein, „daß der Seitens der Bundesversammlung am 12. Juli vollzogene Act der Uebertragung ihrer Befugnisse auf die provisorische Centralgewalt für nicht geschehen zu erklären“. Allein die Versammlung erklärte auch diesen Antrag nicht für dringlich.[190] Um so energischer wurde am 14. Juli der Trotz der Krone Hannover gebrochen. Der allen Parteien des Parlaments, mit Ausnahme der äußersten Rechten, verhaßte Monarch hatte es gewagt, in einem von seinem Gesammtministerium unterzeichneten Schreiben vom 7. Juli „Bedenken über die Form und den Inhalt“ des Gesetzes über die provisorische Centralgewalt zu äußern. Darauf forderte das Parlament mit großer Mehrheit „die unumwundene Anerkennung der Centralgewalt und des Gesetzes darüber von der Staatsregierung des Königreichs Hannover.“ Und die Krone Hannover beugte sich diesem Beschlusse. Sie beauftragte ihren Bevollmächtigten bei der Centralgewalt, v. Bothmer, alle Erklärungen in ihrem Namen vollgültig abzugeben, und diese stellte nun die schriftliche Zusicherung aus, die das Parlament erfordert hatte.[191]
Unmittelbar nach seinem Amtsantritt besetzte der Reichsverweser einige der unentbehrlichsten Departements mit Ministern: dem preuß. General Peucker gab er das Kriegswesen, Heckscher die Justiz, Schmerling das Innere und Aeußere. In diesen Händen ruhten die Geschäfte der deutschen Centralgewalt, als der Reichsverweser vom 15. Juli bis 3. August nach Oesterreich reiste, um dort den Staat wieder nothdürftig zusammenzuleimen. Am 9. August war die Bildung des deutschen Reichsministeriums abgeschlossen. Schmerling hatte den Löwenantheil, das Innere, erhalten, dem polternden Heckscher war die Gelegenheit geboten, sich durch Leitung der Auswärtigen Angelegenheiten zu compromittiren, Duckwitz übernahm den Handel, Beckerath die Finanzen, R. v. Mohl die Justiz, Peucker wie bisher den Krieg. Als Unterstaatssecretaire waren u. A. im Innern Bassermann, im Finanzamt Mathy thätig. Im Uebrigen zeigte sich bald, daß der Reichsverweser für seine Regierungsgewalt dieselbe Unabhängigkeit forderte, wie das Parlament für seine Beschlüsse über Verfassung und Gesetze. Preußen machte nämlich am 17. Juli den Versuch, die Bevollmächtigten der Einzelstaaten bei der Centralgewalt zu einem Rathe, mit einer der Größe der einzelnen Staaten entsprechenden Stimmenzahl zu vereinigen, in der Absicht, daß dieser Rath mit dem Reichsverweser sich über alle in Folge des Beschlusses vom 28. Juni zu treffenden Maßregeln verständige und deren Ausführung mit den Einzelstaaten vermittle. Da erklärte jedoch die Centralgewalt am 30. August ausdrücklich, daß die bei ihr bevollmächtigten Vertreter der einzelnen Staaten „die Befugniß, auf die Beschlußnahmen der Centralgewalt entscheidend einzuwirken oder irgend eine collective Geschäftsführung auszuüben“, in keiner Weise besäßen. Es war also gewiß auch dem Parlament nicht zu verdenken, daß es ängstlich über seinen Befugnissen wachte; und wenn man diesem zur Last legte, „es habe vergessen, daß es noch Fürsten in Deutschland gebe“, so war in dieser Hinsicht das Gedächtniß der Centralgewalt nicht viel günstiger veranlagt.
Zum Zeichen seiner Oberherrlichkeit über alle deutsche Regierungsgewalt hatte der Reichsverweser gleich bei Uebernahme seines Amtes durch den Kriegsminister v. Peucker von den Bundesregierungen gefordert, daß diese am 6. August die Bundestruppen die deutschen Farben anlegen ließen und ihm, dem Reichsverweser, als Huldigung ein dreifaches Hoch der Truppen und eine dreimalige Geschützsalve darbringen lassen sollten. Die kleineren Staaten, auch Württemberg und Sachsen folgten der Weisung. Baiern gehorchte in seiner Weise: das erste Hoch wurde dem König, das zweite dem Reichsverweser, das dritte dem deutschen Vaterlande dargebracht. Oesterreich schwieg wie gewöhnlich vollständig und ließ einzig in Wien die dortige Besatzung dem „Erzherzog Johann von Oesterreich“ das vorgeschriebene Lebehoch darbringen. Das Ganze war offenbar eine raffinirte List Schmerling’s, um Preußen zu demüthigen oder in eine schiefe Stellung zur Nationalversammlung zu bringen. Das letztere war vorherzusehen, da der preußische Stolz nimmermehr zu einer solchen Komödie sein Heer hergeben, noch die Mannszucht der Truppen verwirren konnte durch die Einsetzung eines neuen Kriegsherrn neben dem König. So geschah es auch. Der König erließ am 29. Juli einen Armeebefehl, in dem er seine Zustimmung zur Wahl des Reichsverwesers aussprach, aber der Ernennung desselben durch das Parlament mit keinem Worte gedachte. Dieser Befehl schloß mit den Worten: „Soldaten! Ueberall wo preuß. Truppen für die deutsche Sache einzutreten und nach meinem Befehl Sr. k. k. Hoheit dem Reichsverweser sich unterzuordnen haben, werdet Ihr den Ruhm preuß. Tapferkeit und Disciplin treu bewahren, siegreich bewähren.“ Nur die preußischen Garnisonen der Bundesfestungen durften die Huldigungskomödie aufführen, die übrigens, wenn es „zum Klappen“ kam, dem Reichsverweser auch nicht einen Mann sicherte. Dafür aber schien Schmerling’s ganzes Spiel zu glücken: General Peucker war durch sein Huldigungsverlangen in Preußen unmöglich geworden; Preußen hatte sich durch seine Weigerung bei einem großen Theile des Parlaments unpopulärer als je gemacht. Von der Linken erhoben sich Carl Vogt, Schlöffel und L. Simon zu einem Tadelsvotum gegen die preuß. Regierung.[192] Sie hatten offenbar keine Ahnung, an wessen geheimen Fäden sie tanzten. Ihre Anträge wurden jedoch von der Mehrheit nicht für dringlich anerkannt und damit war Schmerling das Spiel schließlich doch theilweise verdorben.
Die Debatten des Parlaments verlieren mit Einsetzung der Centralgewalt viel von ihrer bisherigen Lebendigkeit. Natürlich, da nun vorläufig das Hauptwerk gethan war, und es nicht mehr anging, wie früher oftmals, Alles und noch einiges Andere bei Gelegenheit der Tagesordnung für dringlich zu erklären. Dennoch haben auch die zweite Hälfte des Juli und der August aus bestimmten Anlässen sehr aufregende politische Debatten von großer grundsätzlicher Tragweite in der Paulskirche gesehen. Den ersten Gegenstand dieser lebhaften Erörterungen bildete der Antrag des Wehrausschusses, die Regierungen möchten den Bestand ihrer Truppen bis auf ein Procent der Bevölkerung vermehren und außerdem für Kriegsfälle noch 340,000 M. bereit halten, damit die gesammte Streitmacht Deutschlands auf 910,000 M. anwachse. Die Linke erklärte sich am 7. Juli, als der Antrag zur Verhandlung kam, gegen denselben. Robert Blum berührte unzweifelhaft den Kernpunkt der Frage, als er aussprach:[193]
„Wenn es sich darum handelte, einen Krieg zu führen, und für diesen Krieg die nöthigen Mittel zu besprechen, ich würde nicht wagen, auf diese Tribüne zu treten. Aber droht uns denn wirklich ein Krieg?“ Das sei nicht der Fall, meinte er, denn das Streben der Völker gehe nicht mehr auf Eroberung, sondern auf Gründung und Sicherung der Freiheit im Innern. Von Frankreich habe ja Deutschland eben erst die Versicherung der Brüderlichkeit empfangen. Die 300 Bataillone Nationalgarde, die man dort aufgestellt, seien nach den gegebenen Zusicherungen nicht zu feindseligen Zwecken bestimmt. „Gehen Sie hinüber,“ fuhr er fort, „fragen Sie, unter welchen Bedingungen man die Bruderhand bieten wolle, und bieten Sie Ihre Hand, so werden Sie die 300 Bataillone auflösen und das Nachbarvolk befreien von der schweren Last, sie zu unterhalten.“
Diese vertrauensvolle Stimmung zur jungen französ. Republik, an deren Spitze schon Louis Napoleon Bonaparte zu treten sich anschickte, jener Republik, der schon Wochen zuvor der alte Arndt in der Paulskirche geweissagt hatte, daß sie bald wieder ihren Herrn finden werde, war in Blum erzeugt hauptsächlich durch die herzgewinnenden Phrasen des französ. Gesandten in Frankfurt Savoye, „des ehemaligen Flüchtlings“, dessen treue Ehrlichkeit Blum der Gattin in einem Briefe dieser Tage preist. Wir Heutigen lächeln über dieses naive Vertrauen auf die französ. Bruderhand. Und auch die Zeitgenossen lächelten. Der berühmte Zeichner der Paulskirche Boddien eröffnete bei dieser Rede seinen Caricaturenkampf, indem er Blum einem französ. General, der sehr unhöflich lacht, die Bruderhand bieten läßt, während im Hintergrund das ganze französ. Heer in ungeheurer Eile auseinanderläuft. Und in gleichem Sinne entschied sich die Nationalversammlung: die Antwort auf Blum’s Rede war der Beschluß (am 15. Juli mit 303 gegen 149 Stimmen), daß der Bestand des Heeres auf zwei Procent der Bevölkerung gebracht werden solle, bei allgemeiner Wehrpflicht und möglichster Einfachheit der Ausrüstung, als ein Uebergang zur künftigen Bürgerwehr. An kräftiger Betonung seines nationalen Standpunktes hatte es Blum indessen auch bei dieser Gelegenheit nicht fehlen lassen. Bei dem Angriffe eines äußeren Feindes hatte er sich zu den größten Opfern bereit erklärt. „Es koste das Letzte, was wir aufzubieten hätten“, hatte er gerufen, so dürfe man sich doch dem äußern Feind gegenüber nicht wehrlos machen, „wir dürfen das nicht wollen, ohne uns selbst auszustreichen aus der Reihe der Nationen“.[194] Es war daher jedenfalls ein völlig ungerechter Vorwurf, wenn Mitte August der „deutsche Verein“ in Leipzig dieser Rede und Abstimmung Blum’s undeutsche Gesinnung unterlegte.
Die zweite der rein politischen Fragen betraf die polnische Angelegenheit und wurde am 24. Juli verhandelt. Schon das Vorparlament und der Fünfzigerausschuß hatte sich mit dieser Frage zu beschäftigen gehabt. Dort war das „schmachvolle Unrecht“, das gegen Polen begangen worden, von der deutschen Versammlung feierlich anerkannt worden, ja man hatte beschlossen, den nach der (deutschen?) Heimath zurückkehrenden Polen auch in Haufen den Durchzug durch Deutschland zu gewähren. Der Fünfzigerausschuß hatte vorsichtiger das national-deutsche Interesse gewahrt. In beiden Versammlungen hatte Blum seine polnischen Sympathien offen und beredt bekannt, aber auch kein Wort gesprochen, das die deutschen Interessen verletzen konnte. Nun schlug der Ausschuß einen Antrag vor, welcher in den gemischten Landestheilen vor Allem das deutsche Interesse auf das Sorgfältigste wahrte, den Polen dagegen auf Grund eines Beschlusses des Parlaments vom 31. Mai die „ungehinderte volksthümliche Entwickelung und Gleichberechtigung ihrer Sprache gewährleistete“. Diesen Antrag konnte kein deutscher Abgeordneter bekämpfen. Aber er enthielt durch die vorläufige Genehmigung der Demarcationslinie des General Pfuel vom 4. Juni u. A. doch schon eine bestimmte Entscheidung über die Nationalitätengrenze und deßhalb beantragte Blum, die Frage erst noch durch die Centralgewalt untersuchen zu lassen. Die Rede, die Blum bei dieser Gelegenheit hielt, stieg aber weit hinaus über diese rein praktischen und nüchternen Gesichtspunkte. Sie zog das ganze Verhängniß der unglücklichen Nation in ihren Bereich. Und so weit wir vom Standpunkt des Redners entfernt sein mögen, so werden wir doch die Tiefe seiner Ueberzeugung und die Kraft seiner Worte ebenso schätzen, wie die Zeitgenossen sie schätzten, die sie hörten und anderer Meinung waren als er Blum sagte:
„Es giebt wohl kaum eine eigenthümlichere Stellung, als diejenige ist, wo ein freigewordenes oder freiwerdendes Volk entscheiden soll über das Schicksal eines dem Untergang scheinbar gewidmeten Volks. Wir haben wahrscheinlich wichtigere Beschlüsse gefaßt, als der heutige ist, wir werden vielleicht wichtigere fassen, aber wir werden schwerlich irgend einen fassen, bei dem die Gerechtigkeit so laut und so gewaltig an unser Herz schlägt mit ihren Aufforderungen, und bei der möglicherweise ein Zwiespalt entsteht zwischen den Forderungen der Gerechtigkeit und denjenigen, die das Nationalgefühl macht. Erregt schon das Unglück an und für sich eine lebendige Theilnahme, giebt es nach dem Ausspruche eines von allen Parteien und allen Richtungen verehrten Polenhelden keinen größeren Schmerz, als den eines untergehenden Volkes, weil der Gesammtschmerz der ganzen Nation sich vererbt auf die noch lebenden Glieder bis zum Letzten hinab und der Letzte ihn in seiner Gesammtheit tragen muß, wie Kosziusko in der Schweiz ausgesprochen hat; so wird diese Theilnahme noch erhöht dadurch, wenn man auf das Volk selbst einen Blick wendet und nicht blind für seine Mängel und Fehler — denn wer hätte die nicht? — dennoch genöthigt ist, ihm in der Geschichte einen der ehrenvollsten Plätze anzuweisen. Meine Herren! vergessen wir es doch ja nicht, wie lange Polen einen Wall gebildet zwischen der nordischen Barbarei und der westlichen Bildung, vergessen wir es doch ja nicht in dem gegenwärtigen Augenblick, wie viel wir ihnen zu danken haben in den früheren Jahrhunderten; und wenn wir jetzt nur zu leicht geneigt sind, die Schattenseite dieses Volkes zu betrachten, vergessen wir doch ja nicht, daß dasselbe seit undenklicher Zeit in seinem Schooße den Einwanderern gewährt hat, wonach wir in Deutschland in diesem Augenblick noch ringen: daß die Gewissensfreiheit nirgends so geschützt war, als in Polen, und daß selbst die verachteten und von der ganzen Welt zurückgestoßenen Juden eine Heimath dort fanden. (Mehrere Stimmen: Bravo!) Ich würde Ihnen noch manche geschichtliche Erinnerung darbieten können aus vergangenen Zeiten Polens, ich will aber darauf verzichten: Denen aber, die so sehr bereit sind, heute das polnische Volk in den möglichst tiefen Schatten zu stellen, ihm alle Tugend abzusprechen, und alle Laster ihm anzuhängen (Unruhe auf der Rechten), muß ich zurufen, sie sollen nicht vergessen, daß wir einen großen Theil der Schuld davon tragen. Das Volk ist seit achtzig Jahren zerrissen, geknebelt und unterdrückt, und wir haben es beraubt seiner inneren Kraft und seines Landes und seiner Selbstständigkeit und seiner Freiheit. Und wenn nach achtzig Jahren Derjenige, den wir zu unsern Füßen niedergetreten haben in den Schmutz, schmutzig erscheint, dann wälzen Sie die Schuld nicht auf ihn. Es mag sehr richtig sein, daß in den Jahren so langer Unterdrückung, so langer systematisch gepflegter Demoralisation, d. h. geistiger Zerstörung, so wie äußerlicher, Manches sich an dieses Volk angehängt hat, von dem es früher nichts gekannt hat; es mag sein, daß es gesunken ist von Stufe zu Stufe; dann aber ist es um so mehr unsere Aufgabe, dazu beizutragen, daß es sich wieder erhebe, weil wir Theil haben an seinem Versinken. So paart sich mit der Theilnahme an dem Volke das Bewußtsein der Schuld unserer Väter, die wir tilgen müssen. Denn ein Volk geht nicht dahin, wie ein Mensch, ein Volk bleibt immer dasselbe, und sühnen muß das Volk, was das Volk, wenn auch ohne seine Zustimmung, in seinen damaligen einzigen Vertretern gesündigt hat. Ein Mann, den Sie wahrscheinlich nicht zu den Wühlern und Anarchisten zählen werden, ein Mann, der kaum jemals auf der linken Seite irgend eines Hauses gesessen hat, dessen staatsmännischen Verstand und dessen tiefe Gedankenfülle bei Auffassung der europäische Ereignisse aber alle Parteien anerkannt haben, hat es gesagt, „daß das der Alp sei, der unsere Geschichte, unsere Politik des achtzehnten Jahrhunderts, den Begriff der Nationalität, der Sittlichkeit, den Friedenszustand, die Zukunft und das ganze Völkerrecht drücke, das Unrecht, das an Polen begangen worden sei.“ Dieser Mann — es ist der alte Gagern, dessen Namen sie mit Ehrfurcht begrüßen werden — er hat „keinen andern Schmerz über sein Dasein gekannt, keine andere Ursache es zu bereuen, als daß er in dieser Zeit der durch und durch falschen Handlungsweise — Seitens der Diplomatie und alten Herrschaft — gelebt hat.“ Er sagt es Ihnen sehr deutlich, daß „die Schuld, die begangen worden ist, nicht bloß auf Diejenigen kommt, die sie unmittelbar begangen haben, sondern auch auf Diejenigen, die sie fortsetzen dadurch, daß sie ihre Kraft nicht anwenden, um sie zu sühnen.“ Und er sagt Ihnen endlich, „daß es in Europa keinen Frieden, kein Völkerglück, keine Sicherheit der Zustände, keine auf der Gerechtigkeit fußende Zukunft und keine Freiheit geben könne, bis die Schuld gesühnt sei, die man an Polen begangen habe.“ (Vielseitiger Beifall.) Was ist bis jetzt zu dieser Sühne geschehen? Die Polen haben in einem langen Zeitraume der Unterdrückung zu verschiedenen Zeiten den Versuch gemacht, sich frei zu machen, und das Joch wieder zu brechen, welches man auf ihren Nacken gelegt hatte. Je nachdem die Zeitumstände waren, hat man das Heldenmuth und Revolution genannt; je nachdem die Zeitumstände waren, hat man sie bewundert und hat sie geschmäht. Ich will kein Urtheil darüber fällen, auf welchem Punkt wir gegenwärtig angelangt sind, aber sagen muß ich, daß es nach den Resultaten der letzten Monate auf jeden Fall Veranlassung giebt einzugestehen, daß das seit 80 Jahren unterdrückte Volk vielen andern in Europa mit dem Beispiel der Vaterlandsliebe und des nie zu vernichtenden Muthes vorangegangen ist, welches, wenn es nachgeahmt worden wäre, in unserm Vaterland uns höchst wahrscheinlich nicht auf die tiefe Stufe des Elends hätte sinken lassen können, auf welcher wir am Schlusse des vorigen und am Anfange dieses Jahrhunderts uns befunden haben. Auch jetzt, wo aufs Neue der Frühling dahinzog über die Völker, haben die Polen Theil nehmen wollen an dem werdenden Tage. Sie haben geglaubt, daß auch für sie die Stunde der Wiedergeburt geschlagen habe, und in diesem Glauben haben sie die Hand gelegt an diese Wiedergeburt, wo und wie sie konnten, und wenn Sie ihnen sagen wollen, oder sagen müssen: daß sie hin und wieder übereilt oder unbesonnen gehandelt haben, dann erkennen Sie wenigstens an, daß der Trieb, der sie geführt hat, ein edler war, und daß es um so edler ist, die letzte Kraft dem Vaterlande zu weihen, jemehr dieses Vaterland unterdrückt ist, und je geschwächter die Kraft selbst ist, die man in die Wagschale legen kann. Ich will hier nicht anklagen! denn klagte ich an, ich würde in den Fehler verfallen, den ich dem Ausschuß-Berichte demnächst vorwerfen will; wie sehr auch das Herz geneigt ist, für Polen Partei zu nehmen — und es ist eine schöne Seite des menschlichen Herzens, daß es Partei nimmt für das Unglück, selbst dann Partei nimmt, wenn es möglicherweise das Unglück zu hoch, seine Gegner zu tief stellen sollte — ich will doch nicht anklagen, ich will der Mahnung des Vorsitzenden gedenken, die so hochwichtige europäische Frage mit schonender Milde zu behandeln. Ich will nicht hinweisen auf die Gefahren, die uns von Rußland drohen, und nicht ausführen, wie wir denselben einen Damm entgegenstellen können, indem wir zugleich unsre Schuld und unser Gewissen sühnen. Ich will nur fragen, wenn wir hier die Angelegenheiten der europäischen Politik, Angelegenheiten von dem gewaltigsten Gewichte nicht bloß für unser Vaterland, sondern für das gesammte Europa, entscheiden, nach welchem Principe handeln Sie denn da? Ist es die territoriale Auffassung der Dinge, die Sie bestimmt, wie das z. B. hinsichtlich Schleswig-Holsteins, der Slaven und Triests der Fall gewesen zu sein scheint? Warum sind Sie dann nicht von demselben Principe ausgegangen, wenn es sich darum handelt, ein anderes Volk zu beurtheilen, dem eine Anzahl Deutscher einverleibt ist, wie uns eine Anzahl Dänen und Slaven und Italiener, und wie sie heißen mögen? Oder ist es der Nationalgesichtspunkt, der Sie leitet? — Nun, dann seien Sie auf der andern Seite so gerecht, und wenn Sie Posen durchschneiden, um die Deutschen zu reclamiren, so schneiden Sie auch Schleswig durch, geben Sie die Slaven los, die zu Oesterreich gehören, und trennen Sie auch Südtyrol von Deutschland. — Ja, ich sage mehr: Wenn Sie ein so lebhaftes Nationalgefühl haben, und durch dasselbe allein sich leiten lassen wollen, so befreien Sie die deutschen Ostseeprovinzen von der Herrschaft Rußlands, und befreien Sie die 600,000 unglückseligen Deutschen im Elsaß, die sogar unter der Herrschaft einer Republik schmachten. (Anhaltender Beifall.) Entweder das Eine, oder das Andere ist richtig, denn sich die Politik zurechtmachen in der Art und Weise, wie sie Einem eben für den Augenblick paßt, das ist nach meiner Ansicht gar keine Politik. — Ich will aber auch hier mild sein, und sagen: es ist möglich, daß nach einer 80jährigen Unterdrückung für die Polen auch die Nothwendigkeit eingetreten ist, einen Theil ihres Bodens abzugeben; es ist möglich, daß es eine Nothwendigkeit ist, eine Linie zu ziehen; es ist möglich, daß die Freiheit wie die Gerechtigkeit Dieses gebieten können — dann können Sie diese Frage nur entscheiden, wenn Sie mit all der Gründlichkeit, die eine schöne Eigenthümlichkeit unsers Volks ist, diese Nothwendigkeit nachweisen. Ich suche vergebens in diesem Berichte auch nur im Allerkleinsten einen Nachweis, und muß bekennen, ich begreife es nicht, wie ein solcher Bericht in einer deutschen Volksvertretung nur hat gemacht und vorgelegt werden können. Nichts ist darin, als Angaben auf Zeitungsgeschwätz hin, nicht eine einzige Nachweisung ist darin, wo eine vernünftige Grenze in Polen ist, nirgends ist eine Nachweisung über das wahre Bevölkerungs-Verhältniß, oder über die topographische Lage der Dinge, nicht eine Tabelle oder Karte, die belehrte, gar nichts. In Bausch und Bogen sollen Sie entscheiden, ohne Kenntniß der Dinge, über eine Frage, die uns in größere Verwickelungen stürzen kann, als es in dem europäischen Leben noch gegeben hat! Muß man einen Schnitt machen in das Land, so kann man diesen Schnitt nur machen in Uebereinstimmung mit Denen, die diese Territorial-Verhältnisse festgestellt haben; wenn man das Beispiel von Krakau wiederholt, so wundere man sich wenigstens nicht, wenn die europäischen Verträge, die für uns keine Geltung haben, wo sie uns oder der übertriebenen Eroberungslust unserer jungen und zweifelhaften Freiheit unbequem sind, auch von Andern nicht mehr geachtet und nicht mehr als bestehend anerkannt werden; wundern wir uns nicht, wenn in dem Augenblicke, wo wir Alle auf das Innigste betheiligt sind, daß das Gewordene sich befestige, bei uns und bei unsern Nachbarn die Partei kommt und Volksleidenschaft auf ihrer Seite, die als erste Verkündigung ihres Sieges von der Tribüne herab erklärt: „Polen soll befreit werden, wenn nicht durch unsere Vermittelung, durch unsere Waffen.“ Dann geben Sie die Zukunft der Welt preis dem ungewissen Schicksale eines langen und blutigen Krieges, dann vernichten Sie vollständig den Wohlstand des Volkes, der jetzt so tief erschüttert ist, und so nothwendig hat, sich wieder zu erholen. Ich will nichts von Ihnen als den Ernst und die Prüfung, die uns nothwendig ist, eine Prüfung, die man selbst als nothwendig erkannt hat, wo man tiefer betheiligt ist bei diesen Angelegenheiten, als wir es für den gegenwärtigen Augenblick sind. Die preußische Regierung, welche die Theilung Polens ausgeführt hat, hat die Nothwendigkeit anerkannt, die Akten wieder aufzunehmen und näher anzusehen, was damals geschehen ist; sie hat im Vereine mit ihren Vertretern eine neue Untersuchung angeordnet und einer Commission der dortigen Volksvertreter übertragen, oder mindestens übertragen lassen; sie wird die Berichte dieser Commission erwarten und sie wird, ich zweifle nicht, darnach handeln. Mehr verlange ich auch nicht. Man kann die Völkerschicksale nicht anhalten: haben die Polen uns ein Stück Boden, und haben sie uns so und so viel deutsche Bewohner abzugeben, wohlan, so mögen sie dieses Schicksal tragen, wie manches andere harte Schicksal, das sie haben tragen müssen; aber man zeige ihnen nicht mit Shrapnells, sondern mit Gründen der Vernunft und der Nothwendigkeit, daß sie es müssen; man zeige es ihnen im Angesichte von Europa, und erst dann, wenn sie mindestens wieder angefangen haben, ein Volk zu sein, nicht jetzt, wo sie gebunden sind an Händen und Füßen, und wo wir nicht mit ihnen unterhandeln, sondern ihnen nur abnehmen können, was wir haben wollen. Man thue ihnen, den Schwachen und Unglücklichen, gegenüber, was man gegenüber von Rußland und Frankreich that, weil sie stark und gewaffnet sind; man wende ihnen zu, was ihnen gebührt: die Schonung, die das Unglück in so hohem Grade in Anspruch nimmt, und man behandle sie eher milder, als härter denn andere Völker; das ist das Einzige, was ich beantrage. Beauftragen Sie die Gewalt, die Sie geschaffen haben, mit eigenen Augen zu sehen, nicht mit den trüben Augen, die die gegenseitigen Parteischriften hervorgerufen haben; gedenken Sie an die Worte des Dichters, „daß von der Parteiengunst und Haß entstellt das Charakterbild der Zustände in der Geschichte schwankt.“
Lassen Sie Ihren verantwortlichen Minister Ihnen gegenübertreten, von dieser Tribüne herab Ihnen sagen: „Das ist nothwendig,“ und wenn er das sagt und mit Gründen belegt, dann werden Sie ruhig der Nothwendigkeit gehorchen können. Indem ich also nichts von Ihrer Gerechtigkeit verlange, als eine Untersuchung der Sache, schließe ich mit den Worten einer Herrscherin, die betheiligt war bei der Theilung Polens. Sie sagte: „In dieser Sache, wo nicht allein das offenbare Recht himmelschreiend gegen uns ist, sondern auch alle Billigkeit und die gesunde Vernunft wider uns ist, muß ich bekennen, daß zeitlebens ich nicht so geängstigt mich befunden und mich sehen zu lassen schäme. Bedenke der Fürst, was wir aller Welt für ein Exempel geben, wenn wir um ein elendes Stück von Polen unsere Ehre und Reputation in die Schanze schlagen.“ Das schrieb Maria Theresia an Kaunitz. (Stürmisches Bravo von der Linken.)“